NSU-Trio in Zwickau: Mundlos und Zschäpe in Firmen des V-Mannes Marschner

Zeugen bekräftigen vor dem Untersuchungsausschuss ihre Wahrnehmungen - Auch bei Marschners Auftraggeber ein Verfassungsschutz-Spitzel?

Ein Untersuchungsausschuss, der zum Ermittlungsausschuss wird. Die Bundestagsabgeordneten wollten Zeugen persönlich hören, die in den letzten Wochen von Journalisten und Ermittlern des Bundeskriminalamtes befragt worden waren. Das Ergebnis vorneweg: Die Zeugen nahmen nichts zurück, sondern bestätigten ihre bisherigen Aussagen.

Ralph Münch, der frühere Geschäftspartner des Zwickauer Neonazis und Verfassungsschutz-Spitzels Ralf Marschner, will Beate Zschäpe mehrfach im Szene-Klamottenladen von ihm und Marschner gesehen haben.

Und Arne Andreas Ernst, Bauleiter eines Zwickauer Bauherrn, will Uwe Mundlos mehrfach in einer Abrisstruppe Marschners auf Baustellen in Zwickau und Plauen getroffen und sogar gesprochen haben.

Das Netz aus Rechtsradikalen, Hooligans, Unterweltgeschäftemachern, V-Personen von Polizei und Geheimdiensten wird sichtbarer. Wie in Jena oder Chemnitz durchzog es auch Zwickau, wo das NSU-Trio Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe von Juli 2000 bis zum November 2011 lebte. Wichtiger Knotenpunkt darin war Ralf Marschner - in Personalunion all das: Neonazi, Fußball-Hool, Geschäftemacher, V-Mann.

Vier Zeugen haben bisher angegeben, Mitglieder des Trios zusammen mit Marschner oder in einer seiner Firmen gesehen zu haben. Zwei dieser Zeugen wurden nun im Bundestagsausschuss gehört. Sprengstoff enthält vor allem das, was Arne Andreas Ernst aussagt. Zwischen 2000 und 2005 habe er auf zwei Baustellen in Zwickau und Plauen, für die er als Bauleiter verantwortlich war, in einer Abrißtruppe der Firma Bauservice Marschner den mutmaßlichen Terroristen Uwe Mundlos gesehen und mit ihm ein paar Mal direkten Kontakt gehabt. Einen Namen kannte er nicht. Aber er war sein Ansprechpartner unter den Arbeitern. Er habe ihm Anweisungen erteilt, die dann umgesetzt wurden. Dass es sich um das gesuchte NSU-Mitglied handelte, erkannte er erst, als ihm im Frühjahr 2016 Journalisten ein Foto von ihm vorlegten. Vor allem am Ziegenbart am Kinn habe er Mundlos erkannt. Aufgefallen sei ihm noch, dass der denselben Dialekt wie er sprach. Ernst stammt wie Mundlos aus Jena.

Auf der Baustelle in Zwickau sei Mundlos in einem Zeitraum von drei bis vier Monaten regelmäßig dabei gewesen, auf der in Plauen ab und zu. Einmal wöchentlich sei auch Marschner selber bei den Bauberatungen erschienen. Bei dem Abrissteam habe es sich um eine rechte Truppe gehandelt, das habe man gemerkt. Aber ausgesucht und beauftragt habe die Marschner-Firma schließlich der Bauherr. Bei dem handelt es sich um den Investor und Immobilienaufkäufer Kurt F.

Das Besondere: F. ist Mitglied von Scientology. Die Organisation wird vom Verfassungsschutz beobachtet. Ernst berichtete, dass es in der Firma von Kurt F. tatsächlich einen Mitarbeiter gab, der für den Verfassungsschutz gearbeitet haben soll. Das sei einmal auf einer Personalversammlung mitgeteilt worden. Sein Name soll Marcus Fl., der Chef der Vermietungsabteilung, gewesen sei. Marcus Fl. wurde entlassen und gründete dann eine eigene Immobilienfirma.

Damit wären schon zwei V-Leute in der Nähe von Uwe Mundlos gewesen.

