Moskau hat den Roten Planeten fest im Visier

Russland unternimmt ernsthafte Anstrengungen, bemannte Mars-Mission zu realisieren. MIR-Weltraumveteran glaubt, dass erste Raumfahrer-Expedition zum Mars ab 2014 möglich ist. Aufwändige Simulation beginnt nächstes Jahr.

Der Weg zum Ziel ist beschwerlich, aber zeitlich gesehen vielleicht nicht ganz so lang. Wenigstens glaubt dies ein Ex-Raumfahrer, der von allen am längsten im All war. Waleri Poljakow, der heutige Vizedirektor des Moskauer Instituts für Medizinisch-Biologische Probleme (IMBP), hält eine bemannte Mission zum Mars bis 2014 für möglich. Ein Manko hätte das Ganze aber. Denn bei dieser Expedition wäre keine Landung vorgesehen. Indessen sind die Planungen für die bislang aufwändigste Simulation einer bemannten Mars-Mission voll im Gange. Ab 2006 sollen sechs Probanden 500 Tage lang auf begrenztem Raum den Flug zum Roten Planeten trainieren.

Anfangs sah es noch danach aus, als würde in der Gerüchteküche der russischen Raumfahrtagentur Roskosmos (frühere Rosaviakosmos RSA) wieder einmal nur heiß gekocht. Doch was die Spatzen bereits seit einiger Zeit von den Dächern in Moskau pfeifen, ist alles andere als eine lahme, unappetitliche Ente.

Bemannter Marsflug ohne Höhepunkt

Im Gegenteil, was der Vize-Chefkoch, besser gesagt der Vize-Direktor des Moskauer Instituts für Medizinisch-Biologische Probleme (IMBP) und ehemalige MIR-Kosmonaut Waleri Poljakow kürzlich auf einer Pressekonferenz in Moskau anlässlich der Präsentation seines neuen Buches "Internationale bemannte Raumfahrt" auftischte, dürfte ganz nach dem Geschmack der Gourmets der bemannten Raumfahrt sein. Schließlich könnte seinen Ausführungen zufolge die russische Raumfahrt bei ausreichender Finanzierung bereits im Jahr 2014 einen bemannten Marsflug ohne Landung durchführen.

Zielplanet Mars - geht es nach der russischen Raumfahrtbehörde, würde die erste bemannte Mission zum Roten Planeten in der nächsten Dekade starten. (Bild: NASA/JPL/Malin Space Science Systems)

Wie die russische Agentur für internationale Information RIA Nowosti am Freitag berichtete, sei nach Ansicht Poljakows in dem Zeitraum von 2018 bis 2020 sogar eine bemannte Mission inklusive einer Landung auf dem Roten Planeten realisierbar. "Dafür sollen ausreichend Mittel bereitgestellt werden. Zudem ist eine Kooperation mit anderen europäischen Ländern notwendig", so der Langzeitflugweltrekordler, der im letzten Jahrhundert 438 Tage nonstop auf der russischen Raumstation MIR verbrachte. "Flüge zur Internationalen Raumstation ISS sind langweilig. Das alles hatten wir bereits an Bord der Station MIR absolviert". Deshalb solle der Mars erschlossen werden, so Poljakow.

Worauf es nun ankäme, wäre, Enthusiasten, Besessene, erfahrene Menschen zu finden, die bereit seien, das tödliche Wagnis der erhöhten Strahlung einzugehen. Möglicherweise werde man dieses Problem in den nächsten Jahren lösen können, so der Ex-Kosmonaut, der von dem Gedanken regelrecht besessen ist, alsbald eine bemannte Mission zum Roten Planeten zu entsenden.

Ältere, humorvolle Männer zum Mars

Tatsächlich sprach sich der Russe in der Vergangenheit mehrfach für einen baldigen Flug zum Mars aus, wobei er aber stets zugleich auf die potentiellen Gefahren eines langjährigen Aufenthaltes im All hinwies. So erklärte der IMBP-Vizedirektor im letzten Jahr, dass Raumfahrern bei künftigen Langzeitraumflügen zum Mars nicht nur Kalzium- und Muskelschwund, sondern auch Zeugungsunfähigkeit und Libido-Verlust drohe.

"Die reproduktive Funktion des Menschen wird auf Flügen zum Mars und zurück vollständig verloren gehen". Nicht minder ungewöhnlich war auch Poljakows Äußerung, dass der ersten bemannten Mars-Expedition "nur ältere Männer mit großen Lebens- und Berufserfahrungen und einer gehörigen Portion Humor" angehören sollten. "Der Flug wird sich zweifellos auf die Gesundheit und die Lebenserwartung der Besatzung auswirken. Deshalb müssen sozial abgesicherte Menschen fliegen, die nichts zu verlieren haben."

