München-Massaker: Rache für Mobbing?

Der Schütze lockte via Facebook an den Tatort [Update]

Eineinhalb Tage nach dem Massaker in einem Münchner McDonald's-Schnellrestaurant und einem gegenüberliegenden Einkaufszentrum gibt es mehr gesicherte Informationen als in der Tatnacht, in der wilde Gerüchte über drei Schützen mit Langwaffen zu mehreren Panikausbrüchen an anderen Münchner Ortsteilen führten.

Der Einzeltäter Ali S. benutzte für seine Tat angeblich eine sehr handliche Waffe aus Österreich: Eine Glock 17, für die er 300 Schuss 9 Millimeter-Munition in seinem Rucksack bereithielt. Die Waffe war Medienberichten nach nicht registriert, aber ihre Seriennummer war herausgefeilt. [Update: Inzwischen spricht das bayerische Landeskriminalamt von einer Waffe tschechischer oder slowakischer Herkunft, die zu Dekorationszwecken hergestellt und dann "scharf" gemacht wurde. Ali S. soll sie im "Darknet" erworben haben.] Mit dieser Waffe versetzte er sich selbst einen Kopfschuss. Nach der Obduktion des Schützen steht fest, dass er nicht von einem Schuss aus einer Polizeiwaffe verletzt wurde, wie es Freitagnacht hieß.

Auch über das Motiv für das Massaker herrscht nun mehr Klarheit als am Freitag: Robert Heimberger vom Bayerischen Landeskriminalamt geht davon aus, dass es sich um einen Amoklauf gehandelt hat, weil im Zimmer des 18-Jährigen unter anderem das Buch Amok im Kopf - warum Schüler töten gefunden wurde. Seine umfangreichen digitalen Geräte und Datenträger sind aber noch nicht ausgewertet. [Update: Am Sonntag teilte Heimberger mit, man habe außerdem ein "Manifest" des Täters gefunden, aus dem hervorgehe, dass er die Tat seit über einem Jahr plante. Berichte über das Manifest des norwegischen Massenmörders Anders Breivik seien dagegen unzutreffend. Außerdem merkte Heimberger an, Ali S. habe Counter Strike gespielt.]

Zur Amokthese passen Aussagen der Anwohner, die in dem seit Freitagabend kursierenden Video des Täters auf einem Dach zu sehen sind. Gemacht hat die Aufnahme ein 20-Jähriger, dessen Vater von Splittern getroffen und leicht verletzt wurde, als der Täter auf den Balkon schoss. Er sagte der Tageszeitung Die Welt der Täter habe unter anderem gerufen, es gehe ihm nicht um den Islam.

Der Bairischsprecher, der sich in der Aufnahme ein Wortgefecht mit dem Amokläufer liefert, wohnt einen Stock darüber und ist Baggerfahrer. Der 57-Jährige Thomas S. versuchte den Pistolenschützen nach eigenen Angaben mit einem gezielten Bierflaschenwurf zu stoppen, verfehlte ihn aber: "Wenn ich eine Knarre gehabt hätte", so S. in der hochdeutschen Übersetzung seiner Stellungnahme in der Welt, "dann hätte ich nicht mit der Flasche geworfen, sondern ihm gleich einen Kopfschuss gegeben, diesem Vollidioten. "Seinem Eindruck nach war "auf den ersten Blick erkennbar, dass der Pistolenschütze ein "Psycho" war.

Außerdem gibt es dem bayerischen Innenminister Joachim Herrmann nach Hinweise darauf, dass der von Nachbarn als ruhig und freundlich geschilderte Schüler wegen psychischer Probleme behandelt wurde. Eine Äußerung des Bundesinnenministers und ein längerer Mitschnitt eines in verschiedenen Fassungen kursierenden Dialogvideos vom Tatort legen nahe, dass S. an seiner Schule gemobbt worden sein könnte - von Personen, die er am 22. Juli gezielt zum Tatort locken und dort erschießen wollte.

Dafür nutzte er nach derzeitigem Erkenntnisstand ein am 11. Mai unter dem türkischen Mädchennamen Selina A. eingerichtetes Facebook-Profil, auf dem es hieß: "Kommt heute um 16 Uhr [zum] Meggi [McDonald's] am OEZ [Olympia-Einkaufszentrum]. Ich spendiere euch was wenn ihr wollt, aber nicht zu teuer."

Screenshot des inzwischen gelöschten Facebook-Profils. Bearbeitung: Telepolis

Kommentare zu diesem (mittlerweile gelöschten) Profil deuten darauf hin, dass Ali S. Probleme mit türkischen Mitschülern hatte. Auch unter den - bis auf eine 45-jährige Ausnahme jugendlichen oder heranwachsenden - neun Erschossenen befinden sich drei Türken. Drei weitere Tote waren Kosovo-Albaner, einer soll Grieche gewesen sein. [Update: Inzwischen ist von drei Türken, zwei Deutschen, einem Kosovo-Albaner, einem Griechen, einem Ungarn und einem Staatenlosen die Rede.] Sechs der Toten sind männlichen, drei weiblichen Geschlechts.

Unter den bei den Ereignissen am Freitagabend Verletzten gibt es zehn schwere und 17 leichtere Fälle. Letztere zogen sich ihre Schnittwunden und anderen Verletzungen teilweise bei den Paniken zu, die ausbrachen - "teilweise weit vom Tatort entfernt", wie der Polizeibericht anmerkt.

An die Anweisung der Polizei, keine Fotos von Beamten zu machen, um Tätern nicht bei der Suche nach einem sicheren Fluchtweg zu helfen, hielt man sich eher in Sozialen als in traditionellen Medien: Der Fernsehsender ProSieben brachte sogar das kognitive Dissonanzkunststück fertig, diesen Polizeiwunsch zusammen mit eben solchen Bildern von Beamten zu verbreiten. Um trotzdem von der "Crowd" zu profitieren hat die Polizei ein Portal eingerichtet, in dem ihr Privatpersonen Fotos und Videos zur Verfügung stellen sollten, das aber "keine Galerie für die Öffentlichkeit" sein soll, wie sie heute via Twitter klarstellte.

Das 2011 eingerichtete deutschlandweite Smartphone-Warnsystem Katwarn zeigte sich dem Ansturm am Freitag nicht gewachsen: Ein Sprecher der Einrichtung räumte gestern ein, dass man "an die Belastungsgrenze gestoßen" und "die Kritik berechtigt" sei. Er mahnte deshalb eine zügige Erweiterung der Kapazitäten an.

Twitter und Facebook funktionierten dagegen problemlos. Vorausgesetzt, man hatte WLAN und war nicht auf den Zugriff auf ein Mobilfunknetz angewiesen: Dort kam es bei der Telekom und bei Telefònica zu Überlastungen, während Vodafone - zumindest offiziell - verlautbart, es habe "keine Störungen" gegeben.

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