Musik im März

Von Rudolf Maresch

Sechziger Jahre: Pink Floyd - Careful With That Axe Eugene (1969)

Timothy Leary predigte seinerzeit die Segnungen von LSD; Carlos Castaneda wiederum ließ sich von Don Juan das Übersinnliche erklären – alles Schwindel, wie wir heute wissen, während einige von uns, weil sie gerade Jack Kerouacs „On the Road“ und „Gammler, Zen & hohe Berge“ gelesen hatten, auf gepackten Schlafsäcken saßen. So oder so ungefähr muss man sich auch die große Zeit des Psychedelic Rock vorstellen, den Pink Floyd dank ihres genialen Soundkünstlers Syd Barrets wie keine andere Band zuvor musikalisch umsetzten.

Später, als er aufgrund grassierender Drogensucht und beginnenden Wahns dann die Band verlassen musste und David Gilmour statt seiner allein die Saiten zupfen durfte, kam schließlich auch noch der Erfolg beim Publikum dazu. Michel Antonioni bediente sich ihrer Kunst, um in „Zabriskie Point“ und mitten im Death Valley die Zerstörung des Schlosses visuell zu untermalen. Und auch die gestrengen Hüter und Herren der Ruinen von Pompeji erlaubten den vier Briten, den Hauptteil ihres ersten musikalisches Großwerks „Ummagumma“ dort im Abendlicht vor Filmkameras uraufzuführen.

Unser Anspieltipp aus jenem Meilenstein der Rockgeschichte enthält den vielleicht markerschütternsten Schrei, der jemals auf Vinyl gepresst worden ist. Eugene oder wer immer da angesprochen wird, wäre damals wohl eher durch Roger Waters’ Schreie umgekommen, als durch jene imaginäre Axt, die ihn, sie oder wen auch immer bedroht hat.

Siebziger Jahre: War - Slippin' Into Darkness (1973)

Zuerst wurde Eric Burdon auf jene Herren aufmerksam, die sich seinerzeit Nightshift nannten und ziemlich erfolglos herumgetourt waren. Und zwar, nachdem der unstete weiße Bluessänger sich von den Animals zum zweiten Mal getrennt hatte. Mit War zusammen, wie sie sich dann nannten, spielte Burdon zwei kongeniale Alben ein. Als er genug von ihnen hatte und die Band ohne ihn weiter machen musste, stellte auch hier sich bald und überraschend der Erfolg ein.

Einigen wird vor allem „Low Rider“ im Gedächtnis geblieben sein, Inbegriff eines coolen Songs, der im Cheech und Chong Klassiker „Viel Rauch um nichts“ an prominenter Stelle auftaucht. Der Funk, den die buntgemischte Truppe mit dem kriegerischen Namen präsentierte, gehörte Anfang bis Mitte der Siebziger wohl zum Besten, was damals zu diesem Genre über den Ladentisch gewandert ist.

Dank ihrer Virtuosität im Umgang mit den Klanggeräten wussten die sieben „Warrior“ vor allem live ihr Publikum mitzureißen. Das beweist etwa auch das Doppelalbum „War live“, das wir allen nur wärmstens ans Herz legen können. Wer die mittlerweile in Vergessenheit geratene und nur noch sporadisch in den USA performende Band näher oder neu kennenlernen möchte, der kann sich auch ihrer „Anthology“ bedienen. Dort findet er alle bekannten Nummern, die War jemals eingespielt haben, angefangen von „Cisco Kid“ und „Me & Baby Brother, über „Gypsy Man“ und „The World is a Ghetto“, bis hin zu „Ballero“ und „Slippin’ into Darkness“, das wir auch und vor allem wegen des einzigartigen Harmonika-Spiels von Lee Oscar ausgewählt haben. Auf „War live“ ist es auf einem achtzehnminütigen Mitschnitt zu bewundern. Leider sind von der Band nicht bessere Mitschnitte im Umlauf als der von uns gefundene.