500-tägige Simulation

Auf jeden Fall ist der nächste Schritt in Richtung Mars getan. Um die psychischen und medizinischen Auswirkungen bei einem möglichen Mars-Flug zu erforschen, planen russische Wissenschaftler nämlich ab 2006 ein aufwändiges, zehn Millionen Dollar teures Langzeitexperiment.

Mehr als ein Jahr lang soll in einem Gebäudetrakt des IMBP im Norden Moskaus in einem experimentellen Bodenkomplex die erste Raumfahrer-Expedition zum Mars simuliert werden. Von der Außenwelt völlig abgeschnitten, soll eine aus sechs Freiwilligen bestehende Crew eine fiktive 500-tägige Odyssee durchs All absolvieren. Bereits jetzt steht fest, dass die Mannschaft aus einem Raumschiffkommandanten, einem Piloten, einem Arzt und Bordingenieur sowie zwei Forschern bestehen soll.

Bisherige Resonanz auf Simulation ist groß

Zwar ist die Ausschreibung international - die Teilnehmersuche beginnt auf dem Kongress für Weltraumbiologie und -medizin, der im September 2005 in Berlin stattfindet -, doch bewerben können sich nur körperlich gesunde männliche Hochschulabsolventen technischer, medizinischer oder naturwissenschaftlicher Disziplinen, die über sehr gute Englischkenntnisse und profunde Computerkenntnisse verfügen. "Schon jetzt bekommt das Institut Briefe aus den USA, Griechenland, Belgien und Österreich - von Interessenten, die an dem Experiment teilnehmen wollen, das die russische Weltraumagentur Roskosmos und die Russische Akademie der Wissenschaften unterstützt", erklärt der Direktor des IMBP-Instituts Anatoli Grigorjew.

Mensch und Maschine auf dem Mars: Auch bei einer bemannten Mars-Mission werden Roboter zur Vorbereitung und während der Arbeit vor Ort zum Einsatz kommen. (Bild: ESA)

Das IMBP in der russischen Hauptstadt hat schon früher derartige Simulationsstudien durchgeführt und ist für seine strengen Standards bekannt. Bei dem Experiment müssen die sechs Besatzungsmitglieder 500 Tage lang in einem Modulsystem innerhalb eines geschlossenen Wasser- und Luftkreislaufsystem wohnen und arbeiten. Das Recycling-System ist wie jenes angelegt, das derzeit für einen möglichen Flug zum Roten Planeten angedacht ist. Während der langen Testphase wird die Mannschaft auf alle möglichen Gefahrensituationen vorbereitet und geht dabei alle potentiellen Szenarien eines Marsflugs durch. Die meisten Aufgaben wird die Crew ohne die Hilfe von außerhalb selbstständig lösen müssen.

Zum Mars ohne Frauen

Dass Frauen für das Experiment nicht zugelassen sind, hängt nach Ansicht des IMBP -Direktors und Mitglieds der Russischen Akademie der Wissenschaften Anatoli Grigorjew mit den starken Belastungen einer realen Mars-Mission zusammen.

Die Frauen sind eben doch zarte und zerbrechliche Geschöpfe, deshalb müssen die Männer ihnen den Weg zu fernen Planeten ebnen und sie später auf den Armen dorthin bringen

. In erster Linie seien Frauen deshalb weniger geeignet, weil die kolossalen physischen und psychologischen Anstrengungen nur erfahrene Männer bewältigen können. "Die Teilnehmer der zweijährigen Expedition zum Mars sollten Profis im Alter zwischen 35 und 55 Jahren sein, unbedingt mit Raumflug-Erfahrung, präzisierte er.

Welchen Stellenwert derlei Tests für Moskau zurzeit haben, veranschaulichte der Chef der russischen Raumfahrtagentur Roskosmos in einem Anfang dieses Monats veröffentlichten Exklusiv-Interview gegenüber der RIA Nowosti-Agentur. Auf die Frage hin, ob es Pläne für den Bau einer Station auf dem Mars gebe, antwortete dieser:

Unser Programm enthält keine solchen Pläne ... Aber das bedeutet ganz und gar nicht, dass wir überhaupt keine Pläne für bemannte interplanetare Expeditionen haben. Im Gegenteil. Wir gehen davon aus, dass es in der ersten Etappe darauf ankommt, den gesamten Flug zu simulieren. Das heißt, dass die wichtigsten Technologien, Systeme und Elemente perspektivischer bemannter Komplexe perfektioniert werden müssen, die für Flüge zum Mond und zum Mars bestimmt sind.

(Harald Zaun)