Musik aus geordneten Geräuschen

Margarete Kreuzers Dokumentarfilm über Tangerine Dream

Die Band Tangerine Dream zählt zu den einflussreichsten musikalischen Projekten der elektronischen Musik - weltweit. Ihre nunmehr fast 50-jährige Geschichte wurde wesentlich von ihrem 2015 verstorbenen Mitgründer Edgar Froese mitgeschrieben. Die Filmemacherin Margarete Kreuzer widmet Froese und Tangerine Dream nun einen Dokumentarfilm, in dem sie historisches Material präsentiert, Zeitgenossen zu Wort kommen lässt - und als "Komponistin im Hintergrund" die Geschichte des Projektes zu interpretieren versucht.

"The Dream is always the same", hört man die Stimme Tom Cruises während der Traumsequenz im Film "Risky Business" (dt. "Lockere Geschäfte", USA 1983, Regie: Paul Brickman) vor einem atmosphärischen Synthesizer-Hintergrund sprechen. Die Filmmusik zu diesem Film stammt von Tangerine Dream; es ist einer von über 30 Film-Soundtracks, die die deutschstämmige Band zwischen zwischen 1977 und 2003 komponiert hat.

Die flächigen Ebenen, durchzogen von Sequenzer-Rhythmen und wenigen, einfachen Melodiebögen sind typisch für die Musik Tangerine Dreams. Sie bilden einen Stil, der sich als der immer-gleiche Soundtrack elektronisch-musikalischer Träume umschreiben ließe. Die Veränderungen, die die Band über mehr als vier Jahrzehnte durchgemacht hat, die Wechsel der "Begleitmusik" und des Equipments, bilden die Grundlage der Variationen dieses Themas.

"Revolution of Sound", so der Titel des jetzt erschienen Dokumentarfilms über Tangerine Dream, versucht diese Veränderungen chronologisch darzustellen und in ihren Wirkungen auf den Stil der Band ebenso zu betonen, wie den wechselnden Einfluss Tangerine Dreams auf die Musiklandschaft. Ende der 1960er-Jahre heben die Berliner Edgar Froese, Christoph Franke und Klaus Schulze das Projekt aus der Wiege.

Musik aus geordneten Geräuschen (5 Bilder)

Edgar Froese Christoph Franke Johannes Schmoelling - Berlin 1980. Bild: © Jerome Froese

Auf ihren ersten Alben und Konzerten nähern sich die Musiker dem psychedelischen Sound der damaligen Rockmusik an, performen atonale Stücke wie "Ashes to Ashes" und Stücke mit wilden Schlagzeug-Rhythmen "Journey Through a Burning Brain". Die Zeit für eine neue Art von Musik ist gekommen, als Schulze die Band verlässt und als Solokünstler tätig wird.

Neben ihm sind es Formationen wie Amon Düül, Popol Vuh, Cluster, und Neu!, die das bestimmen, was später als "Krautrock" in die Musikgeschichte eingehen wird. Froese und Franke sind zunächst (wie später immer wieder) als Duett tätig. Ihnen schließt sich 1970 Peter Baumann an und Tangerine Dream erlebt seine erste Hochphase mit Alben wie "Phaedra" (1974 das erste voll-elektronische Album der Band), "Rubykon" (1975) und "Riccochet" (1975). Baumann ist bis 1977 dritter Mann der Band und zieht sich dann überraschend zurück.

In der ersten Hälfte der 1980er-Jahre wird dann Johannes Schmoelling der dritte Mann bei Tangerine Dream. Die Band tritt ein in eine neue Phase; die Sequenzermusik wird fortan durch MIDI-Equipment gesteuert und der Fuhrpark der Band wird kompakter.

In dieser Phase entstehen unter anderem die Soundtracks zu Michael Manns Film "Heat" (1980), das Konzeptalbum "Le Parc" (1985) und eine kurze Zusammenarbeit zwischen Froese und Rainer Werner Fassbinder, einem Protagonisten des Neuen Deutschen Films, die im Soundtrack zum Film "Kamikaze 1989" (in dem Fassbinder unter der Regie von Wolf Gremm die Hauptrolle spielt) kulminiert.

