"Musiker sollen ihre Instrumente verkaufen"

Symbolbild: Nick Bolton/unsplash

Die Kulturszene ist in der Coronakrise in Bedrängnis. Es ist keine Lösung in Sicht. Nachtrag des BKM zu den Musikinstrumenten

Die Corona-Krise trifft alle - aber nicht alle in gleichem Ausmaß. Die Milliardenhilfen, die die Bundesregierung der Wirtschaft zur Verfügung stellt, sei es in Form von nicht rückzahlbaren Soforthilfen oder in Form von Krediten, verteilen sich bislang sehr ungleich.

Während die Autoindustrie trotz großer Gewinne, trotz Abgas-Affäre nun mit einer ökologisch und ökonomisch zweifelhaften Kaufprämie unterstützt werden soll und auch für Großkonzerne das Kurzarbeitergeld aus staatlichen Mitteln aufgestockt wird, geraten viele kleine Unternehmen und Selbständige in Bedrängnis.

Akteure unter Schock - keine Lösung in Sicht

Besonders betroffen ist die Kulturszene. Ob Musiker, Schriftsteller, Schauspieler, Bildende Künstler - sie alle leben ganz maßgeblich von den Honoraren für öffentliche Auftritte. Aber Konzerte, Lesungen, Theateraufführungen, Dreharbeiten und Ausstellungen sind auf absehbare Zeit nicht durchführbar. Und es ist offen, wann sich daran etwas ändern wird. Eine Rückkehr zur Normalität noch in diesem Jahr ist zumindest unwahrscheinlich. Und auch die aktuellen Lockerungen dürften keinen nennenswerten Effekt haben.

"Bildenden Künstlern fehlen die Verkaufsmöglichkeiten, am gravierendsten ist es aber bei den darstellenden Künsten, und ich gehe davon aus, dass sich das nicht so schnell ändern wird. In vielen Theatern, bei Festivals und Kultureinrichtungen ist es kaum möglich, die Abstandsregeln einzuhalten. Viele Akteure stehen unter Schock, und bis jetzt ist keine Lösung in Sicht", sagt Corina Gertz, Sprecherin des Rates der Künste aus Düsseldorf.

Betroffen sind nicht nur Künstlerinnen und Künstler. Sondern auch deutschlandweit Hunderttausende Menschen, die hinter den Bühnen arbeiten: Bühnenbauer, Beleuchter, Kostümschneider, Tontechniker und viele mehr arbeiten ebenfalls oft selbständig. Momentan haben viele von ihnen nichts zu tun. Und mit den Akteuren ist die gesamte Branche bedroht.

Die Literaturverlage und mit ihnen der Buchhandel leiden unter drastischen Umsatzeinbrüchen durch die wochenlangen Geschäftsschließungen. Kleine Theater und andere Kulturinstitutionen, die im Gegensatz zu den großen, prestigeträchtigen Häusern oft keine oder nur geringe Förderungen erhalten, stehen vor dem Nichts.

Dabei sind es gerade die Kleinen, die Kultur am Leben erhalten, die innovative Konzepte und Avantgardistisches erproben, Jahre bevor es in den großen Häusern ankommt. Oder man blicke auf den Schulstoff oder jene Bücher, die heute als Klassiker der Weltliteratur gelten: Das sind in der Regel nicht die Werke, die zu ihrer Zeit sonderlich populär waren. Der Massengeschmack hat noch nie nennenswert das geprägt, was sich Jahrzehnte oder Jahrhunderte später als bleibend und relevant erweist.

Kunst und Kultur sind nicht kommerziell, funktionieren nicht nach den Regeln des Marktes. Da war schon immer so. Die Kleinen sind das Fundament der Kulturlandschaft. Wie viele von ihnen die Krise überleben werden steht in den Sternen.

Mangelnde politische Unterstützung

Aber es ist keineswegs das Virus, das ihnen am meisten zu schaffen macht. Sondern die mangelnde politische Unterstützung. Während den großen Playern der Wirtschaft, die nicht selten einen direkten Draht in die Landtage haben, geholfen wird, werden diejenigen, die keine schlagkräftige Lobby haben, mit warmen Worten hingehalten.

Schon mehrfach hat Kulturstaatsministerin Monika Grütters betont, wie wichtig und demokratierelevant die Kultur sei. Aber wenn es um konkrete Hilfen geht, windet sich die Politikerin.

"Es ist für alle Beteiligten eine völlig neue Situation", sagt Corina Gertz. "Seitens der Politik wurde mehrmals nachgebessert. Aber es gibt eine große Verunsicherung, weil nicht klar ist, wie es weitergeht."

Soforthilfe?

Das liegt auch daran, dass rund um die Soforthilfen für Kulturschaffende Chaos entstanden ist. Noch vor den Soforthilfen des Bundes für Selbständige hatte das Land NRW einen Soforthilfetopf für Künstlerinnen und Künstler mit einem Volumen von fünf Millionen Euro aufgelegt. Bis zu 2.000 Euro sollten die Antragsteller rasch und unkompliziert erhalten, wenn sie ihre Einnahmeausfälle nachweisen konnten.

Allerdings waren die Mittel zu knapp bemessen, der Topf schon nach wenigen Tagen leer. Gerade mal rund 3.000 der insgesamt rund 16.000 Antragsteller in NRW erhielten eine Zusage - und die verantwortlichen Behörden ließen sich zwei volle Wochen Zeit, bevor sie publik machten, dass die Mittel aufgebraucht waren. Ähnlich lief es in Berlin. Viele andere Bundesländer ignorierten das Problem gar komplett.

Also beantragten viele Kulturschaffende die Soforthilfe für Selbständige, die ab April in Höhe von 9.000 Euro für Soloselbständige ausgezahlt wurde. Doch es stellte sich heraus, dass diese Mittel nur für die Deckung von Betriebskosten, nicht aber für die Lebenshaltungskosten verwendet werden durften.

"Bei der Bundesregierung oder dem Bundeskulturrat sehe ich keine Bewegung, daran etwas zu ändern", sagt Ex-Innenminister Gerhart Baum, aktuell Vorsitzender des Kulturrates NRW.

Zwar wird nun an einem neuen Hilfsprogramm für Soloselbständige gearbeitet. Aber auch dort sollen die Gelder wieder an Betriebskosten zweckgebunden werden. Für die Lebenshaltungskosten darf man sie nicht verwenden.

Gerhart Baum

Doch das, so Baum, geht an der Lebens- und Arbeitsrealität der meisten Kulturschaffenden vorbei. Denn die wenigsten haben Betriebskosten: "Künstler sind ihr eigener Betrieb", sagt Baum.

Meist schreiben, komponieren, entwickeln sie im Home Office, ihre Materialkosten sind oft minimal, ihre Einnahmen in normalen Zeiten fließen nicht in einen Betrieb, sondern in ihre Lebenshaltung.

Daher fordern wir eine Soforthilfe Plus, die auch die Lebenshaltungskosten einschließt. Wir wollen, dass die Landeshilfen in NRW verlängert und durch ein Stipendienprogramm ergänzt werden. Es soll also keine Alimentation sein, sondern eine Bezahlung für konkrete künstlerische Aktivitäten.

Gerhart Baum

Die Idee klingt sinnvoll. Schon heute gibt es Institutionen, die Künstlerinnen und Künstlern Fördermittel gewähren, um ihre Arbeit durchführen zu können, was oft notwendig ist. Denn bis Kunstwerke abgeschlossen sind, vergehen mitunter Jahre - und erst hinterher können Werke verkauft, Auftritte absolviert, also Geld verdient werden.