Musik in den Ohren eines Perversen

Offener Brief an die EU Kommissarin für Innenpolitik: Bitte keine Werbeprogramme für Kinderpornoseiten!

Liebe Anna Cecilia Malmström,

Sie genossen am Göteborger "Schillerska Gymnasiet" eine humanistische Schulbildung. Die griechische Antike dürfte Ihnen in lebhafter Erinnerung sein. An eine dieser sagenhaften Geschichten möchte ich Sie heute erinnern: Herakles sollte die Hydra erlegen. Das war auch deshalb so schwierig, weil das Schlangen-Biest acht Köpfe hatte, für die jeweils zwei neue nachwuchsen, wenn einer davon abgeschlagen wurde.

So ähnlich ist das mit den "Websperren": Kaum ist einer der bisherigen Protagonisten dank neu gewonnenem Wissen verstummt, wird er von zwei anderen ersetzt. Das immer gleiche, schlichte Argument: "Kinderporno-Seiten sind böse. Also müssen wir den Zugang zu ihnen blockieren." Und ganz Schlaue wissen auch schon, was sonst noch alles böse ist und wegen dieser Eigenart nicht konsumiert werden darf: Nazi- und Glückspielseiten (siehe Vorwärts Marsch zum Deutschnetz).

Zum Beispiel: Ich hätte noch Drogen anzubieten - natürlich einschließlich Tabak und Alkohol - Pech für Brauereien, Winzer, Pharmaunternehmen und die Pralinenindustrie (Ja! - Die ersäufen schließlich tonnenweise Schokolade in Alkohol). Und Selbstmordwerkzeuge - etwa Fahr- und Motorräder, Autos, Flug- und Schienenfahrzeuge. Auf derart kreative Ideen haben mich die Vereinigten Arabischen Emirate gebracht. Was da alles so blockiert wird: Etwa die gesamte Israel-Domain. Heise Online schreibt:

Internettools wie Übersetzungs-Webseiten, VoIP-Dienste, Anonymizer und Hacking-Sites sind nicht erreichbar. Ebenso werden viele Internetangebote zensiert, die politische oder religiöse Positionen vertreten, die sich nicht mit der Staatsdoktrin decken. Hinzu kommen Websperren für Dating-Sites, Informationen über Homosexuelle, einzelne Nachrichtensites wie die in den USA erstellte arabtimes.com, Angaben zu Drogen (inklusive Alkohol), Glücksspiel- Angebote und Webseiten mit Darstellungen nicht ausreichend bekleideter Menschen.

Da warte ich jetzt nur noch drauf, dass jemand eine neue Behörde in Brüssel einrichten will, die die Produktion, Ausgabe und Überwachung von virtuellen Stoppschildern verwaltet.

In Deutschland hat sich zuerst die damalige Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) lautstark blamiert. Mittlerweile ist "Zensursulas" Idee (siehe Zensursula, Internet-Ausdrucker und schlimme Bombenanbauleitsätze) ausgesetzt und nachdem die Jungen den Alten in der Union den Marsch geblasen haben, konnte sich sogar die CDU zur Parole "Löschen vor Sperren" durchringen.

Doch so einfach geht der Geist nicht mehr in die Flasche zurück: Freifrau Stephanie zu Guttenberg, Präsidentin von 'Innocent in Danger' und "Emma"-Herausgeberin Alice Schwarzer fühlen sich ebenfalls zum Gutmenschentum berufen und verlangen, man müsse doch "etwas tun" (Video).

Bei so viel Aktionismus können offenbar auch Sie der populistischen Versuchung nicht widerstehen und wollen mitmischen; "wir können es uns politisch nicht leisten, untätig zu bleiben", heißt es im Umfeld Ihrer Kommission. Im Herbst wollen Sie einen Richtlinienentwurf im EU-Parlament debattieren lassen. Soweit zum Stand der politischen Debatte.

Jetzt kommen wir zum Kern und müssen überlegen: Ist gut gemeint denn auch tatsächlich gut? Der Studie eines Dänischen Zugangsanbieters zu Folge sind weltweit sage und schreibe 28 Internetseiten sperrwürdig, weil sie - aus welchen Gründen auch immer - nicht zu löschen wären. Ich wiederhole: 28!! Wegen 28 Internetseiten wollen wir uns ernsthaft mit totalitären Systemen wie Iran und China auf eine Stufe stellen?? Herzlichen Glückwunsch! Viel Spaß bei künftigen Gesprächen mit der Pekinger Führung über philosophische Themen wie "Freiheit" und "Menschenrechte".

