Nach einem Selbstmord: Abschuss der MH-17 durch ein ukrainisches Kampfflugzeug?

Rekonstruiertes Cockpit der MH17. Bild: Dutch Safety Board

Der von russischer Seite aufgrund von Radarbildern und einer Zeugenaussage beschuldigte "Volksheld" Vladyslav Voloshyn soll sich selbst umgebracht haben

Die Polizei und ukrainische Medien berichteten am Sonntag, dass der 29-jährige Vladyslav Voloshyn, ein ehemaliger Kampfpilot, vermutlich Suizid begangen hat. Er hatte im Rahmen der sogenannten Antiterroroperation (ATO) gegen die Separatisten gekämpft und erhielt eine Ehrung als ATO-Held. Er soll sich selber mit einer nicht registrierten halbautomatischen Makarow-Pistole erschossen haben und ist auf dem Weg in Krankenhaus seinen Verletzungen erlegen. Seine Familie hielt sich im Haus auf, seine Frau will den Schuss gehört haben.

Die Verwandten haben berichtet, Voloshyn sei depressiv gewesen und habe Suizidgedanken gehabt. Dass er einen Psychologen oder Psychiater aufgesucht hat, wird nicht erwähnt. Merkwürdig scheint, dass die Polizei eine Ermittlung aufgrund Mordverdacht eingeleitet hat. Vor seinem Tod soll Voloshyn seit Januar 2018 Direktor des städtischen Internationalen Flughafens Mykolaiv gewesen sein, die Stadt liegt am Schwarzen Meer.

Interessant ist, was Interfax.ua berichtet, nämlich dass Voloshyn zwischen 2012 und 2016 Pilot eines SU-25 Kampfflugzeugs auf dem Flugwaffenstützpunkt Mykolaiv bei der dort stationierten 229. Taktischen Luftwaffenbrigade tätig war. 2014 flog er angeblich 33 Kampfeinsätze und wurde im Einsatz am 29. August abgeschossen, konnte sich aber retten. Er erhielt den Tapferkeitsorden, 2017 schließlich den Orden "Volksheld der Ukraine".

Nach einem Artikel der KyivPost soll Voloshyn als frisch ernannter Direktor des Flughafens unter Druck der lokalen Behörde geraten sein, Dokumente über Beschaffungsangebote zu unterzeichnen. Genaueres wird hier nicht gesagt, es scheint sich um Betrug und Korruption gehandelt zu haben. Zunächst soll er sich geweigert, dann aber bei Amtsantritt doch die Dokumente unterschrieben haben.

Er soll einem Freund geschrieben haben, dass er zurücktreten will, weil er das Gesetz gebrochen habe. In seiner Kommunikation fand sich auch der Hinweis, dass er insbesondere mit dem Gouverneur Alexei Savchenko in Konflikt geraten sei. Ein ukrainischer Journalist, der ihn kannte, schrieb, er habe an dem Piloten keine Zeichen der Depression erkennen können.

Es wird von Interfax.ua auch berichtet, dass russische Behörden Voloshyn beschuldigt hatten, die Passagiermaschine MH17 von einer SU-25 aus am 17. Juli 2014 abgeschossen zu haben. Diese Version wurde aber von dem Gemeinsamen Ermittlungsteam (JIT) ebenso wie vom niederländischen Onderzoeksraad (Dutch Safety Board /DSB) abgewiesen und nicht weiter verfolgt.

Man legte sich aufgrund der gefundenen Hochenergiesplitter und Radardaten, die zwar keine Rakete zeigten, aber auch kein anderes Flugzeug in der Nähe, auf die Version fest, dass die Passagiermaschine von einer Buk-Rakete abgeschossen wurde, die aus einem damals von Separatisten kontrollierten Gebiet abgefeuert worden war. Die Ukraine kam überhaupt nur in die Kritik, den Luftraum nicht rechtzeitig gesperrt zu haben.

