Mosul: Brutaler Häuserkampf gegen IS-Dschihadisten

Sniper-Krieg, Screenshot aus einem Propaganda-Video

Über zivile Tote wird nicht berichtet. Die irakische Offensive kommt nur mühsam voran. In der Stadt herrscht Gesetzlosigkeit

Wann wird die al-Nuri-Moschee zurückerobert? Folgt man der Berichterstattung über das militärische Geschehen in Mosul, so sind die irakischen Spezialkräfte seit Wochen nahe daran, der berühmten Moschee endlich die eigene Flagge aufzusetzen. "Das wäre ein großer Tag im Norden Iraks", heißt es auf Twitter-Beobachterstationen.

Die Moschee hat hohen Symbolwert für den IS, nicht nur weil dort Abu Bakr al-Baghdadi im Juni 2014 das Kalifat ausgerufen hat, sondern auch weil der Name der Moschee mit einer erfolgreichen Mobilisierung zum Dschihad assoziiert ist. Der Namensgeber Nur al-Din Mahmoud Zanki (1118 bis 1174) stand in Vorzeiten für ein Gelingen der Einheit der Muslime im Kampf gegen Kreuzritter und für Siege, die mit einem weiteren, noch größeren Namen verknüpft sind: Saladin.

Gegenwärtig kennt die größere Öffentlichkeit Nur al-Din hauptsächlich als Namensgeber der syrischen Miliz Harakat Nour al-Din al-Zenki, die lange Zeit von den USA unterstützt wurde. Erst durch die Veröffentlichung einer Kindesenthauptung wurde offensichtlich, was schon im Namen eingeschrieben war: Dass es sich um Dschihadisten handelt, nicht um moderate Rebellen. Auch für den Wurzel-Dschihadisten des IS, Zarqawi, war Nour al-Din al-Zanki (auch Zenki, Zengi, Sengi) eine wichtige Inspiration. Was eben auch anzeigt, wie geschickt sich selbst die Dschihadisten nicht nur des Korans und der Medien, sondern auch der Markennamen aus der Geschichte bedienen.

Als der IS 2014 das Kalifat ausrief, galten die Dschihadisten militärisch als derart große Bedrohung, dass man sich vor einem Kollaps des Irak fürchtete. Die Bedrohung ist längst nicht mehr so stark. Jetzt geht es darum, dass die IS-Herrschaft über die Stadt Mosul fällt und Bilder von der irakische Flagge auf dem berühmten schiefen Minarett der al-Nuri-Moschee würden in die Welt hinausgehen als Zeichen für das unaufhaltsame Ende des Kalifats.

Doch ist dieser Tag zwar irgendwie in Sichtweite, wie immer wieder gestreut wird, aber der Vormarsch der irakischen Spezialtruppen, allen voran die Elitetruppe der irakischen Bundespolizei, geschieht anscheinend nur Haus für Haus. Sniper sind ein großes Problem, Sprengfallen, Autobomben, Drohnen und vor allem, dass die IS-Dschihadisten sich unter die Bevölkerung gemischt haben, in ihren Häusern leben.

Damit erklärte der frühere NZZ-Beirut-Korrespondent Arnold Hottinger das längere "Stillschweigen über Mosul":

Wahrscheinlich ist die Verlangsamung des Tempos in Mosul mit den Ereignissen vom 17. März in Verbindung zu bringen. Damals kam es zum Einsturz eines Hauses im Viertel Mosul Dschadid (Neu Mosul), bei dem eine grosse Zahl von Zivilisten umkam. Die Zahlen waren sehr unterschiedlich je nach Quelle, sie reichten von 71, wie die amerikanischen Militärs sagten, bis zu 240, wie die lokalen Quellen behaupteten.

Was den Einsturz verursacht hatte, war ebenfalls unklar. Amerikanische Offiziere räumten ein, dass sie das Haus bombardiert hatten. Jedoch seien die dafür eingesetzten Lenkwaffen nicht schwer genug gewesen, um das Haus völlig zu zerstören. Irakische Offiziere behaupteten, das Haus sei vom IS mit Minen bestückt worden, die bei der Beschiessung explodiert seien. Dies gehe aus den Trümmern hervor. Noch andere sprachen von einem Selbstmordanschlag mit einem mit Sprengstoff gefüllten Lastwagen, der vor dem Haus explodiert sei, möglicherweise anlässlich der Bombardierung. Dies habe zum völligen Zusammenbruch des Gebäudes geführt.

Ein amerikanischer General sprach von einer Tragödie und räumte ein, zur Zeit der Zerstörung des Hauses habe ein Luftangriff der amerikanischen Koalition stattgefunden. Irakische Flüchtlinge gaben an, der IS zwinge zivile Bewohner von Westmosul, in bestimmten Häusern Unterschlupf zu suchen. Gleichzeitig postiere er Scharfschützen auf den Dächern dieser Häuser. Dies mit dem Ziel, Luftangriffe auf die Scharfschützen zu unterbinden, weil die Piloten damit rechnen müssten, dass ihre Bomben auch grössere Zahlen von Zivilisten in den Tod reissen würden.

Arnold Hottinger

Die Leser mögen entschuldigen, dass hier ein solch langes Zitat eingefügt wurde, aber besser kann man die vertrackte Lage in Mosul nicht veranschaulichen. Als bemerkenswert soll an dieser Stelle noch erwähnt werden, dass sich die Berichterstattung über die Eroberung von Aleppo, wo die Vermischung zwischen Zivilbevölkerung und Dschihadisten (der al-Nusra-Front, al-Qaida) ebenfalls ein Problem war, nicht bemühte, dieser Kriegstaktik seitens der Extremisten Rechnung zu tragen.

Gestern wurde in größeren Medien wieder über Mosul berichtet. Die Zeit meldete, dass die irakische Armee das größte Viertel in West-Mosul, al-Tanak, nach Angaben eines Armeesprechers vollständig eingenommen hätte. "Auf den Gebäuden sei die irakische Flagge gehisst worden."

Die Nachricht kursiert auch auf den Twitterkanälen, die pausenlos Kurznachrichten zur Lage in Mosul senden. Dort finden sich auch aktuelle Frontverläufe auf einer eine Karte, wo das Herrschaftsgebiet der IS-Milizen ersichtlich von einer sehr viel größeren Zone unter der Kontrolle der irakischen Armee beinahe umringt wird - und die Nachricht, dass bei der Einnahme des Stadtteils al-Tanak angeblich 500 IS-Milizen getötet wurden. Das ist viel. Wie viele Zivilisten umgekommen sind, ist nicht zu erfahren.

Der Widerstand des IS und dass so viele Kämpfer nur in einem Viertel getötet wurden, nimmt sich angesichts der Äußerungen vor der Offensive auf Westmosul sonderbar aus. Nachdem die Viertel im Osten Mosuls nur mit Mühen und mit sehr viel mehr Zeit als angekündigt erobert worden waren, hieß es, dass die Kämpfe in den dicht besiedelten Vierteln am rechten Ufer des Tigris, darunter die Altstadt, zwar aufreibend sein würden, die IS-Milizen aber schon ziemlich aufgerieben wären und häufig die Flucht ergreifen würden.

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