Nach Finanzversprechen für Schottland:

Waliser fühlen sich übervorteilt

Gestern veröffentlichten David Cameron, Ed Miliband und Nick Clegg, die Vorsitzenden der Tories, der Labour Party und der Liberaldemokraten, eine Erklärung, in der sie versprechen, der schottischen Regionalregierung im Falle eines "No"-Votums nicht nur "umfangreiche neue Zuständigkeiten" zuzuweisen, sondern auch die Zukunft des staatlichen Gesundheitssystems NHS in ihre Hände zu legen, damit diese selbst über eine eventuelle Privatisierung entscheiden kann. Außerdem sichern sie zu, nichts an der seit 1979 geltenden Barnett-Formel zu ändern, die Schottland bei der Verteilung von Steuergeld im Vergleich zu anderen Regionen begünstigt.

Nicola Sturgeon, die stellvertretende schottische Regionalregierungschefin, bezeichnete die auf der Titelseite der Zeitung Daily Record abgedruckte und grafisch wie ein Staatsdokument aus dem 18. Jahrhundert gestaltete Erklärung als "Beleidigung" der schottischen Wähler und wies darauf hin, dass Abgeordnete wie der Tory Christopher Chope bereits angekündigt haben, gegen solche Vorhaben zu stimmen, weshalb sich die drei Politiker im Falle einer Nichteinlösung ihrer Versprechen bequem auf Widerstand in den eigenen Parteien herausreden könnten.

Leanne Wood, die Vorsitzende der walisischen Regionalpartei Plaid Cymru, kritisierte das Angebot der drei Anführer der etablierten Parteien, weil es durch das Festschreiben der Barnett-Formel auch eine finanzielle Benachteiligung der Waliser festschreibt. Dass auch der Labour-Vorsitzende Ed Milliband die Verpflichtungserklärung unterschrieb, zeigt ihrer Ansicht nach, dass das Wahlversprechen des walisischen Labour-Regionalregierungschefs Carwyn Jones, diese Formel zugunsten der Waliser zu ändern, nichts wert war.

Bislang sind Unabhängigkeitsbestrebungen in Wales deutlich weniger ausgeprägt als in Schottland. Dies dürfte nicht zuletzt damit zusammenhängen, dass es vor der walisischen Küste nicht die Öl- und Gasvorkommen gibt, die die Schotten für sich beanspruchen. Die in Wales reichlich vorhandene Steinkohle ist auf dem Weltmarkt nur bedingt konkurrenzfähig, weshalb ihr Abbau während der Regierungszeit Margaret Thatchers weitgehend eingestellt wurde.

Mehrheiten bei der Wahl zur walisischen Nationalversammlung 2011. Grün: Plaid Cymru. Blau: Tories. Rot: Labour. Orange: Liberaldemokraten. Karte: Nilfanion Lizenz CC BY-SA 3.0.

Dafür ist Walisisch eine lebendigere Sprache als das schottische Gälisch: Während es in Schottland unter 5 Millionen Einwohnern deutlich weniger als 100.000 Gälischnutzer gibt, können von etwa drei Millionen Walisern noch über 750.000 Walisisch. Im Westen, des Landes, wo die Regionalpartei Plaid Cymru bei Wahlen Mehrheiten erringt, nahm der Sprecheranteil in den letzten 13 Jahren sogar zu - in manchen Gemeinden um über zehn Prozent.

Darüber hinaus gibt es in Wales (ebenso wie in Schottland) geschichtlich begründete Vorbehalte gegenüber englischer Arroganz, die der Komiker John Cleese in einer Bemerkung über seinen Monty-Python-Kollegen mit dem typisch walisischen Nachnamen ironisch auf den Punkt brachte: "Terry [Jones] has never been able to accept that God put the Welsh on the planet to carry out menial tasks for the English."

Dass Leanne Wood das Versprechen der drei Parteivorsitzenden kritisiert, dürfte auch damit zusammenhängen, dass ihre Plaid Cymru eng mit der treibenden Kraft hinter dem schottischen Unabhängigkeitsreferendum, der Scottish National Party (SNP), verbunden ist. Derzeit weilt die 42-jährige Waliserin sogar in Schottland, um für ein "Yes" zur Unabhängigkeit zu werben, das indirekt auch Wales, Nordirland und möglicherweise sogar Cornwall mehr Selbständigkeit einbringen könnte. (Peter Mühlbauer)