Schon wenige Tage nach dem Absturz hieß es von russischer Seite, dass nach Radardaten eben ein ukrainisches Kampfflugzeug des Typs SU-25 in der Nähe von MH17 gewesen sei. General Andrej Kartapolow sagte, das Kampfflugzeug habe sich nach den Radardaten in einer Entfernung von 3-5 km bewegt. Vor dem Absturz habe die Passagiermaschine an Geschwindigkeit verloren: "Ab 17.20 Uhr wurde ein stabiler Geschwindigkeitsverlust registriert. Um 17.23 Uhr verschwand das Flugzeug von den russischen Radarbildschirmen. Als die Geschwindigkeit auf 200 km/h gefallen war, tauchte um 17.21 Uhr über dem Absturzort ein neues Flugobjekt auf. Dieses Objekt blieb vier Minuten lang auf den Radarschirmen."

Die Daten dieses Objekts hätten nicht ermittelt werden können, sagte der General, weil es wahrscheinlich keinen Sekundärradar hatte, was für Militärflugzeuge typisch sei. Eine SU-25 hätte allerdings nur eine Flughöhe von 7.000m, das Passagierflugzeug flog in einer Höhe von über 10.000 m. Immer wieder wurde von russischer Seite erwogen, dass ein ukrainisches Kampfflugzeug mit einer Luft-Luft-Rakete oder gar mit einer Bordkanone die Passagiermaschine zum Absturz gebracht haben könne.

Schon Ende 2014 wurde Voloshyn von russischer Seite beschuldigt, MH17 abgeschossen zu haben. Es wurde ein Zeuge aufgeboten, der aber zunächst anonym blieb und bei der ukrainischen Luftwaffe auf einem Flugwaffenstützpunkt im Oblast Dnipropetrowsk als Techniker gearbeitet hat. Er sagte, er habe am 17. Juli einen verstörten Kampfpiloten beobachtet, der von einem Flug zurückgekommen sei und gesagt habe: "Das war nicht das richtige Flugzeug." Schon damals fiel der Name von Voloshyn.

Der Pass von Jewgeni Agapow, dessen Zeugenaussage nicht interessierte.

2015 wurde schließlich der Zeuge aufgedeckt, der nach Russland geflohen sei. Das russische Ermittlungsteam veröffentlichte zur Beglaubigung seinen Pass. Die Zeitung Komsomolskaja Prawda veröffentlichte ein Interview mit dem jungen Ukrainer. Der sagte, an dem Tag sei eine SU-25, ausgestattet mit Luft-Luft-Raketen, die eine Reichweite von bis zu 10 km haben sollen, gestartet und ohne diese wieder zurückgekehrt. Nach seiner Rückkehr soll er auch gesagt haben: "Das Flugzeug war am falschen Ort zur falschen Zeit." Agapow wurde unter das Zeugenschutzprogramm gestellt.

Der Selbstmord oder Mord des ukrainischen Helden ließ natürlich in russischen Staatsmedien die Aufmerksamkeit wieder auf die Abschussversion durch ein ukrainisches Kampfflugzeug richten, die längst ad acta gelegt wurde. Neue Erkenntnisse gibt es nicht, aber eben Anlass, die Geschichte wieder aufzuwärmen.

Die in den Niederlanden durchgeführten Untersuchungen haben die Version aufgrund von ukrainischen Radardaten zurückgewiesen, andererseits sagt die Ukraine, zur Zeit des Abschusses seien keine Radarsysteme in dem Gebiet aktiv gewesen. Zu den Merkwürdigkeiten gehört auch, dass in Russland angeblich die primären Radardaten verloren gegangen waren, aber dann zufällig wieder gefunden und dem Gemeinsamen Ermittlungsteam übergeben wurden. Da war aber dann nicht mehr von dem ukrainischen Kampfflugzeug in der Nähe von MH17 die Rede, sondern nur davon, dass man auf den Radardaten keinen Hinweis auf die Buk-Rakete finde.

Das JIT zierte sich zunächst mit der Auswertung der Daten und versuchte dann etwas unglücklich zu erklären, warum die Buk-Rakete dem Radar entgangen sein könnte (Streit um russische Primär-Radardaten). Der verantwortliche niederländische Staatsanwalt Fred Westerbeke sagte schließlich, man brauche die Radardaten nicht mehr, da man genug Beweise habe. Den Radardaten werde zu viel Bedeutung zugewiesen, wichtiger seien die Zeugenaussagen. Aber da gibt es nun immer noch die Zeugenaussage von Jewgeni Agapow, die allerdings nicht die Version unterstützt, auf die man sich festgelegt hat.

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