NZZ wirft Jauch "übelsten Kampagnenjournalismus" vor

In der Talkshow mit dem griechischen Finanzminister Varoufakis wurde dessen Stinkefinger gegen Deutschland völlig aus dem Kontext geholt und ins Gegenteil verkehrt

Auch am Tag, an dem der griechische Regierungschef Tsipras Bundeskanzlerin Merkel in Berlin besucht, um die Wogen der deutsch-griechischen Empfindlichkeiten etwas zu glätten, geht die Diskussion um den Stinkefinger des griechischen Finanzministers Varoufakis weiter. Aufgebracht hatte sie Günther Jauch in seiner Talkshow am 15. März, wo er den Finanzminister, der live zugeschaltet war, sichtlich bemüht auch um eigene Reputierlichkeit aus der Spur bringen wollte, was schon der Titel deutlich machte: "Der Euro-Schreck stellt sich - Varoufakis bei Günther Jauch".

Die Präsentation eines Videos von einer Veranstaltung 2013, auf der Varoufakis den Deutschen anscheinend den Stinkefinger zeigte, erregte große Aufmerksamkeit und schien zunächst in der Tat die Arroganz des Griechen vorzuführen, die man in Deutschland, wo man sich seit geraumer Zeit, die eigene Größe betonend, gerne oberlehrerhaft gegenüber den kleinen Griechen gibt, die zu spuren haben. Das lehrte denn auch Jauch-Gast Markus Söder, der bayerische Finanzminister von der CSU, ebenso bilderbuchhaft wie grotesk in der eigenen Überschätzung den Griechen, unterstützt von Ernst Elitz. Ulrike Herrmann von der taz, wohl als Feigenblatt eingeladen, um die Veranstaltung nicht zu offensichtlich einseitig zu machen, kam gegen die versammelte deutsche Besserwisserei nicht an.

In einem großartigen Beitrag erklärte Jan Böhmermann in seiner Satiresendung dann den Stinkefinger als Montage und führte vor, wie einfach sich dies bewerkstelligen lässt. Das war Satire, aber er betonte vor allem auch, dass bei Jauch das Video aus dem Kontext gerissen worden war. Wohl absichtlich, wenn nicht Mitarbeiter dafür verantwortlich waren, die sich das gesamte Video lieber erst gar nicht angeschaut haben. Anders als in der führenden ARD-Talkshow präsentiert, hatte Varoufakis gerade dagegen plädiert, aus dem Euro auszusteigen und den Deutschen den Stinkefinger zu zeigen. Das lässt sich aus der ungeschnittenen Originalaufnahme erkennen.

Ausgerechnet der konservativen NZZ riss nun die Hutschnur. In einem Kommentar schrieb heute Matthias Knecht: "Der deutsche Showmaster Günther Jauch hat gegen fundamentale journalistische Standards verstossen. Deshalb sollte ihn die ARD vor die Tür setzen." Knecht wirft Jauch als "Starjournalist" vor, dass er sich zuvor die Aufnahme hätte ansehen müssen: "Sein Beitrag ist darum kein Coup, sondern übelster Kampagnenjournalismus, der das verkorkste Verhältnis zwischen Berlin und Athen zusätzlich belastet."

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