München: Massenmord aus Ausländerfeindlichkeit?

Wie sich herausstellt, hatte der Deutsch-Iraner Türken und Araber gehasst, vermutlich weil ihn muslimische Mitschüler gequält hatten

Möglicherweise hatte der Massenmord in München einen Aspekt, der bislang zwischen den Annahmen eines Amoklaufs aus psychischen Problemen und einem islamistischen Terroranschlag aus irgendwelchen ideologischen Motiven keine Rolle spielte. Mittlerweile sieht man beide Formen des suizidalen Massenmords als einem finalen Spektakel auch als ähnliche Phänomene mit unterschiedlichen Ausprägungen an (Orlando und Cox: Aufmerksamkeitsterrorismus und psychische Probleme). Beim Amoklauf in München könnte nun aber noch Fremdenhass hinzukommen.

Bekannt wurde, dass der 18-jährige Täter, der in Deutschland als Sohn iranischer Eltern geboren wurde und hier aufwuchs, nicht nur Winnenden besuchte, sondern offenbar auch Anders Breivik verehrte, während es keinerlei islamischen Hintergrund gab. Dass David S. eine Nähe zu Breivik hatte, der durch seinen Massenmord an vor allem jungen Menschen zu einem "Prominenten" wurde, macht auch deutlich, dass er am Tag genau fünf Jahre danach mit seiner Glock loszog. Der rechtsextrem gesinnte Breivik lehnte die grünen und linken "Kulturmarxisten" oder Gutmenschen ab, hasste in seinem völkischen Wahn mit den üblichen Untergangsphantasien alles, was nach Multikulti und Feminismus riecht, und setzte zur vermeintlichen Rettung Europas sein Massaker als Fanal zur Vertreibung der Muslime. Breivik bekannte sich auch vor Gericht als nicht schuldig, weil er in Notwehr gehandelt habe, und betrachtet sich als "politischer Aktivist".

Angeblich war David S. auch stolz am 20. April, dem Geburtstag von Adolf Hitler, zur Welt gekommen zu sein. Als Deutscher mit iranischem Hintergrund soll er sich als "Arier" empfunden haben, was ihn zugleich von den anderen Menschen der arabischen Welt abgegrenzt hätte und zeigt, dass er in der rassistischen Gedankenwelt eingetaucht war. Türken und Araber habe er gehasst. Er soll sich zur AfD hingezogen haben und auch beim Spielen von Counterstrike seine Wut gegen Türken ausgelebt haben.

David S. auf dem Dach der Tiefgarage.

Ähnlich wie zum Islam Konvertierte Selbstmordanschläge begehen, könnten auch Menschen mit Migrationshintergrund einen Hass auf Ausländer entwickeln, wie er in einer Gesellschaft gepflegt und in Wort und Tat praktiziert wird. Das könnte ein Motiv von David S. gewesen sein, der offenbar schwer von anderen Jugendlichen gemobbt und gedemütigt wurde (München-Massaker: Rache für Mobbing?). Zweimal hat er dies sogar zur Anzeige gebracht. Hilfe hat er aber wohl weder durch Polizei noch durch Lehrer und Psychiater erfahren, obgleich seine Quäler angeblich bekannt waren. Haben Lehrer, Eltern und Mitschüler einfach nur zu- oder weggeschaut?

Dem Spiegel erzählte ein 17-Jähriger jedenfalls, er habe einen "Riesenhass auf die meisten Ausländer" entwickelt, weil ihn einige seiner Mitschüler "richtig zerpflückt" hätten. Er wollte nicht mit seinem Spitznamen Ali gerufen werden, um nicht als Muslim angesehen zu werden. In dem Video, das kurz nach dem Massaker gedreht wurde und David auf dem Dach einer Parkhauses zeigt, ruft dieser, als er von einem Bayern als Kanake beschimpft wurde, beleidigt, dass er ein Deutscher und hier geboren sei. Er sei genötigt worden, sich eine Waffe zu beschaffen, um sich zu wehren, hatte er gesagt, und gerufen: "Scheiß-Türken".

Es wurde schon länger gerätselt, ob David S. bestimmte Schüler zum McDonald's am OEZ locken wollte, um sich an diesen zu rächen. Ob dies der Fall ist, wird noch ermittelt. Sollte dies der Fall gewesen sein, dann wird ein Zusammenhang deutlich, der die Selbstmordanschlagsszene von Islamisten bis zu Amokläufern kennzeichnet, nämlich wie persönliche Motive mit Ideologien und Stimmungen in der Gesellschaft verschmelzen. Rechtsextreme wie Breivik, Frank S., der Attentäter von Henriette Reker, oder andere, die Flüchtlinge angreifen oder Flüchtlingsheime in Brand setzen, haben offenbar weniger Neigung zum erweiterten Suizid. An einen erweiterten Selbstmord scheinen auch die NSU-Mörder Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos nicht gedacht zu haben.

Der jetzt bekannt werdende Hintergrund für das Massaker in München, sollte er stimmen, die Polizei bestätigt dies noch nicht, eröffnet für den Münchener Massenmord eine weitere Perspektive. Sie demonstriert vermutlich, dass psychische Probleme in Kombination mit realen Erfahrungen der Demütigung dazu führen können, keinen Ausweg mehr zu sehen und der ohnmächtigen Wut durch einen erweiterten Selbstmord Ausdruck zu geben, für den es immer mehr Vorbilder und Drehbücher gibt.

Zudem dürfte es den Narzissmus befriedigen, wenigstens mit dem inszenierten Ausscheiden aus dem Leben noch einmal zu einer prominenten, weltweit bekannten Persönlichkeit zu werden, die eine ganze Stadt in Angst und Schrecken versetzen und selbst bis in die Regierung hinein nicht übersehen werden kann. Man darf vermuten, dass die sicher berechtigte Reaktion auf den Anschlag mit der Mobilisierung von mehr als 2000 Polizisten, der GSG 9, der Bereitschaft der Bundeswehr und einer Dauerberichterstattung der Medien zu Nachahmer-Plänen und vielleicht auch -Taten führen wird.

Massenmedien und Internet beschleunigen die Verbreitung, sind aber nicht ursächlich für den Aufmerksamkeitsterrorismus (Mörderische Wut). Bekanntlich hatte Herostrat 356 v. Chr. den Tempel der Artemis in Ephesos in Brand gesetzt, angeblich bereits deswegen, um damit bekannt zu werden. Obgleich Ephesos verbot, seinen Namen zu nennen, hielten sich auch die Schreiber der damaligen Zeit nicht daran, so dass Herostrat doch in die Geschichte eingegangen ist. (Florian Rötzer)