Nach dem Brexit der EM-Exit

Fußball ist nicht politisch, aber die Niederlage Englands gegen das winzige Island symbolisiert mit der Abstufung der Ratingagenturen die politische Lage nach dem Referendum

Spielt Fußball eine politische Rolle? Man könnte fast zu der Meinung kommen, nachdem England, wo die Menschen neben Wales mehrheitlich für den Brexit gestimmt haben, nicht nur aus der EU wollen, sondern nun auch aus der EM geflogen sind. "Demütigend" wird der Sieg der Isländer über die historische Fußballnation genannt. In dem Fall dürfte sich die schlechte Stimmung im Land nach dem Brexit-Referendum noch einmal verstärken. "Brexit 2" titelte denn auch die Bild-Zeitung hämisch.

Stark zugenommen haben soll die Ausländerfeindlichkeit, die mit dem damit verbundenen Nationalismus einen Großteil der Brexit-Befürworter bestimmt haben dürfte. Um 57 Prozent seien die "Hassstraftaten" gestiegen. Jetzt wird man nicht nur durch ein Winzland im Fußball besiegt, auch die Ratingagenturen stufen Großbritanniens Kreditwürdigkeit herunter.

Beim Brexit ging es auch um die Größe des Landes, das nun aber mit dem möglichen Wegbrechen von Schottland und vielleicht auch von Nordirland schrumpfen könnte. Auch die Großstädte im Land, allen voran London, haben überwiegend für den Verbleib in der EU gestimmt. Einige der waghalsigen Versprechungen, mit denen Brexit-Befürworter für Stimmen geworben haben, wurden bereits zurückgezogen. Das Gesundheitssystem wird mit einem Austritt nicht plötzlich sehr viel mehr Geld haben, auch die Migration könnte nicht weniger werden, höchstens die Kontrolle würde besser.

Die Forschheit der Brexit-Anhänger wird allerdings auch von den Politikern untergraben, die plötzlich sagen, dass sich eigentlich nichts ändern wird und vor allem auf die Bremse drücken. Man hat es nicht mehr eilig, der Eindruck entsteht, dass zumindest bei den Konservativen die Neigung stärker werden könnte, die Drohung mit dem Brexit zum Aushandeln von besseren Bedingungen mit der EU nutzen zu wollen. Die Konflikte bei den Tories nehmen zu, die Labour-Partei steht vor dem Zerfall, die Liberaldemokraten rechnen sich mit einer Pro-EU-Haltung wieder Chancen bei der nächsten Wahl aus, die bald kommen könnte.

Und jetzt auch noch die Niederlage gegen Island. Ein Land mit ein paar hunderttausend Einwohnern und bislang fußballerisch nicht in Erscheinung getreten, besiegt die teuer bezahlten Stars Englands mit Mut, Entschlossenheit, Einheit und Kampfwillen. Demütigend sei es für das Land, in dem Regierungen auseinanderfallen, die Wirtschaft kollabiert und eben die Nationalmannschaft noch gegen Island verliert, so ein Kommentar im Telegraph. Dem kann man entnehmen, dass eine Niederlage gegen eine andere große Nation noch hinnehmbar gewesen wäre, aber ausgerechnet gegen das kleine Island, empfindet man es als Schmach, nicht mit hoch erhobenem Haupt herauszugehen, sondern gescheitert zu sein. Die Financial Times spricht vom "zweiten Austritt" aus der EU.

Allerdings sehen manche in Island die Sache anders. So äußerte Islands scheidender Präsident Ólafur Ragnar Grímsson Genugtuung über den Erfolg des Referendums. Das sei eine historische Niederlage der EU-Führung. Der Nordatlantik sei nun eine Region, die außerhalb der EU verbleibt: Grönland, Island, Großbritannien, die Faröer Inseln und Norwegen. Er sieht daher das Gewicht von Island und Norwegen größer werden, wenn Großbritannien bei Verhandlungen mit der EU hinzukommt. (Florian Rötzer)