Mutter und Domina

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Der schwarze Schwan: Meryl Streep als "Die Eiserne Lady" Margaret Thatcher

Meryl Streep als Margaret Thatcher - da fürchtet der geübte Kinozuschauer zunächst einmal das Übliche, also das Allerschlimmste: ein kitschiges sentimentales Biopic und überquellende Stareitelkeit. Ein kleines bisschen trifft dieses Vorurteil sogar auf The Iron Lady von der weitgehend unbekannten britischen Regisseurin Phyllida Lloyd tatsächlich zu, wenn auch auf völlig andere Weise: "The Iron Lady" ist eine One-Woman-Show der Meryl Streep und ihrer Maskenbildnerin, aber Streep ist hier niemals Streep, sondern immer Margaret Thatcher. Und natürlich ist der Film sentimental und einfühlsam.

Es liegt in der Natur jeder Biographie ihren Gegenstand überzubewerten, für ihn beim Publikum übermäßige Sympathie zu wecken, und Verständnis und Erklärungen für dessen Schwächen zu wecken. Das tut auch dieser Film. Die interessantere Frage im Fall von Margaret Thatcher ist aber natürliche diese: Inwieweit ist solche Sympathie, ist Verständnis gerechtfertigt?

Was leisten Erklärungen bei einem Gegenstand den wir - je nach Standpunkt - zu verachten oder zu dämonisieren gewohnt sind. Von denen, die Thatcher verklären, reden wir jetzt mal nicht. Gibt es also am Ende möglicherweise etwas, was wir von der Eisernen Lady, dem Film und der historischen Person, lernen könnten?

One of the great problems of our age is that we are governed by feelings, not by thought and ideas.

Margaret Thatcher

Vor allem aber: Der Film als Film ist viel besser, als gedacht, oft ganz unerwartet, manchmal großartig, witzig, insgesamt so, dass man ihn nicht missen sollte.

Der Film zeigt eine alte Frau, die sich zwischen Melancholie und Alzheimer selbst abhanden kommt und allmählich im Dunkel verschwindet. Die im Rückblick ihr Leben Revue passieren lässt, dabei halluziniert. Der Film zeigt also IHRE Sicht auf die Dinge, nicht die Dinge selbst. Man sieht sie im Rückblick: Als sie noch Margaret Roberts hieß und im London der frühen 40er die Bombenangriffe der Deutschen erlebte, den "Blitz". Man sieht, wie sie den Vater bewundert und dessen Plädoyer, auch in größten Gefahren "Business as usual" zu treiben. Sie ist stolz darauf, "a shopkeepers daughter" zu sein und schämt sich doch dafür.

Sie studierte in Oxford, der Konflikt mit der Mutter darüber wird nur durch einen Blick angedeutet. Einmal im Rückblick ist eine väterliche Rede zu hören, die all die Arroganz und den Stolz und den "Bulldog spirit" enthält, den man im Guten wie Schlechten mit dem "perfiden Albion" (Napoleon Bonaparte) verbindet: "We on this island of strong. Napoleon called us a merchants-people. He meant it as an insult. But for me it was a compliment! Therefore he could not beat us. Therefore Hitler could not beat us."

Der große Streik der Müllleute von 1974, der Heath zu Fall brachte, erschien ihr dann als Pendant zum Zweiten Weltkrieg. Sie war gegen Kompromisse. Und später hieß es dann: "The Lady is not for turning." Und:

Someone must say the unsayable.

Man begreift, dass Thatcher zu ihrer Zeit modern war, dass sie persönlichen Mut hatte, Selbstbewusstsein, dass sie individualistisch dachte. Zugleich ist klar, dass ihre Karriere gegen den Männerclub, gegen den Zeitgeist nur durch bestimmte Charaktereigenschaften möglich war. Dazu gehören Sturheit und Beharrungsvermögen. Härte, wie die Tatsache, dass sie als Kultusminister unter Edward Heath zunächst die uralte Errungenschaft der täglichen Schulmilch abschaffte, und dann ihren Förderer Heath als Führer der Konservativen absägte.

