Nach Negativzinsen nun auch negative Ölpreise

Wasser wird vor dem Einpressen ins Bohrloch mit Fracfluiden vermischt. Bild: Joshua Doubek/CC BY-SA-3.0

Spekulanten waren sogar bereit, Käufern viel Geld zu bieten, um Kontrakte für Fracking-Öl im Mai loszuschlagen, die Produktion bricht schon ein und die Fracking-Blase platzt nun wohl definitiv

So etwas hat es noch nicht gegeben, doch der Preis für ein Barrel (159 Liter) der US-amerikanischen Öl-Referenzsorte West Texas Intermediate (WTI) stürzte am Montag erstmals sogar in einen negativen Bereich ab, zudem noch sehr tief. Zwischenzeitlich ging der "Preis" des minderwertigeren Leichtöls sogar in den freien Fall über und brach um mehr als 300% (!) ein. Das Barrel wurde sogar mit einem Minus von fast 40 US-Dollar gehandelt. Also erhielten Käufer viel Geld, wenn sie die im Kontrakt vereinbarte Menge im Mai abnehmen, der am Dienstag fällig wurde.

So musste also schon dafür bezahlt werden, um im Mai Fracking-Öl loszuwerden, das in den USA (noch) in großen Mengen produziert wird. Nachdem nach der letzten Krise die Zentralbanken Negativzinsen eingeführt haben, die inzwischen auch schon Sparer treffen, ist die neue Absurdität, dass man sich in dieser Krise, die noch tiefer gehen wird, an Negativpreise gewöhnen darf.

Dass es nun Negativpreise gibt, hat natürlich ebenfalls mit den Absurditäten an Finanzmärkten zu tun. Öl wird als Termingeschäft in der Zukunft mit sogenannten "Futures" gehandelt. Der Käufer verpflichtet sich in einem Kontrakt, die vereinbarte Ware (Öl) in einer bestimmten Menge abzunehmen. Allerdings sind das oft keine "Käufer", sondern schlicht Spekulanten, die sich mit ihren Futures nun massiv verzockt haben. Sie wollten real kein Öl kaufen, sondern ihre Kontrakte nur gewinnbringend an reale Abnehmer verkaufen. Doch das ging nun massiv in die Hose, als das Fälligkeitsdatum nahte und keine Käufer in Sicht waren. Die Zocker haben sich teuer verzockt, denn sie haben keine Infrastruktur und wollten das Öl nie haben. Und um die Kontrakte irgendwie loszuwerden, waren sie letztlich sogar bereit, viel dafür zu bezahlen.

Keine Lagerkapazitäten mehr

So kommt es zu einem "Mega-Contango". Das bedeutet, dass der aktuelle Preis für Öl und der für Öl, das erst im Mai auf Basis der Kontrakte geliefert werden soll, weit auseinander klaffen. Denn im Mai will offensichtlich niemand mehr Öl kaufen, da schon jetzt die Lager mehr als gut gefüllt sind. Es ergab sich also eine sehr toxische Situation. Auf der einen Seite besteht seit langem ein Überangebot am Ölmarkt, das in der Coronakrise erst so richtig explodiert ist. Dazu kommt, dass in vielen Ländern die Lagerkapazitäten längst drohen, überschritten zu werden. Befürchtet wird, dass spätestens Ende Mai Lieferanten für das ständig auf den Markt strömende Öl keinen Lagerplatz mehr finden. Schon jetzt hat der größte Lager-Anbieter mitgeteilt, dass die Kapazitäten praktisch ausverkauft sind.

Hoffnung darauf, dass die Weltwirtschaft alsbald wieder anspringt und bald wieder verstärkt Öl nachfragt wird, gibt es nicht. Sogar der Internationale Währungsfonds (IWF) spricht inzwischen von einer Situation, die nur noch mit der Großen Depression vergleichbar ist. Da in ölreichen Regionen inzwischen auch Abnahmepreise immer weiter in den Keller gehen, wird befürchtet, dass demnächst auch negative Preise bei Rohölabnahme fällig werden, weil die Lagerkapazitäten immer weiter schrumpfen.

Schon als die Auswirkungen der Coronavirus-Pandemie offensichtlich wurden, begannen die Ölpreise Anfang Februar zu purzeln. Gesprochen wurde schon dabei vom größten "Nachfrageschock" seit der globalen Finanzkrise 2008 und 2009. Schließlich ist China der größte Ölimporteur weltweit. Schon vor zwei Monaten gingen Experten davon aus, dass der Öl-Konsum in China um 20% eingebrochen war.