Achtziger Jahre: R.E.M. - Talking About The Passion (1983)

Diese Woche erscheint das mittlerweile fünfzehnte Album jener Band, die sich vor mehr als dreißig Jahren in Athens (Georgia) gegründet hat. Damals kannte man die Vier auch unter dem Namen Rapid Eye Movement; damals spielten sie auch noch einen herzerfrischen und relativ unkomplizierten Indie-Pop, der vom britischen New Wave inspiriert war; und damals, so muss man aus heutiger Sicht und nach nochmaligem Abhören ihrer ersten vier oder fünf Alben sagen, waren sie auch noch wirklich gut.

Mit dem Erfolg, das heißt mit „Out Of Time“ und „Automatic For The People“, mit diversen Grammys und einem 80 Millionen-Plattenvertrag kam auch der künstlerische Absturz. Nicht sofort natürlich, aber schleichend. Spätestens seit den Nullerjahren und dem Einwandern ins Format-Radio freuen sich Kritiker schon, wenn sie über R.E.M. wieder mal einen Hauch von Lob ausschütten können. Mainstream zu werden und zur Stadionband zu reifen, muss nicht grundsätzlich verwerflich sein, solange Niveau und Eigensinnigkeit einigermaßen stimmen, siehe Kings of Leon oder Arcade Fire. Da müssen wir unseren notorischen Popnörglern doch mal in den Arm fallen, für die das meist der „Tipping Point“ ist, um eine Band oder einen Sänger schlecht zu reden.

Schlimm ist eher, dass bei Michael Stipe, Peter Buck und Mike Mills schon des Längeren die Luft raus ist. Sie bedienen sich ähnlich wie ihre Kollegen von U2 politisch wohlfeiler Sprüche und zitieren sich ästhetisch nur noch selbst. Und das auch noch mehr schlecht als recht. Dass das durchaus mal anders war, die Band über großes Potential verfügte und es Mitte der Achtziger auch abgerufen hat, beweist R.E.M.’s Debütalbum „Murmur“, ihrem neben „Fables of the Reconstruction“ vielleicht rundesten und besten Werk, aus dem unser Anspieltipp stammt.

Neunziger Jahre: The Verve - Bitter Sweet Symphony (1997)

Wer über Britpop spricht, kommt nicht um The Verve herum, den wohl auffälligsten und „großkotzigsten“ Repräsentanten des Genres. Insgesamt drei Alben haben die fünf Jungs aus dem Großraum von Manchester in den Neunzigern produziert, ehe sie sich endgültig auflösten und eigene Wege gingen.

Schon während dieser Zeit erwies sich Richard Ashcroft, der Taktgeber, als genialer Songschreiber, der Sinn für Epen und Elegien besaß, für sphärische Klangwelten genauso wie für Hymnen und Balladen. Und er hatte ein Gespür, wie man große Gesten in rockige Formate und Rhythmen packen kann, die mal düster-melancholisch, mal romantisch-schwärmerisch daherkamen.

Stets kreisen und kreisten seine Texte um Allerweltsthemen, um Sex, Weltschmerz und Liebe. Das zeigt auch unser Anspieltipp, „Bitter Sweet Symphony“, den wohl bekanntesten Song der Band, der auch zum Titelsong des Films „Eiskalte Engel“ avancierte, jener US-amerikanischen Teenie-Version des Romans „Gefährliche Liebschaften“ von Choderlos de Laclos.

Nach seiner Trennung forcierte Richard Ashcroft seine Solopläne, er schrieb weitere, bisweilen auch recht kitschige Britpop-Nummern, die er in den Nulljahren auf drei recht guten Alben verewigte. Vor knapp drei Jahren fand sich The Verve in alter Stammbesetzung wieder zusammen. Man spielte ein viertes Werk ein und glänzte beim Glastonbury Festival als Headliner, von dem auch unser Einspieler stammt.

Mittlerweile hat sich die Band wohl wieder mal aufgelöst. Der schwierige Charakter, der Ashcroft ist, lässt keine längeren Gemeinsamkeiten zu. Letztes Jahr erschien er mit neuem und wohl auch einmaligem Produkt auf dem Popmarkt, mit The United Nations of Sound. Besser hätte das Songgenie seine künstlerische Arbeit nicht betiteln können.