Dabei musste sie sich anpassen, und diese Anpassungsleistungen sind nicht zu unterschätzen. Sie war modern, konnte aber unverheiratet bei den Torys keinen Erfolg haben, also musste sie heiraten, um gewählt zu werden. Sie musste Lektionen lernen wie, auf Hüte und Ketten zu verzichten. "Sie sehen aus wie die Ehefrau eines Tory-Abgeordneten." Also: "Sie müssen lernen, sich zu beruhigen", sagt ihr ein Berater, "Man will nicht gemaßregelt werden." "Weniger kreischen." Die Stimme muss tiefer werden, "wie bei einem leader". Diese Stimmübungen sind lustig und erinnern an "Kings Speech".

Die frischen Jungs der Torys fanden sie dann toll. Für sie war Thatcher die Führerin einer ödipalen Revolte gegen die Vätergeneration, eines konservativen 1968: Mutter und Domina zugleich.

Als sie 1979 nach dem "Winter des Missvergnügens" gewählt war, zitierte sie keinen anderen als den Heiligen Franziskus von Asissi: "Wo Zwietracht ist, wird Eintracht sein, wo Irrtum herrscht, wie die Wahrheit regieren, wo Zweifel quält, wird der Glauben zurückkehren, wo Verzweiflung ist, wird Hoffnung kommen."

Der Film zeigt, wie sie immer wieder auf Autopilot schaltet, wie sie ihr Leben lang Reden und Sprüche von der persönlichen Festplatte abruft, ganze Reden frei halten kann. Man erlebt ihre Rhetorik des "Good housekeeping". Das war ein wenig die Krämerstochter von früher, das war auch ein wenig das immer noch modische Verwandeln aller Probleme in einen Fall der Betriebswirtschaft, des Politischen ins Wirtschaftliche. Die Gesellschaft erscheint in dieser "BWL für alle" als ein Haus, in dem die Regierung als Haushälterin auftritt.

Thatcher war in solchem Denken keineswegs naiv, aber komplexere Dinge wie Globalwirtschaft lassen sich damit auch nicht lösen. Und vielleicht schon nicht die Probleme Großbritanniens. Zugleich gibt es offenkundige Widersprüche: Thatcher argumentiert mit Tugenden wie Arbeit und Fleiß, lobt den Mittelstand. Sie baute in ihrer Amtszeit aber einen von diesem Mittelstand völlig losgelösten Finanzkapitalismus und eine neue Oberklasse auf, vor allem zu Lasten des Produktivsektors.

Der Film lässt eine Menge von Thatchers Schattenseiten weg. Und er sagt nie, warum Thatcher ist, wie sie ist. Man erfährt nicht viel über ihre Eltern, keine Szene gilt der Kindheit, kaum Psychologisierung wird erlaubt. Dass Thatcher auch oft einfach herzlos war, dass sie neidisch auf bestimmte Gesellschaftsklassen und deren Lebensweisen war, und dass sie den Proletariern mit typisch kleinbürgerlicher Verachtung begegnete, kommt kaum heraus. Auch die Ideologin Thatcher lernen wir nicht kennen.

Duty oder ambition? Wieviel persönliche Eitelkeit spielte in ihrer Karriere eine Rolle? Das spart der Film aus.

Ihre Diktion wird von Streep toll getroffen, und, was sie sagt, ist nicht immer von der Hand zu weisen: "We become, what we think. Thoughts, words, and action, should be in harmony." Sie war die Stimme der Vernunft und war sie eine Überzeugungstäterin. "Our politics may be unpopular, but they are the right one." Das zeigte sich beides im Falklandkrieg: "That Junta is a fascist gang" - kein westlicher Antikommunist hat das so klar formuliert wie sie. "We have to stand on principle, or we will not stand at all." "There will be no appeasement." Sie hat die richtigen Worte gefunden. Und zum General: "If there is to be an escalation, it's better we start it."

So ist dies am Ende ein Film über Würde und Courage und Britishness: "At the end, right will win over wrong. It used to be about trying TO DO something. Now it is about trying TO BE someone."

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