Mythos Nowitschok?

Symbol für chemische Waffen. Bild: gemeinfrei

Der ehemalige britische Botschafter Craig Murray vergleicht die Kampfstoffkategorie, mit der der ehemalige Doppelagent Skripal vergiftet worden sein soll, mit den behaupteten Massenvernichtungswaffen im Irak

Die britische Premierministerin Theresa May ist sich nach eigenen Angaben sicher, dass russische Staatsakteure hinter der Vergiftung des nach England umgesiedelten ehemaligen russischen Doppelagenten Sergej Skripal und dessen Tochter Julia stecken. Als Indiz dafür wertet sie, dass Ermittler in einem Pub, das die Opfer besucht hatten, angeblich Spuren von "Nowitschok" entdeckten. Dieses russisches Wort heißt übersetzt "Neuling" und steht für eine Kategorie von mehr als hundert Nervengiften, die dem nach New Jersey übersiedelten wolgatatarischen Chemiker Vil Mirzayanov zufolge seit den 1970er Jahren in einem sowjetischen Programm namens "Foliant" entwickelt worden sein sollen - was Russland im UN-Sicherheitsrat und anderswo bestreitet.

Mirzayanov und dem ehemaligen britischen Chemiewaffenregimentsoffizier Hamish de Bretton-Gordon nach wurde Nowitschok im südrussischen Schichany hergestellt. De Bretton-Gordon zufolge ist (beziehungsweise war) das der einzige Fertigungsstandort, während Mirzayanov sich selbstbewusst der Meinung zeigt, es könne auch jemand gefertigt haben, der sein darüber verfasstes Buch als Anleitung nahm. Eine Fabrik für Düngemittel oder Pestizide würde dazu ausreichen, wie er in seinem Aufsatz Dismantling the Soviet/Russian Chemical Weapons Complex - An Insider’s View behauptet.1

Strukturformel aus Mirzayanovs Buch. Grafik: Public Domain

Theresa May zufolge arbeiten die britischen Behörden derzeit daran, der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) eine unabhängige Bestätigung ihrer Ergebnisse zu ermöglichen. Warum diese Bestätigung nicht umgehend vorgenommen wird, ließ die Premierministerin offen. Das ist unter anderem deshalb merkwürdig, weil eine Regierung der internationalen Chemiewaffenkonvention nach eigentlich verpflichtet ist, gefundene Kampfstoffspuren an die OPCW weiterzuleiten.

Als der Guardian bei der OPCW bezüglich eines britischen Hilfsgesuchs anfragte, erhielt er lediglich die Antwort, dass man "im Moment" keine Informationen dazu habe. 2013 war das mit amerikanischen, russischen, deutschen, französischen und britischen Experten bestückte Beratergremium der Organisation in einem Bericht zum Ergebnis gekommen, dass man zu Nowitschok nichts sagen könne, weil es zu wenige verlässliche Informationen dazu gebe und wissenschaftliche Literatur dazu fehle.

Drei Jahre später, 2016, kam Robin Black, der Leiter des Detection Laboratory der einzigen britischen Chemiewaffenforschungseinrichtung in Porton Down, im Band 1 der Chemical Warfare Toxicology von Franz Worek, John Jenner, Horst Thiermann ebenfalls zum Ergebnis, dass nicht sicher feststeht, ob es die Kampfstoffe wirklich gibt. Die zahlreichen detaillieren Beschreibungen, die man derzeit in deutschen und internationalen Massenmedien geliefert bekommt, beziehen sich entweder auf Nervengifte allgemein - oder sie sind Spekulationen, die meist auf Mirzayanovs Buch zurückgehen.

Der ehemalige britische Usbekistanbotschafter Craig Murray vergleicht die Nowitschok-Vorwürfe deshalb mit den Behauptungen zu angeblichen Massenvernichtungswaffen, mit denen britische und amerikanische Geheimdienste 2003 den Einmarsch in den Irak zu rechtfertigen versuchten. Selbst wenn in dem Pub in Sailsbury Spuren eines zu Mirzayanovs Beschreibungen passenden Kampstoffs gefunden worden seien, ist seinen Ausführungen nach offen, woher er kommt, weil der Wolgatatar (den er für einen Usbeken hält) ja selbst behauptet, dass man die Nowitschoks nachbauen könne und weil der "Fingerabdruck" eines eventuellen russischen Originals fehlt.

Trotz dieser eher unsicheren Beweislage erhält May diplomatische Unterstützung aus Deutschland und anderen NATO-Staaten: Der stellvertretende EU-Kommissionspräsident Frans Timmermans versicherte der Politikerin, mit der er gerade über einen Brexit verhandelt, die "unmissverständliche, unerschütterliche und sehr starke europäische Solidarität" zu, die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel forderte die russische Staatsführung öffentlich dazu auf, "rasche Antworten auf die berechtigten Fragen der britischen Regierung zu geben", der französische Staatspräsident Emmanuel Macron kündigte "Maßnahmen" an und US-Präsident Donald Trump meinte, für ihn sähe es "danach aus, dass es Russland gewesen sein könnte".

In einer heute veröffentlichten gemeinsamen Erklärung der Staats- und Regierungschefs von Frankreich, Deutschland, den Vereinigten Staaten und dem Vereinigten Königreich heißt es, ohne weitere Einzelheiten zu nennen, die den Verdacht bestätigen:

"Das Vereinigte Königreich hat seinen Partnern gegenüber im Detail dargelegt, dass Russland mit hoher Wahrscheinlichkeit die Verantwortung für diesen Anschlag trägt. Wir teilen die Einschätzung des Vereinigten Königreichs, dass es keine plausible alternative Erklärung gibt, und stellen fest, dass Russlands Weigerung, auf die berechtigten Fragen der Regierung des Vereinigten Königreichs einzugehen, einen zusätzlichen Anhaltspunkt für seine Verantwortlichkeit ergibt." (Peter Mühlbauer)

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