Mutmaßlicher Giftgasangriff: Vorwürfe der USA und der EU gegen die Regierung Assad

White Helmets. Quelle: al-Masdar-News

Syrischer Informationsnebel: Kritiker bemängeln wenig verlässliche Quellen

Mit "Gift für das syrische Volk" überschreibt der Spiegel am Dienstagabend, um 18 Uhr 41 einen Bericht über einen Chemiewaffenangriff auf Chan Schaichun (auch: Khan Sheikhoun). "Dutzende Menschen wurden getötet", erfährt der Leser in der Unterzeile und: "Alles deutet darauf hin, dass das Assad-Regime verantwortlich ist."

Wieder einmal Assad, wieder einmal gegen das syrische Volk und wieder einmal mit Gift. Der Mann hat, so der Eindruck nach nur wenigen Sekunden, ganz offensichtlich seine Menschlichkeit verloren. Dem Bericht vorangestellt ist das Foto eines Kleinkinds.* Es illustriert, worum es in dem Bericht geht: Dass Unschuldige angegriffen wurden - und zwar allem Anschein nach mit Gas.

Es sind dramatische Fotos und Videos, die lokale Journalisten und Aktivisten aus der Stadt Chan Schaichun verbreiten: Menschen mit weit aufgerissenen Augen, die verzweifelt nach Luft schnappen. Apathische Kinder mit Schaum vor dem Mund. Männer und Frauen, deren Körper verkrampfen. Helfer, die mit Wasserschläuchen versuchen, Gift von den Körpern der Opfer zu spülen. Ärzte, die bewusstlose Verletzte intubieren. Kinder, Frauen und Männer, äußerlich unverletzt, aber tot.

Der Spiegel

Mindestens 58 Menschen sollen bei dem Angriff am Dienstagmorgen auf die 90.000-Einwohner-Stadt Chan Schaichun (auch Khan Sheikhoun) ums Leben gekommen sein, wie nicht nur der Spiegel, sondern auch die BBC (mit dem gleichen Kleinkindfoto) und andere internationale Medien berichten. Le Monde berichtet gar von hundert Toten.

Als Gipfel der Heimtücke wird ein weiterer Angriff dargestellt: "Dann schlug eine Rakete in einem Krankenhaus ein, in dem die Opfer behandelt werden", berichtete der Spiegel bereits am Dienstagmittag. Da war die Rede von einem "mutmaßlichen Giftgasangriff" zuvor.

Als Quelle nennt der Spiegel für die Meldung über den Angriff auf das Krankenhaus die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte (SOHR). Bei der anderen stützt man sich auf "Aktivisten und Helfer". Ein Fotograf, der frühzeitig am Ort war, wird namentlich genannt: Hussein Kayal, der für das oppositionelle Medienzentrum Idlib arbeitet. Die Zahl der Toten geht auf "Angaben von Rettern und Zeugen vor Ort" zurück. Auf dem kurzen Amateur-Video zum Bericht ist auf dem Rücken einiger Retter sehr deutlich das Logo der White Helmets zu erkennen.

Die "Oppositionsaktivisten" in Chan Schaichun machen die syrische Luftwaffe für den Angriff verantwortlich, berichtet der Spiegel. BBC stützt sich auf Informationen des Medienzentrums Idlib (EMC) und "lokaler Koordinierungszentren", die von "Luftangriffen auf mehrere Kliniken" sprechen. Zitiert werden auch ungenannte regierungsnahe Journalisten, die sich auf Quellen aus dem Militär berufen, wonach sich in einer chemischen Waffenfabrik der al-Qaida eine Explosion ereignet habe, die entweder auf einen Unfall oder einen Luftangriff zurückzuführen sei.

Tatsächlich findet sich auf der regierungsnahen Newsseite Al-Masdar eine Meldung, wonach die syrische Armee am Dienstag eine "jihadist gas factory" in Khan Sheikhoun angegriffen habe.

Die New York Times zitiert eine anonyme Quelle aus dem US-Außenministerium, der die syrische Regierung und deren Schutzmächte, Russland und Iran, beschuldigt, "einen der tödlichsten Angriffe seit Jahren mit chemischen Waffen in Syrien" begangen zu haben.

Der ranghohe Vertreter des State Department sagte der Zeitung, dass der Angriff den Anschein eines Kriegsverbrechens habe und Russland und Iran, die Regierung Assad von weiteren Angriffen mit Chemiewaffen zurückhalten sollen. Ob der Vertreter des Außenministeriums zu den Mitarbeitern gehört, die von der Obama-Administration übernommen wurden, geht aus dem Bericht nicht hervor.

Das Weiße Haus bezeichnte den Angriff laut NYT als "verwerflichen Akt gegen Unschuldige, der von der zivilen Welt nicht ignoriert werden" könne. Im Gegensatz zu früher gebe es aber keine grundsätzliche Option für einen Regime Change, dem würden die politischen Realitäten in Syrien widersprechen.

Ganz offensichtlich spielt Spicer damit auf die Politik von Obama an, der im August 2013 entgegen seiner Roten-Linie-Ankündigung auf Vorwürfe eines Giftgasangriffes der syrischen Armee in Ostghouta nicht mit einem militärischen Angriff antwortete. So zitiert die New York Times Spicer damit, dass die "ruchlosen Taten des Regimes von Baschar al-Assad "eine Konsequenz der Schwäche und Unschlüssigkeit" der letzten US-Regierung seien.

Frankreich, Großbritannien und die Türkei schlossen sich laut Zeitung der Verurteilung des Angriffs an. Sie machten die syrische Regierung dafür verantwortlich. Der UN-Sicherheitsrat soll morgen zur Sache beraten.

Evident ist, dass die Nachricht vom Giftgasangriff als öffentliches Druckmittel gegen die syrische Regierung, gegen Russland und Iran eingesetzt wird. Morgen steht eine Syrienkonferenz der EU an. Auch die EU-Außenbeauftragte Mogherini kritisierte die syrische Regierung: Laut heute/ZDF soll sie gesagt haben, dass die Verantwortung für die Tat "offensichtlich" beim "Regime" Assads liege , weil es die Verantwortung habe, "sein Volk zu schützen und nicht sein Volk anzugreifen".

Im New York Times-Bericht gibt es auch einen Link zu Videos der Angriffe, auch hier sind die White Helmets prominent vertreten. Gegen deren Arbeit richten sich Vorwürfe.

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