Münchner McDonald's-Massaker: Mitverantwortung der Polizei?

Tatort McDonald's vor dem OEZ. Foto: Stefan Wust. Lizenz: Public Domain

Einem Bericht der Süddeutschen Zeitung nach reagierte man auf Mobbing-Anzeigen lediglich mit "Ausgleichsbemühungen"

Der Süddeutschen Zeitung zufolge hat sich Ali S., der am letzten Freitag in München-Moosach neun Menschen erschoss und sich anschließend selbst tötete, bereits vor vier und vor sechs Jahren an die Polizei gewandt, weil er bestohlen und von "drei Burschen" verprügelt wurde.

Die Staatsanwaltschaft soll darauf lediglich mit einer "Ausgleichsbemühung" reagiert "und die Beteiligten zum Reden an einen Tisch gebracht" haben. Sollte es sich bei den "drei Burschen" um Schul-Bullys gehandelt haben, kann man sich vorstellen, dass der Schulalltag für Ali S. nach solchen - etwas blauäugig anmutenden - "Ausgleichsbemühungen" nicht unbedingt leichter wurde.

Gefesselt, geschminkt und auf die Kleider uriniert

Ein ehemaliger Freund des Deutsch-Iraners und die "Bekannte einer Mutter einer Mitschülerin", auf die sich die Zeitung beruft, berichten von Quälereien, auf die man auch anders reagieren hätte können: So soll Ali S. beispielsweise gefesselt und geschminkt worden sein - und während des Sportunterrichts urinierte man auf seine Kleider. Ob das tatsächlich stimmt, lässt sich freilich schwer herausfinden.

Das gilt auch für die Erzählungen eines angeblichen Bekannten von Ali S., den Spiegel TV mit dem Rücken zur Kamera interviewte und dessen Duktus sich so massiv von dem des Deutsch-Iraners (der sich verhältnismäßig gewählt ausdrückte) unterscheidet, dass eine nähere Bekanntschaft zumindest zweifelhaft erscheint. Dass Ali S. rechtsextremistische Ansichten gepflegt haben soll, berichtet allerdings nicht nur dieser Zeuge, sondern auch die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ), die sich dabei auf "Sicherheitskreise" beruft (vgl. München: Massenmord aus Ausländerfeindlichkeit?).

Die Pressestelle der Münchner Polizeidirektion bestätigte Telepolis gestern auf Anfrage, dass es im Fall Ali S. "polizeibekannte Mobbingprobleme" gab, verweist aber für sonstige Auskünfte auf das Landeskriminalamt, wo man meint, man könne "aufgrund der derzeitigen Ermittlungen hierzu keine Aussagen treffen". Auf Fragen nach dem allgemeinen Umgang mit Mobbinganzeigen heißt es bei der Münchner Direktion, "strafrechtlich relevante Tatbestände" würden "sofort bearbeitet" und "weitere Hilfestellungen" biete ein spezielles Kommissariat für "Prävention und Opferschutz".

Festnahme wegen Simulation des Ziehens einer Waffe

Die Härte, die nach den Mobbing-Anzeigen möglicherweise fehlte, legt die Polizei jetzt, nach dem Massaker, an den Tag: So nahm sie nicht nur einen Mann fest, "der mit einer ungeladenen Pistole vor Passanten herumgefuchtelt haben soll", sondern auch den "Verfasser eines gewaltverherrlichenden und drohenden Facebook-Eintrags" und eine Person, die "vor Bundespolizisten das Ziehen einer Waffe simuliert[e]".

Nach aktuellem Erkenntnisstand befanden sich unter den neun Opfern keine Personen, die der Schein-Einladung des Täters in das McDonalds-Schnellrestaurant gefolgt waren. Stattdessen könnte der Täter auf einen Tisch geschossen haben, an dem Personen saßen, die kulturell und subkulturell seinen Peinigern aus der Schule ähnelten. Facebook-Postings ihrer Freunde offenbaren einen kindlich anmutenden Glauben an ein Paradies, in dem sich ihre toten Freunde nun befinden, und an eine "Dschehenna", in der Ali S. schmoren und seine Tat bis in alle Ewigkeit bereuen soll.

Ermittlungsrichter sieht keine ausreichenden Haftgründe für 16-jährigen Afghanen

Der 16-jährige Afghane, der sich zwei Stunden vor der Tat mit Ali S. traf und danach Chats löschte, befindet sich wieder auf freiem Fuß, nachdem ein Ermittlungsrichter keine zureichenden Haftgründe vorliegen sah. Die Staatsanwaltschaft, die der Überzeugung ist, dass eine Untersuchungshaft notwendig und angemessen wäre, legte gegen diese Entscheidung Beschwerde ein - bislang erfolglos.

Der Afghane soll Ali S. In einer Nervenklinik kennengelernt und gewusst haben, dass sich der Deutsch-Iraner am Freitag im Besitz einer funktionstüchtigen Pistole befand. Dafür, dass er das Video anfertigte, das Ali S. zeigt, wie er nach dem ersten Teil seines Massakers aus dem Schnellrestaurant kommt, gibt es nach Angaben der Polizei allerdings "derzeit keine Erkenntnisse". Wer die Person war, die den Eingang des McDonald's vom Eingang des Olympia-Einkaufszentrums aus filmte, ist noch nicht bekannt. [Update: Inzwischen hat das LKA gemeldet, dass der Filmer ein kroatischer Tourist ist, der die Schüsse hörte und darauf hin sein Handy zückte.]

Die Polizei sucht weiterhin Zeugen, die Auskunft darüber geben können, wie Ali S. die etwa zweieinhalb Stunden zwischen der Tat und seinem Selbstmord verbrachte. Ein Zeuge, der durch ein Handy-Video und zahlreiche Fernsehaufnahmen inzwischen bundesweit bekannt ist, ist der Baggerfahrer Thomas S., der den Massakerschützen von seinem Balkon aus beschimpfte und mit einer Bierflasche bewarf. Er kritisiert in den Interviews mit ihm, dass in Deutschland zu viel verboten sei, und meint, mit einer eigenen privaten Waffe hätte er Ali S. durch einen Schuss in die Beine schnell außer Gefecht setzen können. (Peter Mühlbauer)