Nach Münchner McDonalds-Massaker:

Politiker exhumieren Killerspieldebatte

Nachdem sich am Freitag der 19-Jährige Deutsch-Iraner Ali S. in einem McDonalds-Schnellrestaurant in München-Moosach mit einem Amoklauf mutmaßlich für jahrelanges Mobbing rächte, diskutieren Politiker in Deutschland nicht über dieses an Schulen verbreitete Problem, sondern über "Killerspiele". Anlass dafür ist, dass Ali S. das Spiel Counter Strike spielte - wie Millionen andere Jugendliche und Heranwachsende, aus denen keine Massenmörder werden, wie unter anderem die seit 16 Jahren rückläufige Mordrate in Deutschland belegt.

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Massaker in McDonalds-Schnellrestaurants gab es bereits, als es noch keine "Killerspiele" im engeren Sinne gab

Trotzdem klagte Bundesinnenminister Thomas de Maizière am Sonntag über das seinem Eindruck nach "unerträgliche Ausmaß von gewaltverherrlichenden Spielen im Internet", dem er eine schädliche Wirkung gerade auf die Entwicklung auch junger Menschen" unterstellte. Auch Volker Kauder, der Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, forderte im Zusammenhang mit dem Münchner McDonalds-Massaker "dass in unserer Gesellschaft mehr [über Computerspiele] diskutiert [wird], als bisher".

Würde de Maizière Meldungen zu wissenschaftlichen Publikationen verfolgen, dann müsse er womöglich an seinem gestern geäußerten Glauben zweifeln: In einer unlängst erschienenen Studie der vor allem für seine medizinische Fakultät weltweit berühmten Johns Hopkins University in der ansonsten eher für Gewalt berüchtigten US-Mordhauptstadt Baltimore kommen die Forscher nach einer Langzeitbeobachtung von 5.400 Probanden im Alter zwischen acht und 15 Jahren nämlich zum Ergebnis, dass sich keine schwerwiegenden Probleme nachweisen lassen.

Ali S. erschoss seine neun Opfer mit einer umgebauten Theaterpistole. Da stellt sich eigentlich die Frage, ob man (anstatt relativ reflexhaft über ein Verbot von Computerspielen zu reden) nicht einmal eine Diskussion über ein Verbot von Theaterwaffen führen sollte? Immerhin interessiert das hochsubventionierte Hobby Theaterbesuch nur eine sehr kleine Zahl von Bürgern, weshalb der Eingriff in die allgemeine Handlungsfreiheit in absoluten Zahlen gemessen weit weniger groß wäre als bei weiteren Verboten im Bereich Computerspiele.

Hinzu kommt, dass sich eine Waffe aus weichem Kunststoff optisch kaum von einer aus hartem Metall unterscheidet, die sich mit relativ wenig Schleif- oder Bohraufwand "scharf" machen lässt. Warum also sollte Schauspielern und Kulturfunktionären nicht zugemutet werden, der Volkssicherheit wegen auf Waffen zurückzugreifen, die sich nicht bei Attentaten, Amokläufen oder anderen Verbrechen einsetzen lassen, um Menschen zu töten?

Dass solch eine Diskussion sehr wahrscheinlich nicht geführt wird, liegt daran, dass es sich beim Theater um eine sehr etablierte Kulturform handelt (vgl. Subvention verbeamteter Langweiligkeit). Um sie zu fördern, nehmen politische Eliten in Kauf, dass Gelder zur Hilfe für Obdachlose gestrichen werden (vgl. "Bretter, die der Welt gestohlen bleiben können"). Die ehemalige grüne Bundestagsabgeordnete Agnes Krumwiede wollte 2013 mit mehr Geld für Opern sogar Deutschlands Gewaltproblem lösen, musste sich dann jedoch nach deutlichen Stimmenverlusten für ihre Partei aus dem Bundestag verabschieden. Ihr vielleicht etwas zu durchschaubarer Versuch, dem eigenen Lobbyfeld für Probleme, für die keine wirkliche Lösung in Sicht ist, zusätzliche Gelder zuzuschanzen, dürfte dazu beigetragen haben (vgl. "Opern statt Autobahnen"). (Peter Mühlbauer)

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