Nachhaltiger Konsum: Rezepte für bzw. gegen den Klimawandel ?

Wie man nachhaltigen Konsum realisieren könnte, ist unklar. Vielleicht kommt der Zufall zu Hilfe?

In der Diskussion um Nachhaltigkeit und Klimawandel ist allen Beteiligten klar, dass man irgendwann um massive Maßnahmen und auch um eine ausgiebige materielle Konsumreduktion nicht umhin kommt. Bisher, nicht zuletzt beim G8-Treffen in Japan, ging es aber um ein Hinausschieben. Um Wachstumsbremsen bzw. Konsumreduktion hat man sich überhaupt gedrückt. Unbeabsichtigt könnte hier das politisch nicht mehr steuerbare Wirtschaftssystem in einer Art „List der Vernunft“ der bedrängten Natur und ihren Bewohnern zu Hilfe kommen.

In diesen Monaten bestimmen natürlich die steigenden Preise für Energie und Lebensmittel (die ihrerseits durch den Hunger nach Biosprit sich verteuern, vgl. Weltbank: Biosprit ist Hauptgrund für den Anstieg der Lebensmittelpreise) die öffentliche = mediale und politisch ziemlich ohnmächtig daherkommende Diskussion. Aber davor, darunter und danach bleibt nachhaltig Konsumieren ein Grundthema. Stichwort Hybridantrieb. Übrigens, beim Biosprit war „nachhaltig“ auch einmal ein furioses Schlagwort seiner Befürworter.

Was ist aber nachhaltiger Konsum wirklich? Vereinfacht lassen sich drei Stufen von Nachhaltigkeit beim Konsum ausmachen.

  1. Konsum nachhaltiger(er) Produkte, bei gleicher Menge und Konsumqualität, etwa die erwähnten Hybridautos, das Passivhaus, Energiesparlampen, heruntergedrehter Standby-Verbrauch, Biolebensmittel, Fair Trade-Waren usw.
  2. Konsumreduktion bei gleichbleibender Konsumqualität, also ohne Verlust des konsumgebundenen Lebensstandards. Das hieße dann etwa, sein Auto statt 5 eben 12 Jahre zu fahren, ein Notebook oder Mobiltelefon bis zum technischen Lebensende zu nutzen, usw.
  3. . Konsumverzicht, oder moderner ausgedrückt: Suffizienz, also gänzlich auf das Auto verzichten (durch Umstieg auf öffentliche Verkehrsmittel), kein Kauf eines HD-Flatscreen-Geräts, mäßiges Essen und Trinken, keine teuren Weihnachtsgeschenke, keine Fernreisen mehr.

Die erste Stufe ist heute als teures, durchaus prestigehaltiges, sozusagen avantgardemäßiges Konsumverhalten sozial akzeptiert, wenn auch aus Kostengründen oder einfach auch aus persönlichen Nutzenüberlegungen noch nicht weit verbreitet. Die zweite Stufe ist dort akzeptiert, wo bei Menschen Einkommenseinbußen vorhanden sind, Arbeitslosigkeit etwa. Da hat dann jeder Verständnis für Konsumreduktion und für längere Nutzung alter Sachen. Das kann und wird bei heftigeren oder längeren Einkommenseinbußen natürlich auch bis zur dritten Stufe gehen. Aber ein breitenwirksames Programm ist weder Stufe zwei noch Stufe drei. Zuerst jedoch einmal ein Seitenblick auf den Klimawandel.

Es wird kein Weg an einem Zurückschrauben des materiellen Konsums vorbeiführen, wenn man den menschenverursachten Klimawandel in den Griff bekommen will. Das geht nur mit Konsumreduktion und Konsumverzicht auf Seiten der Verbraucher, und mit geschickten ordnungspolitischen Steuerungsaktionen der Politik (Stichwort in Schwarz-Weiß, etwa: Freifahrt auf den öffentlichen Verkehrsmitteln), die die wirtschaftlich schwachen Gruppen nicht erdrücken.

Wirkungsvolle Maßnahmen gegen den Klimawandel können sich nicht nur mit der ersten Stufe des nachhaltigen Konsums beschäftigen, also mit der Effizienz(steigerung) der Produkte, da die Größen- bzw. Mengeneffekte, oder wie es ökologisch heißt: der Rebound-Effekt, die Qualitätsverbesserung durch Quantitätssteigerungen zunichte machen. Wirkungsvolle Maßnahmen gegen den Klimawandel heißen daher eben auch: Konsumreduktion und Konsumverzicht.