Sei's drum! Wenden wir uns lieber mal den harten Fakten zu: Können Websperren umgangen werden? Die Websperren-Verteidigerin zu Guttenberg weiß, dass das bei 'DNS-Sperren' problemlos möglich ist. "Aber hätten Sie die Hybridsperre genommen! - Die ist nicht mehr so leicht zu umgehen", triumphiert sie über Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser Schnarrenberger. "Nicht leicht zu umgehen". Offenbar gehts auch weiterhin. Die Erreichbarkeit wird allenfalls eingeschränkt. Wie wird wohl die Untergrundwirtschaft darauf reagieren? Das kann sogar ein durchschnittlich begabter Absolvent einer Realschule unschwer prognostizieren: "Die Preise werden steigen." Hinzu kommt: Es wird kochrezeptartige Anleitungen geben, wie man Sperren jedweder Art umgeht, um an die Objekte der Begierde zu gelangen.

Hier die unterschwelligen Botschaften im Überblick, die Sie mit einer solchen 'Websperren-Liste' transportieren werden:

  1. Die hier aufgezählten Seiten sind besonders grausam und menschenverachtend (- Das muß wie Musik in den Ohren eines Perversen klingen.)
  2. Weder die internationale Staatengemeinschaft geschweige denn die Europäische Union sind in der Lage, diese Folter-Seiten zu schließen (- was für ein Armutszeugnis für die Welt!)
  3. Diese Internetseiten befinden sich in einem rechtsfreien Raum (Ich wusste es schon immer, dass es den gibt!)
  4. Wir können die Folterknechte nicht zur Verantwortung ziehen (Prima! Mafia und Terrorbanden werden das wohlwollend zur Kenntnis nehmen.)

Daraus folgt:

  1. für die Folterknechte geschlossener Internetseiten (solange sie nicht im Knast sitzen): Sie werden von den angeblich nicht zu schließenden Seiten lernen.
  2. für die Folterknechte gesperrter Internetseiten: Sie werden ihre Gewinnspannen angesichts des knapperen Angebots weiter erhöhen. Zusätzlich nehmen sie Geld für die genannten "Kochrezepte" ein.
  3. für die pädophilen Konsumenten: Sie werden höhere Preise zu zahlen haben - nicht nur für die Inhalte, sondern auch, um an die "Kochrezepte" zu kommen.
  4. für die Noch-Nicht-Konsumenten: Ihr sportlicher Ehrgeiz wird angestachelt, eine technische Hürde zu umgehen, um das Verbotene zu tun.
  5. für diejenigen, die die 'Websperren-Liste' verwalten: Sie werden a) bestochen und/oder erpresst werden, die Liste rauszurücken; diese Liste wirkt als Qualitätsempfehlung wie das Bio-Siegel für gesunde Lebensmittel.Und b) bestochen und/oder erpresst werden, weitere Seiten auf diese Liste zu setzen - die Bewohner der Liste können ja nicht strafverfolgt werden.
  6. für die gefolterten Kinder: Nichts. Sie werden weiter zu leiden haben.

Im Ergebnis gefährden Websperren die Demokratie und wirken gleichzeitig als Marketinginstrument für angeblich nicht löschbare Kinderpornoseiten. Durch die Konzentration von Angebot und Nachfrage auf wenige Seiten muß damit gerechnet werden, dass diese noch populärer werden und somit noch mehr Kinder gefoltert werden.

Liebe Frau Malmström: Lassen Sie sich bitte nicht hektisch zu irgendeiner kopflosen Kurzschlußreaktion verleiten, nur weil einige Damen in Deutschland wie aufgescheuchte Hühner vom Gedanken beseelt hin- und herrennen, dass sie doch etwas tun müssen. Dies wäre ein neuerlicher Versuch, ein gesellschaftliches Defizit mit Hilfe irgendwelcher Technik zu lösen. Das wird nicht funktionieren.

Wir brauchen vielmehr ein weltweit funktionierendes Wertesystem, mit dessen Hilfe die Folter von Kindern geächtet und strafverfolgt werden kann - gerade bei der Kinderpornographie scheint mir das durchaus möglich: Salman Rushdie sagt, pornographische Seiten würden in vielen Ländern blockiert. Warum also sollte es nicht möglich sein, sich über kulturelle Grenzen hinweg zu verständigen um kinderpornographische Inhalte zu löschen und die Täter in den Knast zu bringen?

Mit einer solchen internationalen Kampagne hätten Sie wahrhaft Herkulisches geleistet: Erstens würden keine nicht funktionierenden Plazebos mehr verteilt und zweitens könnten wir damit die Anzahl gefolterter Kinder tatsächlich reduzieren. Der Sohn des Zeus hatte seine Aufgabe auch dadurch gelöst, dass er die Hälse der Hydra ausbrannte, nachdem er die Köpfe abgeschlagen hatte. Ihre Aufgabe will erst noch gelöst werden.

Mit herzlichen Grüßen

Joachim Jakobs

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