Motiv: Pathologisches Sammeln

1-Terabyte-Festplatte von Toshiba. Foto: Editor 182. Lizenz: Public Domain

Hängt der Fall eines Booz-Allen-Hamilton-Mitarbeiters, in dessen Garage man 50 Terabyte geheime Daten fand, mit Vault 7 zusammen?

Die letzte Woche von WikiLeaks veröffentlichten Vault-7-Dateien der CIA gleichen teilweise einem Wiki, weil sie offenbar auch alle älteren Versionen von Angriffsanleitungen und Informationen zu den Änderungen der Einträge enthalten. Der für den ORF tätige Geheimdienst- und Datenschutzexperte Erich Möchel hält es wegen dieser Auffälligkeit für "möglich, dass die ursprüngliche Quelle [des] Leaks bereits seit Sommer 2016 verhaftet" wurde.

Anzeige

Der Wust an Daten, die eigentlich nur mehr für IT- und Geheimdiensthistoriker von Wert sind, erinnert Möchel "frappant" an den Shadow-Brokers-Fall und den des ehemaligen Booz-Allen-Hamilton-Mitarbeiters Harold T. Martin, der im August festgenommen wurde und in dessen Garage man 50 Terabyte an geheimen Daten der NSA fand, die den externen Dienstleister mit Aufträgen versorgt. Auch diese Dokumente enthielten beispielsweise "neben aktuellen Cisco-Exploits [...] alle alten Versionen für längst verschrottete Firewalls der frühen 2000er Jahre".

Die "kapitalen Leaks" Shadow Brokers, Martin und Vault 7 sind Möchels Meinung nach "durch ihren umfassenden enzyklopädischen Charakter in der Geschichte der US-Geheimdienste ebenso einzigartig" wie "strukturell ähnlich", weshalb er es für "wenig wahrscheinlich" hält, dass die "zeitliche Korrelation", das Auffliegen innerhalb weniger Monate, "reiner Zufall ist" - auch wenn keine "direkte Verbindung zwischen Martin sowie den eindeutig staatlich gelenkten, unbekannten Shadow Brokers und WikiLeaks besteht".

Martin, dessen Fall seit 8. Februar vor Gericht verhandelt wird, soll der Anklageschrift nach seit den späten 1990er Jahren nicht nur Datenbanken der NSA-, sondern auch solche der CIA angezapft haben. Die NSA setzte ihn unter anderem im Office of Tailored Access (TAO) ein, das digitale Angriffe vorbereitet - also das, was die durch Vault 7 bekannt gewordenen Operational Support Branch (OSB) bei der CIA macht. Was man dem 53-Jährigen nicht vorwirft, ist, dass er die abgezapften Daten verkaufte oder weitergab. Allerdings war die Garage, in der er die Datenträger aufbewahrte, nicht gegen fremden Zugang geschützt.

Um den Prozess zu Lebzeiten des Angeklagten abschließen zu können, beschränkt sich das Verfahren außerdem auf das unbefugte Kopieren von lediglich 20 streng geheimen Dokumenten. Alleine dafür kann eine Haftstrafe von bis zu 200 Jahren verhängt werden. Tatmotiv war Martins Anwälten zufolge eine Sammelleidenschaft, die pathologische Ausmaße annahm. Die Ex-Ehefrau des vorher leicht psychisch auffälligen IT-Fachmanns, der bei seiner Festnahme an einer Doktorarbeit über "Virtuelle Interfaces zur Erforschung von heterogenen und Cloud-Computing-Architekturen" schrieb, hält das anhand ihrer eigenen Erfahrungen mit Martin für glaubwürdig.

Eine der Vault-7-Enthüllungen war, dass sich die CIA-Zentrale für Aktivitäten des Geheimdiensts in Europa, Afrika und dem Nahen Osten im US-Konsulat in Frankfurt am Main befindet. Anfragen dazu, ob und wie die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel das bei ihrem geplanten Besuch beim neuen US-Präsidenten Donald Trump ansprechen wird, blieben gestern ohne Antwort (vgl. Vault 7: Ursache Outsourcing?).

Dafür gab die Bundesregierung bekannt, die Reise sei wegen eines Schneesturms verschoben worden. Der Bild-Chefredaktionensvorsitzende Julian Reichelt‏ twitterte darauf hin ein recht niederschlagsfrei und sonnig wirkendes "Foto vom dramatischen Schneesturm, der an der US-Ostküste wütet", was Spekulationen darüber befeuerte, dass der eigentliche Grund für die Absage eine für Heute befürchtete WikiLeaks-Veröffentlichung von CIA- oder NSA-Geheiminformationen über Merkel sein könnte. Bislang veröffentlichte die Whistleblower-Pkattform aber lediglich zwei neue Hinweise auf 1699 Archivdokumente über den niederländischen Ministerpräsidenten Mark Rutte und 1392 Archivdokumente über dessen Konkurrenten Geert Wilders - beide mit Verweis auf die morgige Parlamentswahl in den Niederlanden.

Zudem gibt es inzwischen auch in US-Medien Meldungen, dass wegen des Blizzards "Stella" über 6800 Flugzeugstarts in Washington, New York, Boston und anderen Orten im Nordosten der USA gestrichen wurden. In New York schloss man wegen befürchteter 50 Zentimeter Schnee und Windgeschwindigkeiten von bis zu 80 Stundenkilometern die Schulen und rief vorsorglich den Notstand aus, der auch in New Jersey, Pennsylvania und Virginia gilt. Bis Freitag soll sich das Wetter wieder beruhigt haben - dann will Merkel ihre Reise angeblich nachholen. (Peter Mühlbauer)

Anzeige