Nullerjahre: And You Will Know Us By The Trail of Dead - Will You Smile Again (2005)

Das ist unserer Kenntnis nach die Band mit dem wohl längsten Namen der Rockgeschichte. Entliehen haben ihn sich die Texaner der Kultur der Maya, die spätestens im nächsten Jahr durch das schicksalhafte Datum (21.12.2012), das sie der Nachwelt überliefert haben, eine weltweite Renaissance erleben wird.

„Worlds Apart“, ihr viertes Album, bietet dem Hörer ein ständiges emotionales Auf und Ab, es verspricht eine grandiose Union, die von Nu-Metal und Art oder ProgRock. Leise, dunkle und ruhige Klänge wechseln mit lauten, hellen und aggressiv-gewalttätigen. Und das mitunter im raschen Wechsel und in kurzen Zeitfolgen. Grau- und Zwischentöne wird man hier vergebens finden, nur Extreme.

Angetrieben wird das bombastische Klangwerk, das Trial of Dead noch überzeugender als auf ihrem Vorgänger „Source, Tages & Code“ entwerfen, von zwei Schlagzeugern, ein Stilmittel, das seit den Allman und Doobie Brothers gut bekannt ist, und den Songs mehr Drive, Power oder Drastik gibt.

Live ist die Band nicht gerade die große Zugnummer. Ihr gelingt es nicht, wie früher den Soundbastlern Pink Floyd oder Yes, den großartigen Sound, den sie im Studio abmischen, auf die Bühne zu transportieren. Wer das nicht glaubt, kann sich im April selbst ein Bild davon machen. Da sind Keely, Reece und Co. in Deutschland unterwegs.

Dies zeigt im Übrigen auch der Ausschnitt, den wir ausgewählt haben. Auf der Platte bricht mit „Will You Smile Again“, nachdem Keyboard, Engelschöre und Streichorchester eine „Ode an die Isis“ entrichtet haben, ein Soundgewitter über den Hörer herein, um am Schluss mit einem lapidaren „Hey, fuck you man“ zu enden.

Album Februar 2011: Bright Eyes - The People's Key

Die Wahl fiel diesmal relativ leicht und rasch. Auch deswegen, weil der Februar noch weniger zu bieten hatte als der Vormonat. Das neue Oasis-Album, das von der Cover-Band Beady Eyes minus Noel Gallagher eingespielt wird, erfreut nur im ersten Drittel. Dann ist das Pulver verschossen, es folgen zu viele „LaLas“, „NaNaNas“ und „ShaLaLas“ auf einem Erstling, der gut als Tribute an John Lennon und Co. durchgehen könnte.

„The King of Limbs“, das achte Werk von Radiohead, mag mit seinen vertrackten Rhythmen und Dub-Step-Variationen den Kunsthandwerker und Lounge-Musikhörer gefallen, das „Gejaule“, das Thom Yorke hier ähnlich wie auf seiner Soloplatte anschlägt, wird ihm aber den Sekundenschlaf verleiden. Sorry, aber das „Katzengeheul“ nervt und wird höchstens schlafende Hunde wecken und sie verstören. Irgendwann ist das auch für Fans der Band, zu denen wir uns durchaus mal gezählt haben, nicht mehr zu ertragen. „Ungeheure Schönheit“, das die SZ glaubt in den acht Songs zu vernehmen, hört sich in unseren Ohren jedenfalls etwas anders an.

Eigentlich wollten wir „Tao of the Dead“, das jüngste Meisterwerk der Herren Keely und Reece, zum Album des Monats küren. Nach zwei künstlerischen Durchhängern haben die Texaner wieder ein neues Kraftpaket geschnürt, das von der ersten bis zur letzten Sekunde überzeugt, diesmal keine ruhigen Klänge duldet, dafür aber eine Soundschlacht zwischen Gitarren, Schlagzeugen und Keyboards entwickelt, mit einem wunderbaren Gespür für Melodien und Gefühle. Doch da wir sie in dieser Kolumne schon mal aufs Schild gehoben haben, war das nicht möglich.