Beate Zschäpe in einem Geschäft des V-Mannes Marschner

Doch auch Beate Zschäpe will der Bauleiter Arne Andreas Ernst einmal in Zwickau gesehen haben. Und zwar in einem Szeneladen von Marschner. Er sei zusammen mit dem Besitzer davor gestanden, als die Frau, 1.65 bis 1.70 m groß, herauskam und rauchte.

Doch dann machte Ernst vor den Abgeordneten eine bemerkenswerte Einschränkung: Die Zeugin Katrin B. habe ihm in der Pause ein Foto von ihrer Freundin gezeigt, die Zschäpe sehr ähnlich sehen soll. Deshalb sei er sich nicht mehr so sicher, ob es sich damals tatsächlich um die heute in München Angeklagte gehandelt habe. Warum ihm Katrin B. von sich aus dieses Foto zeigte, konnte nicht geklärt werden. Die Zeugin war vor ihm vernommen worden und hatte Berlin bereits Richtung Zwickau verlassen. Sie ist eine der angeblichen Widerlegungszeugen der Bundesanwaltschaft. Dazu unten mehr.

Beate Zschäpe in einem Geschäft des V-Mannes Marschner - genau das gibt auch Ralph Münch zu Protokoll. Der Rechte-Szene-Laden "Heaven N Hell" gehörte auch ihm. Strenggenommen ihm allein, denn das Stammkapital habe komplett er geliefert. Betrieben wurde der Laden von 2005 bis 2007, ehe Marschner über Nacht aus Zwickau verschwand und in der Schweiz abtauchte. Marschners zurückgebliebener Rechner übergab Münch später dem Bundeskriminalamt. Dass sein Kompagnon V-Mann war, habe er erst hinterher aus der Presse erfahren.

In dem Laden trafen sich immer wieder Leute der rechten Szene mit Marschner, so Münch. Ihm habe das aber nicht gepasst. Darunter war auch jene Frau, deren Bild nach dem Auffliegen des NSU im November 2011 in allen Medien war: Beate Zschäpe. Damals kannte er sie nicht. Doch 2011 erkannte er sie wieder und meldete sich bei der Polizei.

Auch im Ausschuss gab sich Münch, trotz wiederholter Nachfragen von Abgeordneten, sicher ("zu 90 Prozent"), dass er Zschäpe in seinem Laden gesehen hatte. So drei- bis viermal. Und wenn sie da war, sei auch Marschner immer dagewesen. Uwe Böhnhardt oder Uwe Mundlos will er dagegen nicht dort gesehen haben. Er selber war unregelmäßig in dem Geschäft, weil er meist seiner Arbeit als Dachdecker nachging.

Wie bei den Bauarbeiten war Ralf Marschner auch bei seinen Läden mit dem Unternehmer Kurt F. verbunden. Fast alle gehörten Kurt F., so Münch. Zum Teil soll Marschner keine Miete gezahlt haben. Schlüsselgewalt und Zugang zu dem Laden "Heaven N Hell" hatte auch der Neonazi Oliver R. aus Leipzig. Dort hatte er selber einen Laden, arbeitete eng mit Marschner zusammen und war nach dessen Abtauchen fieberhaft auf der Suche nach dem PC seines Kameraden. Jahre später, 2015, taucht der Name Oliver R. im Zusammenhang mit den ausländerfeindlichen Legida-Kundgebungen in Leipzig auf. Er soll zur Ordnertruppe gehören.

Dass die Bundesanwaltschaft (BAW) die Aussagen von Ernst und Münch in Zweifel zieht, muss nicht gegen die Zeugen sprechen. Denn Zeugen, die laut Karlsruher Behörde Mundlos und Zschäpe nicht gesehen oder erkannt haben wollen, taugen nicht unbedingt zur Widerlegung. Jemand kann etwas bemerken, was ein anderer nicht bemerkt. Verständlich wird die Reaktion der BAW vor dem Hintergrund, dass die Personalie Marschner Regierungssache ist. Die gesamte Akte ist durch das Bundesinnenministerium gesperrt (s. NSU-Affäre: Strafvereitelung im Amt?). Bei dem V-Mann muss es sich offensichtlich um eine große Nummer handeln.