Da sich die Pandemie wie erwartet inzwischen weltweit ausgebreitet hat, in immer mehr Industrieländern geriet das Virus wie in Spanien außer Kontrolle, auch wenn das die Verantwortlichen meist zunächst nicht wahrhaben wollten, ist auch der Nachfrageschock deutlich größer geworden. Besonders betroffen ist, wie von Telepolis erwartet, mit den USA gleichzeitig auch der größte Ölproduzent. Da Präsident Donald Trump die Gefahren der Pandemie lange kleinzureden versuchte, wurden Maßnahmen verschlafen. So hat die USA nun mit offiziell gut 800.000 Infizierten und mehr als 43.000 Toten weltweit den Spitzenplatz eingenommen. Bei der Zahl der Toten, umgerechnet auf die Einwohnerzahl, hinkt sie allerdings mit 130 pro Million Einwohner noch hinter Belgien (518), Spanien (455) oder Italien (399) her. Allerdings dürfte die Dunkelziffer, angesichts der Tatsache, dass 26 Millionen Menschen über keine Krankenversicherung verfügen, noch höher als in Spanien sein, wo die Zählweise sehr zweifelhaft ist.

Wegen der Pandemie und den Maßnahmen, die zur Bekämpfung ergriffen werden, geht die Internationale Energieagentur inzwischen schon davon aus, dass die Nachfrage im Rahmen der Corona-Krise schon im April um 29 Millionen Fass pro Tag eingebrochen ist, also um mehr als ein Viertel der gesamten Fördermenge. Das zeigt in etwa auch das Ausmaß an, in dem die Weltwirtschaft beeinträchtigt wird.

Die Fracking-Branche erwischt es hart

Dass die Preise für Öl massiv fallen, beschränkt sich nicht allein auf die Futures im Mai und nicht allein auf den US-amerikanischen WTI. Die Nordseesorte Brent ist gestern ebenfalls deutlich unter die Marke von 20 Dollar gefallen und steht bei etwa 19 Euro. Und nicht nur die US-Referenzsorte WTI ist in einen negativen Bereich abgerauscht, sondern auch der Referenzwert für kanadisches Erdöl. In Kanada, wo Lagermöglichkeiten für das aus Ölsand gewonnene Öl besonders knapp sind, sank der Preis des Western Canadian Select zum Monatsanfang auf nur noch 5 Dollar und auch hier wird ein Absturz in negative Bereiche erwartet. Auch der Preis, zu dem das kanadische Öl gehandelt wird, liegt längst weit unter den Kosten, für die das Öl gefördert werden kann. Beobachter meinen längst, dass kanadisches Öl vom Markt verdrängt werden könnte, deren Ölindustrie schon ums "Überleben kämpft". Alle Produzenten seien bei einem solchen Preis nicht mehr profitabel, zumal die Qualität noch unter der des WTI liegt.

Für die Fracking-Industrie in den USA kommt es nun richtig dick. Anders als bei bisherigen Förderkürzungen des Ölkartells OPEC kann nun nicht einmal die bisher stärkste beschlossene Förderkürzung die Fracker in Nordamerika stützen. Denn, darauf hatte Telepolis immer wieder hingewiesen, bisher hatten vor allem bisherige Förderkürzungen des Kartells und weiterer Staaten wie Russland, der sogenannten "OPEC plus", dazu geführt, dass die Fracking-Blase in den USA noch nicht geplatzt ist.

Es hilft den Frackern aber in der derzeitigen Lage nicht einmal mehr, dass die OPEC und zehn weitere Länder (ohne die USA) die stärkste Drosselung der Ölförderung beschlossen haben, die es je gab. Statt einer Kürzung von 1,5 Millionen Barrel pro Tag, wie sie noch Anfang März geplant war und unter anderem an einer Weigerung Russlands scheiterte, die Förderung um 500.000 Barrel zu reduzieren, wird nun ab dem 1. Mai die Produktion für zwei Monate sogar um 9,7 Millionen Barrel gesenkt.