So bleibt letztlich nur das Abschiedswerk der Bright Eyes. Zwar nervt das kryptisch-apokalyptische Gebrabbel, das Conor Oberst, aber auch ein New-Age Prediger zu Beginn, in der Mitte und am Ende des Albums abfeuern, über Kosmos und Glauben, über Hitler und Fegefeuer. Nicht zufällig ziert das Cover ein loderndes Feuer. Und auch nicht alle Songs halten immer das Niveau, das der Boss höchstselbst an sich und an die Band legt. Schon „Cassadega“ von 2007 ließ Zweifel an den enormen Erwartungen aufkommen, die der Jungspund davor geweckt hatte und die Popkritiker seitdem immer wieder an den mittlerweile Einunddreißigjährigen herantragen. Aber eine Handvoll Songs sind es dann doch geworden, die herausragen und Conor Oberst als großes Songgenie ausweisen, Erleuchtung und Erlösung hin oder her.

Als Anspieltipp haben wir nicht „Shell Games“ oder den „Ladder Song“ ausgesucht, was ebenso gerechtfertigt gewesen wäre, sondern den finalen, aber recht locker und flockig daherkommenden Song: „One For Me, One For You“.

Das Übel des Monats Februar 2011: Lena - Good News

Gern lassen wir uns von Stefan Raab als „Feigling“ beschimpfen, möglicherweise auch als „Vaterlandsverräter“, weil wir schlecht über Lena sprechen und uns nicht in den Dienst der Nation stellen lassen wollen. Das, was Raabs neunzehnjährige „Super-Künstlerin“ auf ihrem zweiten Album abliefert, ist Popschrott pur. Anders kann man das leider nicht bezeichnen.

Es ist ja nicht weiter schlimm, dass „sein Mädchen“ nicht besonders gut singen kann. Das ist und war in der Branche noch nie ein Hinderungsgrund. Aber dass Raab sein ebenso unbedarftes wie unerfahrenes „Girlie“ musikalisch querbeet durch die ganze Popgeschichte jagt und Lieder trällern lässt, die keinerlei Bezug zur Person der Sängerin aufweisen; und dass er uns obendrein noch, mit Marcel Reich-Ranicki gesprochen, mit belanglosen Popnummern langweilt, ist das Schlimmste, was er uns antun kann.

Mit den zwölf Songs, die Lenas Album füllen und die an insgesamt drei langatmigen Fernsehabenden abgenudelt wurden, scheint der Zyniker und Autokrat Raab vor allem das öffentlich-rechtliche Staatsfernsehen vorführen zu wollen, deren Vertreter dem Trauerspiel auch noch applaudierend beigewohnt haben.

Warum hierzulande seit Jahrzehnten so viel Wert auf den ESC gelegt wird, jenem alljährlichen Hochamt des Fremdschämens im Wonnemonat Mai, das ästhetisch dem „Lagergedanken“ Giorgio Agambens sehr nahe kommt, wird uns ein ewiges Geheimnis bleiben.

Dass „Good News“ den „state of the art des Genres“ spiegelt, wie die taz jubelt, ein „Album für moderne Kaffeehäuser“ ist, glauben wir sofort. Und dass das Album gar die Musik-Charts anführt, ist für uns keine „Bad News“, hat es laut Media Control doch so Musikgrößen wie Adele und Andrea Berg von der Spitze verdrängt.

Jüngst hat die SZ in ihrer Wochenendbeilage ein Loblied auf das „Mittelmäßige“ gesungen, weil es das Singuläre und die Extreme ausbremst oder schleift. Und auch im Netz kursiert seit einiger Zeit bekanntlich die Mär von der „Weisheit der Massen“, die dem Solitären und genialen Einzelnen weit überlegen sein soll. Vor allem, wenn es um die Jagd nach Plagiaten geht und einzelne Personen zur Strecke zu bringen.

Dass Millionen sich sehr wohl irren und bei „mittelmäßig“ die Betonung nicht ausschließlich auf der „Mitte“ liegt, sondern eben auch und vor allem auf „mäßig“, kann man auf „Good News“ allemal studieren.

Als Anspieltipp haben wir „Taken By A Stranger“ gewählt. Nicht weil Lena damit auch den Contest bestreiten wird, sondern weil er ein besonders krasses Beispiel für Monotonie, Belanglosigkeit und stimmliche Unpässlichkeit ist und eine prima Metapher abgibt für das, was derzeit mit der Neunzehnjährigen passiert.

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