Nach dem Brexit-Referendum ist die Einwanderung nach Großbritannien weiter gestiegen

Seit 2016 kommen mehr Menschen aus Nicht-EU-Ländern, aber drastisch weniger aus EU-Ländern

Eines der großen Versprechen bzw. eine der primären Hoffnungen der Brexit-Befürworter war, mit der Loslösung von der EU die Kontrolle über die nationalen Grenzen zurückzugewinnen und dadurch die Migration zu vermindern. Ähnliche Ängste vor Einwandern und Forderungen nach Abschottung der Länder - Schließen der Grenzen - zur vermeintlichen Wiederherstellung der nationalen Souveränität kennzeichnen rechte und rechtspopulistische Bewegungen überall, prominentester Regierungsvertreter ist Donald Trump mit seiner Mauerobsession, die eines seiner wichtigsten Wahlkampfthemen war.

In Großbritannien waren es allerdings nicht in erster Linie die Muslime, die auf Ablehnung stießen, sondern die EU-Europäer, die aufgrund der EU-Freizügigkeit nach Großbritannien kamen, um dort zu arbeiten. Die Arbeitsmigranten kamen vorwiegend aus Polen, Bulgarien, Rumänien oder Ungarn, Versuche, die EU-Freizügigkeit einseitig zu begrenzen, wurden von deren Regierungen kritisiert. In Großbritannien wurde, wie ab 2015 bei uns vor den Muslimen, von den einwandernden Massen aus der EU gewarnt, die die Sozialsysteme ausbeuten würden. Mit der Flüchtlingskrise in Europa wurden die Angst und die Abwehr von Migranten noch verstärkt. Mit dem Brexit ist die Grenze dicht, kündigte Theresa May nach dem Referendum an.

Nach einer aktuellen Ipsos-Mori-Umfrage scheint sich die Stimmung mittlerweile wieder verändert zu haben. Migration war 2015 für 56 Prozent der befragten Briten das vorherrschende Thema, jetzt sagen dies nur noch 19 Prozent. Dagegen sagen jetzt 48 Prozent, Einwanderung habe einen positiven Einfluss auf das Land (ähnlich viele wie in Australien und Saudi-Arabien), 2011 betrachteten noch 64 Prozent Einwanderung als schlecht für ihr Land an und nur 19 Prozent als positiv. Danach wären die Briten besonders Einwanderer freundlich, denn in der internationalen Umfrage halten nur 24 Prozent Einwanderung für nützlich und 39 Prozent für negativ (in Deutschland sind es 51 Prozent, also mit wenig Unterschied zu Italien (55%), Ungarn (54%) oder Frankreich (53%).

Brexit und die Zuwanderung

Ob das Referendum und die Folgen die Haltung der Briten beeinflusst hat, ist durchaus möglich, schon im Vorlauf nahm die Abwehr der Zuwanderung kontinuierlich ab. Vielleicht haben die Briten die Abstimmung als performativen Akt erlebt, der die Dämonen bannt und dafür andere heraufbeschwört. Für fast die Hälfte ist nun die politische Polarisierung gefährlicher als vor 20 Jahren, für wirklich gefährlich hält sie aber nur ein Drittel. Allerdings sagt die Hälfte, dass Anhänger gegensätzlicher Meinungen diese nicht ändern werden, egal welche Argumente kommen.

Nach der britischen Statistikbehörde hat der Brexit für die Einwanderung Folgen gehabt, allerdings nicht unbedingt so, wie sich dies die migrationsablehnenden Brexit-Befürworter wohl vorgestellt haben. Seit einem Anstieg ab dem Jahr 2012 ist die Zuwanderung mit mehr als 600.000 Personen seit 2014 in etwa stabil geblieben, obgleich seit 2015 mehr Menschen wieder ausgewandert sind. Nach dem Brexit gab es einen Rückgang auf 600.000 Zuwanderer, 2018 kamen 627.000 Migranten ins Land, 345.000 verließen das Land, so dass die Nettozuwanderung bei 283.000 Menschen liegt, die ein Jahr oder länger in Großbritannien bleiben wollen. Durch die Zuwanderung wächst die britische Bevölkerung weiterhin an.

Bild: ONS

Es hat allerdings bei der Migration nach Großbritannien starke Veränderungen gegeben. Bis 2016, also bis zum Referendum, war die Zahl der Zuwanderer aus den übrigen EU-Ländern seit 2012 stetig gestiegen. Ab 2014 hatte Großbritannien den neuen EU-Ländern die volle Arbeitnehmerfreizügigkeit gewährt. Ab 2016 fiel dann die Zuwanderung aus den EU-Staaten steil von 200.000 auf 50.000 ab, während die Aus- bzw. Rückwanderung entsprechend zunahm. Noch aber kommen mehr Zuwanderer aus der EU an, als abwandern, der Trend geht aber weiter nach unten und dürfte sich mit einem vollzogenen Brexit verstärken. Aus den Ländern, die 2004 der EU wie Polen beigetreten sind, verließen aber schon mehr Großbritannien, als nach Großbritannien kamen.

Weiter zugenommen hat aber die Einwanderung aus Nicht-EU-Ländern. Netto wanderten 260.000 Menschen aus diesen Ländern zu. Das ist die höchste Zuwanderung seit 2004. Gleichzeitig geht die Abwanderung zurück. Insgesamt hat die Arbeitsimmigration abgenommen, während die Zahl der Studenten aus den Nicht-EU-Ländern zugenommen hat. (Florian Rötzer)

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