Das ist eine Kürzung um etwa 10% und damit wird die Produktion dreimal so stark wie in der Finanzkrise ab 2008 gekürzt. In den Deal stimmte neben Russland auch Mexiko als großer Ölförderer ein. Mexiko, das stark von Einnahmen aus dem Ölgeschäft abhängt, hatte sich deshalb lange gegen eine Förderkürzung gestemmt. Ab Juli soll die Produktion dann bis zum Jahresende noch um acht Millionen Barrel pro Tag gekürzt bleiben. Zwischen Januar 2021 und April 2022 soll sie noch sechs Millionen Barrel betragen. Als Ausgangsniveau wurde jeweils die Produktionsmenge im Oktober 2018 festgelegt, für Saudi-Arabien und Russland gilt ein eigenes Ausgangsniveau von 11 Millionen Barrel pro Tag.

Man muss kein großes Rechengenie sein, um vorhersagen zu können, dass eine Kürzung der Förderung um knapp 10 Millionen Barrel nichts am weltweiten Überangebot ändern wird, wenn die Nachfrage schon um 29 Millionen Barrel eingebrochen ist. Und in den nächsten Monaten ist wohl kaum mit einer deutlich steigenden Nachfrage zu rechnen, die diese große Lücke schließen könnte. Allerdings werden die Preise, die mittelfristig tief bleiben werden, dazu führen, dass in den USA die Förderung einbrechen wird. Den Frackern wird definitiv die Puste ausgehen. Telepolis hatte erst kürzlich die Frage gestellt, ob das Ende des Fracking eingeläutet wird.

Klar ist, dass die gesamte Fracking-Industrie nicht mehr rentabel produzieren kann. Trotz der Rationalisierung und den technischen Verbesserungen, die vor allem seit der Finanzkrise 2008 und dem Rückgang der Förderung umgesetzt wurden, wird sogar bei der optimistischsten Schätzung allgemein davon ausgegangen, dass spätestens bei 28 Dollar mit Fracking nicht mehr profitabel produziert werden kann. In Abhängigkeit von Gesteinsdichte und Ergiebigkeit der Quelle werden sogar bis zu 80 Dollar pro Barrel benötigt.

Schon seit etwa zwei Monaten ist klar, dass praktisch alle Fracker mit Verlust produzieren. War die Produktion in den USA in den letzten Jahren mit jeder Förderkürzung der Opec auf neue Rekordstände gestiegen, war Mitte März das Ende der Fahnenstange mit 13,1 Millionen Barrel erreicht. Seither geht es bergab. In der ersten Aprilwoche ging die Förderung auf 12,4 und in der zweiten Woche auf 12,3 Millionen Barrel pro Tag zurück. Zuletzt war dieser Wert im vergangenen Sommer registriert worden. Und man muss auch kein Wahrsager sein, um zu sagen, dass angesichts der Preisentwicklung derzeit die Fracking-Industrie massiv auf die Bremse treten muss und damit das Überangebot schrumpft. Doch selbst wenn die gesamte US-Förderung eingestellt würde, wäre der derzeitig Einbruch von 29 Millionen Barrel noch nicht abgedeckt.

"Es ist eine tolle Zeit, Öl zu kaufen"

Die Lage sieht für die US-Ölindustrie wahrlich nicht gut aus. Obwohl US-Präsident Donald Trump schon zur Rettung seiner Fracking-Freunde ansetzt, lag der Ölpreis am Dienstag lange weiter im Minus. Auch der nachfolgende Kontrakt für US-Leichtöl kostete am Montagabend immer noch viel zu wenig, um für Fracker rentabel zu sein. Demnach wurde ein Barrel für eine Lieferung im Juni am späten Montag für gut 22,30 Dollar gehandelt und für Juli mit etwa 27 Dollar. Ob die Spekulanten allerdings in einem oder zwei Monaten Abnehmer für diese Kontrakte finden, muss noch abgewartet werden.

Dass sich der Preis für WTI wieder leicht in den positiven Bereich verschoben hat, liegt unter anderem an der Ankündigung von Trump, dass die USA ihre strategischen Reserven auffüllen wollen. Es sei geplant, bis zu 75 Millionen Barrel Rohöl zu kaufen, sagte der US-Präsident. Das ist keine dumme Entscheidung, denn viel billiger wird man Öl kaum einkaufen können. Er will nun den Kongress um die nötigen Mittel bitten, also weitere Schulden aufhäufen, damit sich die Regierung den "Niedrigpreis-Rekord" am Ölmarkt zunutze machen könne. "Es ist eine tolle Zeit, Öl zu kaufen", sagte Trump.