Für die Wirtschaft bedeutet dies allerdings ein Ende beim Wachstum (des materiellen Konsums). Also angezielte Rezession - mithin das Schlimmste, was sich der Mainstream vorstellen kann. Denn, das wurde ja Allen immerfort ins Gehirn geschlagen: Ohne wirtschaftliches Wachstum kommt das Chaos. Das kapitalistische Wirtschafts- und Gesellschaftssystem ist essentiell auf Wachstum programmiert, ohne Wachstum funktioniert dieser Kapitalismus nicht, um den Ökonomen Karl Georg Zinn sinngemäß zu zitieren. Da wir aber in einer überreifen Marktwirtschaft mit hohem Angebotspotential leben und uns in einem Überkonsum (insgesamt – nicht bei allen Verbrauchergruppen) befinden, benötigt es auch die viele Werbung, um immer wieder für neue Nachfrage und damit Wachstum zu sorgen. Und Verbraucher, die hier mitspielen. Sie spielen mit.

Das Verbraucherverständnis in der westlichen Welt geht grundsätzlich von einem schwachen Verbraucher aus, der ziemlich hilflos den Vermarktungsstrategien und der Marktmacht der großen Konzerne, aber auch der kleinen Unternehmen (man denke nur an den Wasserleitungsinstallateur) ausgeliefert ist.

Das stimmt. Was dabei untergeht, ist, dass Verbraucher im Regelfall auch kleine fiese Nutzenoptimierer sind, die hemmungslos bei der Externalisierung von Kosten mit den Unternehmen gemeinsame Sache machen, mitspielen, wenn sie einen Vorteil für sich daraus vermuten, Stichwort: „Geiz ist geil“. Es waren die Verbraucher, welche die Nahversorgung (Tante Emma und so) ruiniert haben, da sie das breitere Angebot und den günstigeren Preis – der allerdings meist durch die höheren Treibstoffkosten aufgefressen wurde – der großen Handelsketten bevorzugt haben.

Verbraucher sind, Minderheiten einmal abgesehen, in ihren Persönlichkeitsstrukturen ziemlich konservativ, für sie sind nach wie vor zwei Dinge essentiell. Das eine ist die im heimlichen Curriculum der Medien betriebene universelle Gleichsetzung von individueller Zufriedenheit (Glück) mit mehr Konsum (und damit höherem Einkommen). Das zweite ist, dass es natürlich als Zumutung empfunden wird, freiwillig auf Konsumchancen zu verzichten, die endlich für viele leistbar geworden sind, etwa Billigflüge in die weite Welt, komfortable Autos, schöne innovative Kommunikationselektronik, Markenjeans bei denen die Marke den hauptsächlichen Preisanteil ausmacht, usw.

Dazu kommt nun drittens: Vieles an Freizeitmöglichkeiten und sozialen Beziehungen ist heute nur mehr konsumbasiert möglich. Um Freunde zu besuchen, benötigt man ein Auto, zum gemütlichen Zusammensetzen geht man in die Pizzeria, Sport braucht entsprechende Bekleidung, Geräte und Eintrittskosten. Gerade hier zeigt sich eines: Das, was Keynes relative Bedürfnisse nannte, die nicht unmittelbar befriedigt werden müssen (im Gegensatz zu den absoluten Bedürfnissen, also existentiellen, für die auch der Wohlfahrtsstaat in die Pflicht zu nehmen wäre), ist nicht fix. Im Lauf der Zeit gerinnen relative zu absoluten Bedürfnissen, mit anderen Worten, das standard package wird im Lauf der Zeit unfangreicher und tiefer.

Nicht für Wachstum zu sein, kann aktiv gar nicht mehr ernsthaft angegangen werden. Das Wachstums-Dogma ist so raumfüllend und universell wie das der Globalisierung, der nicht zu entkommen sei. Wer dem entgegen denkt, riskiert Reputation, als Politiker Stimmen und schwerste Verstimmung seitens der Medien, deren Journalisten mehrheitlich eindimensional die kapitalistische Perspektive reproduzieren. Darum ist es tatsächlich eine realistische Meinung, dass umweltentlastender Konsumverzicht schwer umzusetzen ist, - hier in einer sozusagen klassischen Formulierung:

Der einfache Mann und Durchschnittsbürger hat selten freiwilligen Verzicht geübt. Vielmehr sind bescheidene Lebensweisen zumeist durch die Umstände, d.h. durch die Knappheit der Güter erzwungen worden.

