NSU-Trio in Zwickau: Mundlos und Zschäpe in Firmen des V-Mannes Marschner

War das Trio Teil einer größeren Organisation?

Katrin B. ist eine der Zeuginnen, die nach Ansicht der BAW die Version von Münch widerlegte. Sie arbeitete in dem Geschäft, allerdings ohne regulär angestellt gewesen zu sein, sprich: schwarz. Sie will Zschäpe nie in dem Szeneladen gesehen haben. "Frau B. war ja nicht immer da", so Münch zu den Abgeordneten. Und auf Nachfrage antwortete er weiter, sie habe zu Marschner ein gutes Verhältnis gehabt und sei selber Teil der Neonazi-Szene gewesen.

Die bestätigte das in der anschließenden Vernehmung einerseits, Marschner sei ein langjähriger Freund gewesen, ein "ganz lieber Typ" mit einem "großen Herzen", der "vielen geholfen" habe. Sie wollte nicht ausschließen, dass Marschner auch "den Dreien", also Böhnhardt, Mundlos, Zschäpe, geholfen haben könnte, erklärte sie allgemein. Sie selber wollte damals von dem Trio nichts gewusst und die Namen nicht gekannt haben. Auch die von Susann und André Eminger nicht. Beide sind ebenfalls aus Zwickau, er ist einer der fünf Angeklagten in München, sie eine der neun weiteren Verdächtigen, gegen die ermittelt wird. Von Marschners V-Mann-Tätigkeit habe sie erst hinterher aus der Zeitung erfahren.

Andererseits bestritt Katrin B., etwas mit der rechten Szene zu tun gehabt zu haben. Das konnte sie im Laufe ihrer Befragung aber nicht aufrechterhalten. Sie musste zahlreiche Kontakte in die Neonazi-Szene einräumen, auch nach Chemnitz. Und als sie dann erwähnte, sie habe sich "distanziert und nicht mehr mit der Szene abgegeben", war klar, dass sie doch dazu gehörte. An ihre Wahrheitspflicht erinnert, wurde die Zeugin laut, so dass der Ausschussvorsitzende ihr Mikrofon abschaltete.

Diese Szene hatte einen eigenen Informationswert, sichtbar wurde eine autoritäre Persönlichkeit. Katrin B. arbeitet heute als Türsteherin bei einer Sicherheitsfirma, die mit Neonazis zusammenarbeitet. Ausschussmitglied Petra Pau (Linke) konfrontierte sie mit einem Foto, auf dem sie ein T-Shirt mit der Zahl "88" trägt. Katrin B. wieder in aggressivem Ton: "Da steht 0088, nicht 88." Die Zahl 88 ist ein Code in der Naziszene für "Heil Hitler", zweimal der achte Buchstabe im Alphabet.

Je mehr Erkenntnisse die Arbeit der Untersuchungsausschüsse liefert, desto mehr Fragen entstehen gleichzeitig: Rechtsterroristen, die zugleich als Bauarbeiter malochen? Mit Haftbefehl Gesuchte, die sich in der Öffentlichkeit bewegen? War das Trio Teil einer größeren Organisation? Was war sein genauer Anteil an den Taten?

Und welche Rolle spielte Ralf Marschner? Am Tag der Ausschusssitzung wurde bekannt, dass gegen Marschner seit Jahren ein Haftbefehl der Staatsanwaltschaft Chemnitz besteht, weil er eine Geldstrafe nicht bezahlt hatte. Von diesem Haftbefehl wusste bisher weder der Ausschuss noch der Staatsschutzsenat in München. Der Ausschuss erfuhr davon durch das Land Sachsen. Er lässt sich von allen Bundesländern die Namen der mit Haftbefehl gesuchten Rechtsextremisten nennen. Dem kam das Land Sachsen nach, darunter war der Name Marschner. Nach Ansicht des Ausschussmitgliedes Armin Schuster habe die Person Marschner eine "völlig andere Bedeutung, als wir es in den Ermittlungsakten bisher finden". Welche Bedeutung genau, weiß der Ausschuss noch nicht.

Verdacht auf Verschleierung von Beweismitteln

Ähnliches gilt für den V-Mann "Corelli" alias Thomas Richter (Causa "Corelli": Welche Verbindungen hatte der V-Mann zum NSU?). Nachdem das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) den Fund eines Handys und von fünf SIM-Karten gemeldet hatte, räumte es letzte Woche außerdem ein, dass nicht alle Corelli-Handys vollständig ausgewertet worden waren.

An der "Causa Corelli" entzündeten sich in den Reihen des Ausschusses selber erstmals ernste Differenzen. Die Obfrau der Grünen, Irene Mihalic, warf gegenüber Presse und Öffentlichkeit die Frage auf, ob das Amt "Beweismittel bewusst verschleiere" und bekräftigte die Forderung ihrer Fraktion nach Entlassung des BfV-Präsidenten Hans-Georg Maaßen. Der CDU-Obmann Schuster entgegnete: "Wer ein ungeklärtes Verhältnis zur inneren Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland hat, tut sich mit Rücktrittsforderungen leicht." Und sprach von einem "theatralischen Auftritt".

Petra Pau, Obfrau der Linkspartei, verwahrte sich gegen jüngste Kritik Maaßens, die Untersuchungsausschüsse würden die Terrorbekämpfung behindern. Maaßen und das BfV selber seien es, die die Aufklärung von Rechtsterrorismus behinderten. Gemeint war die NSU-Affäre. Tatsächlich wurde dem Ausschuss bis heute nicht mitgeteilt, wieviel Handys der V-Mann "Corelli" insgesamt besessen habe. Von mindestens 15 ist die Rede. SPD-Obmann Uli Grötsch erklärte, ihm fehle das Vertrauen, dass "der Sachverhalt Corelli aufgeklärt wird". Der Ausschussvorsitzende Clemens Binninger (CDU) versuchte zu beschwichtigen. Man solle erst die neuen Untersuchungen des Corelli-Beauftragten Jerzy Montag und des BfV-Beauftragten Rupprecht abwarten und dann ein Urteil fällen.

Bei der nächsten Ausschusssitzung am 7. Juli soll der vom Bundesinnenminister eingesetzte Sonderbeauftrage Reinhard Rupprecht, der die Vorgänge im BfV aufklären soll, vernommen werden. Ob öffentlich oder hinter verschlossenen Türen, ist unklar. Der V-Mann-Führer von "Corelli" dagegen könne nicht geladen werden, hieß es, weil gegen ihn Strafanzeige erstattet wurde und er dadurch Zeugnisverweigerungsrecht habe.

Die Staatsanwaltschaft Paderborn hat inzwischen das Todesermittlungsverfahren im Fall Thomas Richter/"Corelli" wieder aufgenommen. Untersucht werden soll, ob er durch Gift ums Leben kam. Todesursache war ein sogenannter Zuckerschock. Der kann außer durch Diabetes auch durch Rattengift hervorgerufen werden. (Thomas Moser)