Nach der Party ist vor dem Boom - oder doch dem Kater?

Internet-Geburtstagsfeier wie in alten Zeiten mit Kongress, Party und E-Bussi-Ness

„Wie sehen eine neue Lust am Internet", konstatiert Matthias Schrader Chef der Sinner Schrader AG, einem E-Business-Dienstleister, der am 11. Mai mit einem Kongress zu Social Media / Web 2.0 und anschließender Party sein zehnjähriges Bestehen feierte. "Next10Years" und „Die Chancen von Web 2.0" waren Titel und Motto des Events und in vier „Tracks" zum „Interaktiven User" zu „Neuen Frontends", „Geschäftsmodellen" und „Software als Service" berichteten Macher aus Deutschland und Europa von ihren neuen Anwendungen und Konzepten.

Was ist neu? Worum geht es? Um Kaffeemaschinen?. 80% der Deutschen seien online und es seien Konzepte gefragt, die die Partizipation aller an Vorgängen im Web möglich machten, erklärte Schrader in seiner Begrüßung, während Sinner sich bereits vor Jahren zur Ruhe gesetzt hat, aber selbstverständlich zum Jubiläum erschien. Dabei würden die bisherigen Konsumenten zu Produzenten von Inhalten – und Daten, die bisher in Katasterämtern und Firmen teils aus gutem Grund streng gehütet wurden, stehen jetzt über Dienste wie Google Maps oder Open BC jedem Netznutzer zur Verfügung. ("Web 2.0" ist ein Paradies für Hacker).

Falco lebt? Bloghoster Dieter Rappold, knallgrau.at, twoday.net (Bild: Oliver Gassner)

Der ehemalige „Chief Technologist" von Amazon.com, der gebürtige Deutsche Dr. Andreas Weigend, skizzierte in seiner Keynote nochmals strukturierter, worum es bei „Social Media" gehe: Um die „Discovery", das Auffinden von Daten, und die „Attention Economy", die den Nutzer dabei unterstützt, seine Aufmerksamkeit auf dasjenige des "entdeckten" zu richten, was er nutzen (vulgo: kaufen) will. Oder soll.

Und die Panels? Ein bisschen fühlt man sich an Events wie den Linuxtag erinnert, bei dem „Schlipse" und "Hacker" aufeinandertreffen: Die einen denken ans Geld, die anderen denken. Am Eingang konnte sich jede und jeder „taggen", mit Name und Firma, aber auch mit Etiketten wie „Blogger", „Journalist", „Kreativer", „Ermöglicher", „Berater", „Selbständiger". „Das Tag Denker ist alle", beschwert sich eine Dame am späten Vormittag. Ich biete ihr meins an, sie lehnt dankend ab. Und in den Gesprächen unter Bloggern und Podcastern am Rande der Panels, herrscht Kopfschütteln vor: „Die verstehen ja gar nichts."

Die „Schubladen“, die selbstgewählten Tags von Martin Roell: Ein Denker, der berät, ein Blogger, der denkt, dass er berät oder doch ein Denker, der Blogger berät? Na immerhin lässt er nicht woanders denken… (Bild: Oliver Gassner)

Es ist ein „Clash of Cultures", Netizens und Business versuchen sich mit einer Art rudimentären Lingua Franca auszutauschen, aber während die einen immer nur nach dem Geschäftsmodell fragen und der Skalierbarkeit, reden die anderen von Nischenthemen, von Citizen Media, von Storytelling und – wie der Macher des Bilderdienstes 23hq.com, Thomas Madsen-Mygdal – davon, dass die neuen Dienste den Menschen das wiedergeben, was ihnen die Fließbänder genommen haben: eine Kommunikationsgemeinschaft, die nicht nur aus Konsumenten besteht sondern Gespräch und Reaktion ermöglicht.

Das Internet sieht nur aus wie ein Netz aus Computern. Es ist ein Netz aus Menschen. Es sieht nur so aus, als sei es aus Geld und Technik gemacht. Es besteht aus den Gesprächen von Einzelnen, die sich zusammenfinden. Web 2.0 sieht nur so aus wie einen neue Technik mit neuen Geschäftsmodellen. Es will aber eigentlich eine alte und neue Denkweise sein, das Web vor dem Kommerz und das Web mit einem menschlicheren Kommerz. Daher die Sprachprobleme der einen mit den anderen.

Bezeichnend ist das Schlusspanel. Der Yahoo-Vertreter formuliert aalglatt, man höre jetzt auf die Nutzer und hat auf die Frage, ob da der Einzelne vielleicht nicht vorsichtig genug mit seinen Daten umgehe, lediglich zu sagen, dass er alle Nutzer für vollkommen fähig hält einzuschätzen, ob sie nicht zu viel von sich preisgeben. Jeder sein eigener Big Brother.

Martin Roell, Dieter Rappold, die URL als Marke und viele viele Tags (Bild: Oliver Gassner)

Auch bei anderen führt die Diskussion um Identität und Daten-Striptease im Internet zu Denk-Kurzschlüssen: Spreeblick-Blogger Johnny Haeusler hätte es lieber, dass Identitätsdaten und Identitätsnachweise im Netz vom Staat verwaltet würden und sieht immerhin ein, dass das etwas Seltsames habe, wenn gerade er das fordere.

Auch während der Party diskutieren sich einige in den stilleren Ecken fest. Sind denn öffentliche Blogs überhaupt etwas für größere Firmen? Nicht, wenn sie nicht zur Firma und deren „Kultur" passen. Weniger als nach Geschäftsmodellen wäre zu fragen: Welche Lernprozesse muss ich durchlaufen, bevor ich in einem Netz agieren kann, in dem die Konsumenten mehr können, als nur passiv auf das „Warenkorb"-Symbol zu drücken.

Mathias Schrader (Bild: Oliver Gassner)

Das bisherige Wachstum der Internetfirmen war ein Wachstum, das mit der wachsenden Zahl der Nutzer parallel lief. Dieses automatische Wachstum sei vorbei, konstatiert Matthias Schrader, jetzt sei die Qualität der Dienstleistung entscheidend. Und auch bei Sinner Schrader schränkt man sich in der Quantität ein: Man zieht aus dem über 6000 m2 messenden Megabürogebäude in der Hamburger Gasstraße aus in ein Umfeld, das der seit Boomzeiten stark geschrumpften Anzahl an Mitarbeitern angemessen ist – der Geburtstag war also auch ein Abschiedfest.

Und trotz allem fühlt man sich ein bisschen wie 1999. Da bleibt nur noch zu wünschen: Möge zum Gefühl auch das Verstehen treten.

Kommentare lesen (6 Beiträge)
Anzeige