Motivsuche zum Las-Vegas-Strip-Massaker

Grafik: Phoenix7777. Lizenz: CC BY-SA 4.0

Debatte über Verbot von Bump Stocks

Sechs Tage nach dem Massaker beim Musikfestival Route 91 Harvest in Las Vegas, bei dem 58 Menschen ums Leben kamen und über 500 weitere verletzt wurden (vgl. Massaker in Las Vegas: Schütze tötet mindestens 58 Menschen und verletzt über 500), ist das Motiv des Täters immer noch unklar. Dafür gibt es immer mehr Spekulationen. Sie reichen nun über den Islamismus bis zum Lärm-Amok.

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Der Terrororganisation Islamischer Staat zufolge, die das Massaker für sich beansprucht, war der Täter einer ihrer "Soldaten" und erst vor wenigen Monaten zum Islam konvertiert. Dagegen spricht, dass es dafür bis auf die Bekennerbotschaft keine Anhaltspunkte gibt. Die Behauptung mit der Begründung zu verwerfen, der IS würde ja die Urheberschaft für alle Anschläge in Anspruch nehmen, wäre allerdings zu einfach. Tatsächlich bekannte sich die Terrororganisation bislang zwar zu vielen, aber nur zu solchen Taten, in denen man später zumindest lose Verbindungen zu ihr fand. Einem Anschlag eines Somalis am 1. Oktober im kanadischen Edmonton folgte beispielsweise keine Bekennerbotschaft, obwohl dieser das "Siegel des Propheten" in seinem Tatfahrzeug hatte.

Verbunden mit der IS-Theorie sind Spekulationen über Mitwisser und eventuelle Schulden, die der leidenschaftliche Glücksspieler in Form eines bezahlten Anschlags im Auftrag der Dschihadisten beglichen haben könnte. In diesem Zusammenhang kursieren Fotos einer Rechnung des Mandalay Bay Hotels, die eine Mahlzeit für zwei Personen auf Stephen Paddocks Suite Nummer 135 im 32. Stock zeigen, aber bereits vom 27. September stammen - also einen Tag bevor der 64-Jährige offiziell eincheckte.

Eine andere Motivtheorie, die sich verbreitet, setzt bei den Opfern an, die überwiegend weiße Konservative gewesen sein sollen, bei denen Country Music besonders geschätzt wird. Könnte Paddock also jemand gewesen sein, der solche Leute hasst, und durch die Hysterie nach der Wahl von Donald Trump so radikalisiert wurde, dass er sie nun massenhaft erschoss? Dafür soll ein Foto sprechen, auf dem ein weißstoppelbärtiger älterer Mann mit einem so genannten "Pussy Hat" zu sehen ist, einem Symbol von fanatischen Trump-Gegnern. Ein Ohrenvergleich zeigt jedoch, dass es sich bei der Person auf dem Foto wahrscheinlich nicht um den Täter handelt. Aussagen aus Paddocks Umfeld ergaben zudem bislang keine Anzeichen dafür, dass er sich in entsprechenden Kreisen bewegt hätte.

Tatsächlich in dieser Welt zuhause ist dagegen eine inzwischen entlassene Mitarbeiterin des Senders CBS, die nach dem Massaker meinte, sie habe kein Mitleid für die Opfer, weil diese ihrer Ansicht nach auch kein Mitleid für sie gehabt hätten. Dass so eine Haltung in großen US-Medien kein Einzelfall ist, zeigen Instagram-Postings der Washington Post, in denen man sich über einen Waffenfan amüsiert, der vor den Kugeln flieht.

Eine dritte Motivtheorie setzt bei zwei Beschwerden an, die Paddock der New York Times zufolge am Vorabend der Tat über andere Hotelgäste geäußert haben soll, welche lautstark mit Country Music feierten. Lärm ist zweifellos ein unterschätztes Motiv für Gewaltausbrüche. Aus Lärm erwachsene Verzweiflung steckte hinter zahlreichen der unspektakuläreren Amokläufe, die es nicht auf die Titelseite der Bild-Zeitung, sondern nur in den Polizeibericht und den Lokalteil schafften: sei es der Rentner, der auf seine Nachbarn schoss, oder der Italiener, der ihnen mit der Kettensäge beikommen wollte (vgl. Heimatloser Lärmschutz). Gegen Lärm als Auslöser für das Las-Vegas-Strip-Massaker sprechen jedoch die aufwendigen Vorbereitungen mit 23 Schusswaffen, zehn Koffern Munition und Überwachungskameras, die eine Spontantat ausschließen.

Da auch die Vernehmung der Philippina, der Paddock kurz vor der Tat 100.000 Dollar überwies, keine wesentlichen neuen Erkenntnisse brache, wird das Motiv für das Las-Vegas-Strip-Massaker möglicherweise so rätselhaft bleiben, wie das von Charles Joseph Whitman, der 1966 auf dem Campus der Universität von Texas in Austin mit einem Koffer voller Waffen 17 Menschen erschoss und 32 weitere verletzte. Die Spekulationen darüber, die bis zu einem Hirntumor reichen, hat Kinky Friedman zu einem Country-Music-Klassiker verarbeitet.

Fundiertere Erkenntnisse lassen sich bislang lediglich aus den Reaktionen auf das Massaker gewinnen: Zum Beispiel die, dass nicht nur Donald Trump, sondern auch Hillary Clinton schneller twittern als denken kann: Sie malte sich kurz nach der Tat im Kurznachrichtendienst aus, wie viel mehr Opfer es wohl gegeben hätte, wenn der Täter einen Schalldämpfer gehabt hätte. Die Antwort lieferten ihr eine Vielzahl von Waffenkundigen, die sie darüber aufklärten, dass ein Schalldämpfer das Geräusch nur etwa auf Kettensägenlautstärke mindert und bei einer so schnellen Schussfolge geschmolzen wäre.

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Andere Politiker debattieren deshalb nicht über Schalldämpfer, sondern über die Bump Stocks die man in Paddocks Hotelzimmer fand. Diese Vorrichtungen lassen sich an halbautomatische Waffen montieren, um schneller zu schießen. Sie erschweren zwar das Zielen und Treffen erheblich, sind aber für etwa 200 US-Dollar deutlich preisgünstiger als vollautomatische Waffen, die vor 1986 hergestellt sein müssen, um legal zu sein. Nachdem der Waffenbesitzerverband NRA signalisierte, mit "ergänzenden Regelungen" für solche Bump Stocks einverstanden zu sein, kündigten US-Präsident Donald Trump und republikanische Kongresspolitiker eine Überprüfung an. (Peter Mühlbauer)

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