Dass es sich um einen, allerdings schwachen Rettungsversuch der Fracker handelt, ist auch klar, selbst wenn Trump darüber kein Wort verliert. Es ist aber auch ihm klar, dass bei derzeitigen Produktionsstand in den USA die 75 Millionen Barrel dort in nicht einmal einer Woche gefördert werden. Das Problem wird also bestenfalls leicht verzögert. Laut einem Bericht der Nachrichtenagentur Bloomberg, wird allerdings im US-Energieministerium über direkte Staatshilfen nachgedacht, um Pleiten der heimischen Ölfirmen zu minimieren. Sie sollen bezahlt werden, das Öl im Boden zu lassen.

Das wäre vor allem eine neue Art der Bankenrettung durch die Hintertür. Denn es ist klar, dass angesichts solcher Ölpreise viele Banken in die Bredouille kommen. Als der Ölpreis Anfang 2016 unter die Marke von 30 Dollar rutschte, als der Iran zurück auf den Markt kam und die Überproduktion verstärkte, wurden schon viele Arbeitsplätze gestrichen und Fracking-Kredite faul. Insgesamt ist das Umfeld heute allerdings viel schlechter als vor vier Jahren.

Inzwischen ist klar, dass allein im März bereits über 50000 Arbeitsplätze im US-Ölsektor verloren gegangen sind, fast ein Zehntel aller Stellen. Real seien es aber noch einmal etwa 15000 mehr, rechnet man auch die Stellen in Zulieferbetrieben ein. In einem Monat seien die Stellenzuwächse der letzten fünf bis sieben Jahren ausradiert worden, erklärt der Direktor der Beratungsfirma BW Research Partnership. Philip Jordan geht davon aus, dass das erst der Anfang ist.

Dass die hochverschuldete Fracking-Branche "dezimiert" werden wird, davon geht auch Kathy Hipple aus. Die Analystin am Institute for Energy Economics and Financial Analysis (IEEFA) erklärte: "Es wird einen riesigen finanziellen Zusammenbruch geben, es wird viele Arbeitsplatzverluste und Konkurse geben." Besonders kleine Unternehmen mit schwachen Finanzen seien in Gefahr. Sie verweist darauf, dass Fracking nicht nur relativ teuer ist, sondern man es mit einem ewigen "Investitions-Hamsterrad" zu tun hat, in dem Firmen hohe Summen in neue Bohrungen stecken müssten. "Das Fracking-Business war finanziell schon immer extrem risikoreich", doch die hohen Erträge, die eigentlich mit dem Risiko verbunden sind, hätten sich nie materialisiert, obwohl immer größere Mengen gefördert worden seien.

So gab es schon vor dem Zusammenbruch der Preise etliche Pleiten auch im texanischen Permian-Becken, das einst als "heißestes" Gebiet getauft wurde. Es ist gut halb so groß wie Deutschland. Seit 2015 sind nach Angaben der Kanzlei Haynes and Boone dort schon 215 Öl- und Gasproduzenten in die Pleite abgeschmiert und haben einen Schuldenberg von 129 Milliarden Dollar angehäuft. Die Diagramme der Kanzlei zeigen sehr deutlich, wie die Schulden sogar in Zeiten deutlich gewachsen sind, in denen der Ölpreis vergleichsweise hoch war. Nun beginnt das große Sterben in der Branche angesichts der extrem niedrigen Preise also erst.

Klar ist aber auch, dass nicht nur Öl- und Gasfirmen und die Banken in eine extreme Schieflage geraten, die solche Unternehmen finanzieren, sondern erneut ganze Länder, die vom Ölpreis abhängig sind wie Venezuela, Der Öl-Gigant Russland kann nach Einschätzung von Experten auch einen niedrigen Ölpreis eine gewisse Zeit durchhalten, obwohl die Gestehungskosten mit gut 30 Dollar gegenüber denen in Saudi-Arabien von nur etwa 17 Dollar vergleichsweise hoch sind. Doch inzwischen gehen Finanzexperten davon aus, dass Saudi-Arabien schon einen Ölpreis von gut 90 Dollar braucht, um einen ausgeglichenen Haushalt aufzuweisen, in Russland sollen es dagegen nur 42 Dollar sein. Als 2015 der Ölpreis purzelte, wiesen die Saudis ein Rekorddefizit von etwa 21% und etwa 100 Milliarden aus. (Ralf Streck)