Die Stücke der Band werden nun kürzer; es sind weniger lange Pattern als "Songs", die Alben wie "Exit" (1980) und "White Eagle" (1982) und "Tyger" (1987) kennzeichnen. Ab 1986 ist Paul Haslinger Keyboarder bei Tangerine Dream und im folgenden Jahr verlässt Christoph Franke die Band. Das Projekt beginnt nun personell stetig sein Gesicht zu ändern und die Philosophie dazu könnte lauten, dass Tangerine Dream weniger eine feste "Formation" ist als ein musikalisches Projekt in nascendi ist, an dem unterschiedliche Künstler arbeiten und es weiterentwickeln.

Die zahlreichen personellen Veränderungen, die von da ab bis zum Tode Edgar Froeses am 20. Januar 2015 stattfinden, bezeugen dies und bilden zugleich die Basis dafür, dass es Tangerine Dream heute immer noch gibt - und das nicht bloß als Erinnerungsprojekt.

Neben historischen Filmaufnahmen von Konzerten, (seltenen) Interviews mit Froese und seinen Band-Kollegen sowie Zitaten anderer Dokumentationen, Fotos, die die Künstler als Solisten oder Band zeigen und Archivmaterial, das den zeithistorischen Kontext vorführt, kommen andere Musiker, Produzenten, Regisseure und Familienangehörige Froeses zu Wort. Sowohl in der Menge der Interviewten als auch in ihren Aussagen wird deutlich, wie groß und vielfältig die Einflüsse von Tangerine Dream auf die Musiklandschaft waren und sind.

Michael Mann, Edgar Froese - Los Angeles 1983. Bild: © Jerome Froese

Auffällig sind aber auch die "Lücken": Weder Klaus Schulze noch Christoph Franke hat die Regisseurin vor die Kamera bekommen und das Filmmaterial, das sie ab 2013 mit Edgar Froese gedreht hat, zeigt sie - aus Respekt vor diesem, wie sie im Presseheft schreibt - ebenfalls nicht. Sie lässt ihn allerdings dennoch zu Wort kommen: Aus dem Off hören wir Alexander Hacke (von den "Einstürzenden Neubauten"), der aus der Ich-Perspektive Froeses Erinnerungen einspricht. Diese stammen aus seiner noch in Fertigstellung begriffenen Autobiografie, aus den Interviews, die Kreuzer selbst mit Froese geführt hat, und aus Interview-Auszügen, die sie gesammelt hat. Es sei eine "fiktive Stimme", wie sie sagt, die da zum Zuschauer spricht.

Und diese Stimme versucht das stark chronologisch arrangierte Material nicht bloß zu kommentieren und zu erläutern, sondern ihm überdies eine andere zeitliche Perspektive überzuordnen: "Der Plan ist es, den Kreis zu schließen. Man muss, wenn man ein Leben oder eine Karriere beendet, zu seinen Ursprüngen auf einer höheren Oktave zurückkehren", sagt Froese gegen Ende des Films.

Diese durchweg lebensphilosophische Idee lässt das Material in einem anderen Licht erscheinen, denn unwillkürlich fragt man sich als Betrachter, worin die Rückkehr bestanden haben könnte, ruft sich die Anfangsszenen des Films in Erinnerung und vergleicht sie mit späteren Sequenzen von "Revolution of Sound".

Froese spricht von seinen Vorbildern (Bach, Stockhausen, Schaeffer) und seine Musiker-Kollegen (Jean-Michel Jarre, Hans-Joachim Roedelius, Brian May) von seinem Einfluss auf sie. Das letzte Stück, an dem Froese aktiv mitgearbeitet hat, war "Zero Gravity" für das Jarres Album "Electronica 1". In diesem Projekt arbeitet Jarre die Geschichte der elektronischen Musik ab den 1970er-Jahren auf, indem er deren Protagonisten zu sich ins Studio einlädt, um mit ihm zu musizieren.

