Mustapha Kemal Atatürk und die Geburt einer Republik

Der Mann, der die Türkei zu dem machte, was sie heute ist

Die Türkei beruft sich in ihrem Bestreben um Aufnahme in die Europäische Union insbesondere auf jene beiden Prinzipien, die sie ihrem Gründer Mustapha Kemal Atatürk verdankt: Laizismus und Modernität. Ein Dokumentarfilm zeichnet den politischen Weg des Mannes nach, der sein Land auf diese Grundsätze verpflichtete und damit den Anstoß für die westliche Ausrichtung der Türkei gab: Ohne Mustapha Kemal Atatürk wäre heute ein Antrag auf den EU-Beitritt überhaupt nicht denkbar.

Mustapha Kemal Atatürk wurde 1881 in Saloniki geboren. Von heftigem und leidenschaftlichem Naturell, machte er zuerst beim Militär Karriere. 1908/09 nahm er am Aufstand der „Jungtürken“ teil, und im Ersten Weltkrieg führte er eine Armee. Die Türkei beging in diesem den Völkermord an den Armeniern, den er ablehnte.

1918 wird er mit 37 Jahren in den Rang eines Nationalhelden erhoben. Doch er findet sein Land und die Hauptstadt von alliierten Truppen besetzt vor und will dies nicht hinnehmen. Durch den Vertrag von Sèvres vom August 1920 mit den Alliierten bleiben dem Osmanischen Reich nur noch 15% des Territoriums, das es die letzten 5 Jahrhunderte kontrollierte.

1920 rief Mustapha Kemal die erste Große Nationalversammlung ein, deren Präsident er drei Jahre lang war. Seine bahnbrechende Leistung war die Abschaffung des Sultanats. Auf der Grundlage des zerfallenden Osmanischen Reiches schuf er einen neuen, homogenen Staat als Republik.

1922 bis 1924 besiegt die Türkei die Griechen und 900.000 Christen fliehen aus dem Reich, während 400.000 muslimische Griechen in die neue Türkei fliehen. Zusammen mit dem vorherigen Völkermord an den Armeniern ist nun alles umgekrempelt, die Völkermischung des ehemaligen osmanischen Reiches ist Vergangenheit.

Mustapha Kemal Atatürk wurde 1881 geboren (Bild: Arte France)

Nach 8 Monaten Verhandlung wird im Juli 1923 der Vertrag von Lausanne unterzeichnet und die Alliierten ziehen ab. Allerdings ist auch ein armenischer oder kurdischer Staat hiermit hinfällig geworden. Mit dem Ausruf der Republik am 29. Oktober 1923 beschränkt sich die Türkei auf ihre anatolischen Grenzen. Das Sultanat und die kalifatische Struktur des osmanischen Reiches sind Vergangenheit, es gibt nun nur noch einen Kalifen als geistlichen Anführer, der keine weltlichen Funktionen mehr hat. Am 3. März 1924 wird auch noch das Kalifat abgeschafft. Demonstrationen hiergegen werden von Mustapha Kemal niedergeschlagen.

1924 wird Religion in der Türkei Privatsache, Religionsgerichte werden abgeschafft. 1925 schreibt Mustapha Kemal das Tragen von Hüten vor, um das Tragen von Fez und Turban zu verhindern. 100 Widerständler werden hingerichtet, der Fez ist in der Türkei heute noch offiziell verboten. Der muslimische wird durch den gregorianischen Kalender ersetzt.

1926 wird die Gleichheit von Mann und Frau in der Verfassung verankert und die Polygamie abgeschafft. 1928 schafft Mustapha Kemal den Islam als Staatsreligion ab und ersetzt innerhalb weniger Wochen das arabische durch das lateinische Alphabet. Die Trennung von der arabischen Welt, die bereits mit dem Verlust Syriens, Palästinas und des Iraks begann, wird hiermit vollendet.

