Mutprobe Akropolis

Akropolis. Bild: Wassilis Aswestopoulos

Beton und Antike vertragen sich nicht: Neuer Zugang zum Pantheon kann vor allem für Rollstuhlfahrer gefährlich werden. Eine Posse aus Athen

Am 14. Mai wird Griechenland für den Tourismus öffnen. Auch im zweiten Jahr der Corona-Pandemie wird der Schritt mit Testläufen seit Mitte April vorbereitet. Öffnung des Tourismus heißt, dass die organisierten Strände für den Publikumsverkehr geöffnet werden. Cafés und Restaurants können mit Einschränkungen bereits seit Anfang Mai öffnen. Allerdings darf dort aus Gründen des Infektionsschutzes keine Musik gespielt werden.

Die griechischen Virologen sind der Ansicht, dass Musik lauteres Sprechen der Kunden provoziert – und damit für mehr Aerosole sorgt. Die griechische Politik ist dennoch zuversichtlich, dass 2021 mehr Touristen als im Vorjahr ins Land gelockt werden können. Denn schon vor der Pandemie pilgerten jährlich Millionen auf die Akropolis, den "heiligen Felsen", der von nahezu jedem Punkt der Athener Innenstadt gesehen werden kann.

Wer die Akropolis künftig allerdings besuchen will, wird eine Überraschung erleben. Das weltberühmte Bauwerk wurde mit einer Betonrampe versehen, die den Zugang erleichtern sollte. Der bauliche Eingriff die antike Stätte ist nicht nur unter Fachleuten umstritten. Nun stellte sich heraus, dass die Verantwortlichen – die sich selber loben – eine Gefahrenquelle geschaffen haben.

Akropolis und Akropolis Museum (8 Bilder)

Akropolis Museum. Bild: Wassilis Aswestopoulos

Rund um die Akropolis finden sich zahlreiche interessante Sehenswürdigkeiten. Im neuen Akropolis-Museum sind Originalstatuen der Tempel auf der Akropolis ausgestellt. Das dem Museum gegenüberliegende Dionysos-Theater mitsamt der Heiligtümer des Weingottes ist zu Fuß leicht erreichbar. Vom Akropolis-Museum aus gibt es einen perfekten Blick auf die antiken Tempelanlagen auf dem Felsen. Das, was für Touristen alljährlich schwierig ist, ist der weitere Aufstieg zur Akropolis.

So beschwerlich, dass die Menschenrechtsanwältin Amal Clooney 2014 auf den Gang zur Akropolis verzichtete. Die Juristin hatte sich für die Rückgabe der sogenannten Elgin-Figuren, der von Lord Elgin einst geraubten Statuen der Akropolis eingesetzt. Sie wurde in Athen von Regierungsmitgliedern empfangen, konnte aber auch vom damaligen Kulturminister Konstantinos Tasoulas nicht überredet werden, das Bauwerk, um das es beim Rechtsstreit geht, persönlich zu besuchen.

Tasoulas hatte der Anwältin eine ganze Sammlung neuer Sportschuhe ins Hotel geschickt. Denn die Akropolis war nur mit festem Schuhwerk begehbar. Für Personen mit Gehbehinderung war eine Besichtigung nur schwer möglich.

Steile Rampe macht Kulturerlebnis zur Mutprobe

Der Aufgang bis zu den Kassenhäuschen am Eingang zur Tempelanlage ist mit Kopfsteinpflaster ausgelegt. Auch der Areopag-Felsen – die Stelle, von der Apostel Paulus zu den Athenern gesprochen haben soll – ist ausgebaut. In der Tempelanlage selbst gab es in den Boden gelegte Steinplatten, eine Art Kies in einem losen Zementbett. Als Alternative zum Aufstieg gibt es einen rollstuhlgerechten Lift, der nach jahrelanger Betriebsstörung wieder funktioniert.

Auch nach dem Aufstieg präsentierten sich den Besuchern rund um den Parthenon, das Erechtheion und die weiteren Anlagen gleiche Wegverhältnisse, wie beim Aufstieg. Aus diesem Grund hat die Regierung nun zu einem drastischen, und umstrittenen Mittel gegriffen. Die Wege wurden breit mit Stahlbeton befestigt. Das Kulturministerium feiert diesen Eingriff in die Ästhetik des zum Weltkulturerbe gehörenden Monuments in einem Video als Erfolgsprojekt.

Seit dem Altertum bestehende Steinwege wurden zubetoniert. Probleme bereitet nun auch der Abfluss von Regenwasser, wofür erneut eine Studie durchgeführt werden muss. Die baulichen Veränderungen rund um die Akropolis haben auch international Kritik hervorgerufen.

Kulturministerin Lina Mendoni begründet sämtliche Maßnahmen damit, dass das Bauwerk nur mit der Betonierung barrierefrei zugänglich sei. Andere, für die antiken Bauwerke verträglichere Methoden lehnt sie als unausgereift ab.

Die angebliche Barrierefreiheit erwies sich jedoch bereits vor der Eröffnung der Tourismussaison als Trugschluss. Ende April kam es zum ersten Unfall mit einem Rollstuhlfahrer. Dessen Begleitperson konnte den Rollstuhl auf der zu steilen Betonrampe nicht mehr halten. Der Rollstuhl überschlug sich und der Rollstuhlfahrer musste im Krankenhaus behandelt werden. Der Betroffene beklagte, die Betonrampen seien zu steil.

Die Ministerin behauptete dagegen im Parlament, die Betonierung sei nicht schuld am Unfall. Für Mendoni nutzt die Opposition den Unfall auf unethische Weise aus.

Die Opposition, vor allem die linksgerichtete Syriza und die außerparlamentarische linke Partei Antarsya legte einen Mängelkatalog vor. Insbesondere seien die vorliegenden Steigungen von 15 Prozent nicht geeignet, um für alle eine gute Nutzbarkeit zu gewährleisten. Tatsächlich finden sich in der DIN 18040 für barrierefreies Bauen im öffentlichen Bereich maximal zulässige Steigungen von sechs Prozent, die zudem auch noch ohne Quergefälle installiert werden müssen.

Und auch unabhängig vom politischen Streit mehren sich die Erfahrungsberichte, nach denen auf der Akropolis zumindest erhöhte Vorsicht geboten ist. (Wassilis Aswestopoulos)