Froese ist deshalb schon fast selbstverständlich mit dabei. Musikhistorisch lässt sich daher der "Kreis" als Einfluss deutlich ausmachen. Ohne Froeses Konzept der "Musik als geordnete Geräusche" wäre die Landschaft der elektronischen Musik heute nicht dieselbe.

Es findet sich jedoch noch ein zweites ordnendes Element in der Geschichte von Tangerine Dream - und auch in der Narration des Dokumentarfilms. Und das sind die Instrumente. Gerade die Umbrüche zwischen der psychedelisch "analog-akustischen" Musik der späten 1960er-Jahre, den oft über 20-minütigen Analog-Synthesizer-Pattern der 1970er-Jahre und den Song-artigen Digital-Synthesizer-Stücken der 1980er-Jahre bleiben für den Hörer die wichtigsten Marker der Geschichte Tangerine Dreams.

Konzerte, wie das 1980 im Palast der Republik (DDR) stattgefundene, oder zuvor die Auftritte in den Kirchen (etwa 1974 in Reims) sind bestimmt durch Improvisationen, wie sie nur mit analogen Synthesizern (Moog, EMS) und Equipments (Sequenzer, Mischpulte etc.) erreicht werden können. Solche Events sind auch aufgrund der kaum wiederholbaren Einstellungen und der "Schwankungen" in den Elektroniken der Instrumente absolut einzigartig.

Edgar Froese - Lanzarote. Bild: © Eastgate Music

Den MIDI-gesteuerten Synthesizern und den -sequenzern ab den 1980ern, die nun vor allem als Steuerungstechnologien für das Digital-Equipment einsetzbar werden, sind ganz andere Möglichkeiten geschuldet (Schulze hatte diesen Wandel auf seinem Album "Dig-it" 1980 mit dem Stück "Death of an Analogue" gefeiert) - und sie stellen daher auch ganz andere Anforderungen an Studioarbeit und die Live-Performance der Künstler. Wenn, wie Froese im Film sagt, Musik "aus geordneten Geräuschen besteht", dann hält nun eine andere Ordnung Einzug - eine, die nicht mehr nur auf die Geräusche, sondern auch auf die nicht-hörbaren Signale Einfluss nimmt.

Heute dominieren Laptops die Bühnen von Tangerine Dream ebenso wie die vieler anderer Elektronik-Musiker. Das Rhythmus-Gefühl der frühen Schlagzeug-Pattern ist nun vom Takt der Schwingquarze abgelöst worden. Um damit der Live-Musik ein unikales Element zu verleihen, das sie benötigt, um von einer Studioaufnahme unterscheidbar zu werden, performen die Musiker am Mischpult, spielen einfachere Melodie-Bögen live über eine Klaviatur ein und setzen nicht-elektrophone Instrumente wie Violinen, Schlagzeug, Flöte und anderes ein.

Schon ganz zu Beginn, 1968, hat es eine Violine auf der Bühne gegeben - von Volker Hornbach gespielt. Mit Hoshiko Yamane kehrte das Instrument 2011 zu Tangerine Dream zurück - elektronisch verfremdet "auf einer höheren Oktave" sozusagen.

Die Band, nun bestehend aus Thorsten Quaeschning, Ulrich Schnauss und Hoshiko Yamane (alle seit 2011) ist in ihren "Quantum Years" (so nennt Froese die Phase Tangerine Dreams ab 2014) angekommen und so produktiv wie eh und je. Studio-Alben werden veröffentlicht und es finden regelmäßige Live-Auftritte statt, die kleine Locations wie das Berliner Ballhaus Rixdorf ebenso füllen wie die Hamburger Elbphilharmonie. Froese ist stets mit dabei - als Konzeptgeber und Hintergrundbild in memoriam, wie, um zu begutachten, ob die Band seiner Philosophie treu geblieben ist.

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