NGO warnt vor Marmelade

Vladimir Makovskij: Marmelade einkochen (1876)

Der aktuellen britischen Regierungsrichtlinie nach dürfte man heute weniger Zucker zu sich nehmen, als es während des Zweiten Weltkriegs als Ration gab

In Großbritannien geben die Gesundheitsbehörden - ebenso wie die in Deutschland und vielen in anderen Ländern - regelmäßig Empfehlungen zur Ernährung ab und setzen Grenzwerte. NGOs vergleichen diese Empfehlungen und Grenzwerte mit dem Inhalt von Lebensmitteln und kommen dabei zu scheinbar sensationellen Erkenntnissen hinsichtlich des Gehalts von Zucker, Salz oder Fett. Im Regelfall werden solche Meldungen (ebenso wie die Empfehlungen und Grenzwerte) von Medien ohne größere Skepsis wiedergegeben. Bei einer aktuellen Empfehlung verhält es sich allerdings anders.

Diese neue Warnung der NGO Action on Sugar betrifft nämlich kein Produkt wie Cola oder Ketchup, das überwiegend oder ausschließlich von großen Lebensmittelkonzernen angeboten wird, die ihre genauen Rezepte geheim halten und denen man potenziell viel zutraut, sondern eines, das viele Leute selbst herstellen, weshalb sie dessen Zutaten kennen: Marmelade, die im Englischen auch "Jam" heißt, weil der Ausdruck "Marmelade" dort ausschließlich Konfitüren aus Zitrusfrüchten vorbehalten ist, deren Schalen (anders als beispielsweise Erdbeeren, Kirschen oder Himbeeren) viel Pectin enthalten, weshalb kein Geliermittel zugegeben werden muss. Die EU versuchte, diese Sprachregelung gesetzlich für den Kontinent vorzuschreiben, hatte damit aber nur bei kommerziellen Herstellern Erfolg. Im Volk heißt "Marmelade" weiterhin "Marmelade" - und nicht "Konfitüre".

Zwei Marmeladentoasts und ein Kind

Dass 20 Gramm Fine Cut English Breakfast Marmalade der Marke The Women’s Institute 14,3 Gramm Zucker enthalten wirkt auf Personen, die schon einmal so einen Brotaufstich einkochten, ebenso wenig skandalös wie die 14,4 Gramm in Mackays Scottish Strawberry Preserve - und dass zwei Scheiben Toast mit Marmelade das Leben von Kindern gefährden sollen, wie Action on Sugar unter Rückgriff auf die behördlichen Richtlinienwerte suggerierte, kam britischen Journalisten spanischer vor als andere Warnungen in der Vergangenheit. Deshalb hinterfragten einige von ihnen die Regierungsrichtlinie - und fanden heraus, dass man danach heute weniger Zucker essen dürfte, als es während des Zweiten Weltkriegs als Ration gab (was freilich noch nichts darüber aussagt, ob diese Rationen aus heutiger Sicht sinnvoll bemessen waren). Der Spectator fragte deshalb:

Wenn ein wenig Marmelade reicht, dass man die Richtlinien der Regierung überschreitet, dann könnte man zum Schluss kommen, dass die Richtlinien einer Änderung bedürfen - und nicht die Marmelade.

Dass NGOs mit anderen Lebensmittelmeldungen in Medien andere Reaktionen erzeugen können, führt die Zeitung darauf zurück, dass immer weniger Briten die Zeit und die Fähigkeiten haben, selbst zu kochen - sonst wüssten sie, dass die Mengen an Zucker, Salz und Fett häufig schon immer Bestandteil bestimmter Gerichte waren, und dort nicht "versteckt" werden, sondern zu einer schmackhaften Zubereitung gehören.