Vor diesem Hintergrund wird es wohl kaum einen Politiker geben, der den Konsumverzicht auf seine Fahnen schreiben wird. Man wird - wenn man realistisch ist - weder die Natur des Menschen, noch das politische System ändern können bzw. wollen. Deshalb wird man sich auf die Änderung von

Konsumstrukturen, die den Bürgern keine nennenswerten Opfer abverlangen, beschränken. Ein wirklich wirksamer, die Umwelt entlastender Konsumverzicht wird wahrscheinlich nur in Krisen und nicht vorausschauend durchzusetzen sein.

Reimar v. Alvensleben: Nachhaltiger Konsum: Konzepte, Probleme und Strategien, DLG-Kolloquium 98

Ähnlich auch die Financial Times zum Biosprit, dessen Ende vielleicht doch noch kommen könnte, und zur Bereitschaft der Bürger, für den Klimaschutz höhere Preise zu akzeptieren:

Die Kapitulation beim Biosprit zeigt beispielhaft, auf welche Probleme die Klimapolitik insgesamt zusteuert: Allmählich wird der hohe Preis sichtbar, der für einige der unter großem Beifall beschlossenen Ziele zu entrichten ist. Ob und wie die Bürger diesen Preis zahlen wollen, muss sich erst noch zeigen.

Biosprit - Ende einer Traumfahrt, Financial Times, 7. 7. 2008

Eine ähnlich nette Metapher wie Adam Smiths vielzitierte „unsichtbare Hand“, die den Markt trotz des Eigeninteresses der Akteure zu einem sinnvollen Ganzen führen soll, ist Hegels „List der Vernunft“: Hinter den Egoismen der herrschenden Akteure und ihren halbherzigen Aktivitäten schaffen unbeabsichtigt die Umstände mitunter brauchbare Lösungen.

So etwas Unbedachtes ist wohl mit der (gut gemeinten) Einführung des Biosprits gelungen. Die damit in die Höhe gesprungenen Lebensmittelpreise und die relativ unabhängig davon heftig gestiegenen Energiepreise können – bei den beschränkten Budgets der Verbraucher und bei einem nicht mehr regulierbaren globalen Wirtschaftssystem - zu nachhaltigeren alternativen Produkten, vor allem aber zu Konsumreduktion und Konsumverzicht führen.

Übrigens, Konsumreduktion ohne Wohlstandsverlust ist allein schon durch etwas rationaleren, besser geplanten Konsum möglich, etwa indem weniger Lebensmittel weggeworfen werden: rund 50 Euro pro Haushalt und Monat in Großbritannien, 10 Prozent des Restmülls (ohne Biomüll) sind originalverpackte Lebensmittel und rund 10 Prozent Speisereste, in Geld umgesetzt also bis zu 30 Euro im Monat in Österreich. „Für Deutschland gibt es nach Auskunft des Bundeslandwirtschaftsministeriums in Berlin keine amtlichen Zahlen darüber, wie viele Tonnen Lebensmittel pro Jahr auf dem Müll landen“, schreibt die Süddeutsche Zeitung, aber es wird sich wohl in vergleichbaren Dimensionen bewegen.

Es ist eine Illusion anzunehmen, Nationalstaaten oder Staatenverbände wie die EU könnten die Teuerungen bei Energie etc. zurückfahren. Und noch dazu wirksame Maßnahmen gegen den Klimawandel setzen. Das einzige was getan werden kann, ist diesen quasi mit der „List der Vernunft“ erzwungenen Konsumverzicht einigermaßen sozialverträglich abzufedern. Das aber wird nur mit Umverteilung möglich sein – wenn die völlig ins Jenseits geratene Politik das vielleicht noch kapiert. Wäre übrigens auch „eine List der Vernunft“...

PS. Als klassische Wachstumschancen blieben übrigens die Formen immateriellen Konsums, also Kunst, Kultur, Bildung (ich meine dezidiert nicht Ausbildung), Wellness, Faulenzen, Selbsterfahrung - was auch immer.

Kommentare lesen (146 Beiträge)
Anzeige