Vor allem zwischen 1924 und dem Beginn der 30er Jahre modernisierte Mustapha Kemal Atatürk die noch weitgehend ländliche und stark religiös geprägte Gesellschaft seines Landes. Seine Reformen veränderten den Alltag der Türken von Grund auf. Er duldete jedoch keinerlei Protest, schaffte das Parlament wieder ab und bis zu seinem Tod 1938 nahm sein Regime immer autoritärere Züge an. Er will ein westliches Regime, eine faschistische oder bolschewistische, mindestens autoritäre Diktatur galt nach 1920 als westlich und modern, auch im Sinne von Lenin und Stalin. Deshalb gerät auch sein System zur Diktatur.

1925 wurde der Kurdenaufstand blutig unterdrückt, obwohl die Kurden Mustapha Kemal im Unabhängigkeitskrieg 1919 bis 1922 unterstützt hatten. Die Kurden wollten wieder ins Gebiet von Mesopotamien, des heutigen Irak. Da Atatürk mit den Engländern über die Erdölfelder in Mesopotamien verhandelt, sieht er den Kurdenaufstand als von den Engländern, vielleicht auch von den Sowjets eingefädelte Sache an.

Ab 1924/25 werden Gewerkschaften und Opposition verboten, 1926 ein Attentat der Jungtürken vereitelt, für die Mustapha Kemal einst zwar gekämpft hatte, die er aber nie leiden konnte – und ebensowenig umgekehrt.

Mustapha Kemal Atatürk, der Gründer der Türkei (Bild: Arte France)

Nun dreht sich alles um das türkische Volk als Bewohner Anatoliens. Die Türken waren jedoch erst im 11. Jahrhundert nach Anatolien gekommen. Also wird die Geschichte umgeschrieben. Sogar die gesamte Menschheit soll ursprünglich türkisch gewesen sein und Türkisch die Mutter aller anderen Sprachen der Welt.

1932 tritt die Türkei dem Völkerbund bei und der griechische Premierminister schlägt erfolglos vor, Atatürk solle den Friedensnobelpreis erhalten. 1934 erhalten die türkischen Frauen das passive und aktive Wahlrecht – 15 Jahre nach den Deutschen, aber 11 Jahre vor den Franzosen. In diesem Jahr führt Mustapha Kemal Familiennamen in der Türkei ein – ihm wird der Familienname Atatürk – Türkenvater – gegeben. Er galt mit seinen Reformen dem Schah von Persien ebenso wie dem König von Afghanistan als Vorbild,

War er ein genialer Visionär, dem die Türkei ihre Annäherung an die moderne westliche Welt verdankt? Oder war er ein – aufgeklärter – Despot, dessen politisches Erbe noch heute die Vollendung des Demokratisierungsprozesses der Türkei belastet? Wer sein Werk kritisiert, muß auch heute noch mit jahrelangem Gefängnis rechnen. Die türkische Gesellschaft ist gespalten: Auf der einen Seite stehen westlich orientierte urbane Schichten, auf der anderen islamistisch geprägte Kreise.

Weil die Lehren von Mustapha Kemal Atatürk diese Gegensätze zusammenhalten, wird die Erinnerung an ihn in der Türkei nach wie vor hochgehalten, Kritik ist tabu. Mustapha Kemal Atatürk gilt ausschließlich als der kühne – und bisher in der arabisch-muslimisch geprägten Welt unerreichte – Modernisierer einer religiös strukturierten Gesellschaft. Offensichtlich ist allein das schon so wertvoll, dass es die Schwächen des Staatsgründers wett macht.

Mustapha Kemal Atatürk – Die Geburt einer Republik, Dokumentation von Séverine Labat, Arte France, Frankreich 2005, 52 Minuten,
Erstausstrahlung Arte TV, Mittwoch, den 14. September 2005, 20.45 Uhr, Wiederholung: Freitag, den 16. September 2005 um 16.50 Uhr

(Wolf-Dieter Roth)