Nachrichten aus der Parallelwelt der Klimaökonomen

Das 2-Grad-Ziel der Klimapolitik lässt sich erreichen, sagt der Weltklimarat IPCC - sofern man ein paar unrealistische Annahmen akzeptiert

Wenn sich die Uno-Mitglieder im Dezember in Paris treffen, haben sie eine klare Zielvorgabe: Sie sollen ein Abkommen auf den Weg bringen, das geeignet ist, die globale Erwärmung gegenüber vorindustriellem Niveau auf 2 oder allenfalls 1,5 Grad zu begrenzen.

Ist das überhaupt noch zu erreichen? Manche meinen nein. Fatih Birol, Exekutivdirektor der Internationalen Energieagentur, hat die 2-Grad-Grenze als ein "nettes Utopia" bezeichnet (das so nett notabene nicht wäre - schon bei 2 Grad Erwärmung wären viele Folgen verheerend).

Die oberste wissenschaftliche Autorität in Klimafragen, der Weltklimarat IPCC, hingegen sagt: Ja, die 2 Grad sind zu schaffen. 2013/14 ist der letzte "Sachstandsbericht" des IPCC erschienen. Die dritte Arbeitsgruppe des IPCC (WG3), die sich mit Antworten auf den Klimawandel befasst, hat für diesen Bericht 1200 wissenschaftliche Szenarien ausgewertet. Etwas über hundert davon entwerfen eine Entwicklung, die "wahrscheinlich" zu einer Erwärmung von weniger als 2 Grad führt.

Die dafür nötigen Maßnahmen bewirken dem IPCC zufolge bis 2100 eine "Reduktion des Konsumwachstums" um 0,04 bis 0,14 Prozentpunkte pro Jahr; in der Rechnung nicht enthalten sind die vermiedenen Klimaschäden durch eine andernfalls höhere Erwärmung. "Es kostet nicht die Welt, den Planeten zu retten", lautete das Fazit des damaligen Ko-Vorsitzenden der WG3, des deutschen Ökonomen , als er den Bericht vorstellte.

Eine optimistische Botschaft - allein: Laut IPCC braucht es dafür ein baldiges, striktes weltweites Abkommen zur Senkung der Emissionen (was in Paris zur Debatte steht, wird nicht ausreichen); es braucht mehr Atomkraft und CO2 muss in großem Stil aus der Atmosphäre entfernt und sicher gelagert werden - was bis heute nicht möglich ist. So heißt es im IPCC-Bericht selbst:

Die Annahmen, die nötig sind, um eine wahrscheinliche Chance zu erhalten, die Erwärmung auf zwei Grad zu beschränken, sind unter Bedingungen der realen Welt sehr schwer zu erreichen.

Dominanz der Ökonomie

Weil wir aber in einer realen Welt leben: Müssen wir uns in unser Schicksal ergeben? Was taugt der IPCC-Bericht, wenn es um Lösungen geht, tatsächlich? In seinem Zürcher Büro treffe ich Anthony Patt, Professor für Klimaschutz an der ETH Zürich, der als so genannter Hauptautor am jüngsten IPCC-Bericht beteiligt war. Meine erste Frage beantwortet er, bevor ich sie habe stellen können: "Ich war als Nicht-Ökonom ein Außenseiter in der WG3." Nicht-ökonomische Betrachtungsweisen hätten nur eine geringe Rolle gespielt, und unter den Ökonomen hätten die Neoklassiker dominiert. "Die Autorenkollektive fast aller Kapitel wurden von neoklassischen Ökonomen geleitet. Es war frustrierend."

Als neoklassisch bezeichnet man das Theoriegebäude der wirtschaftswissenschaftlichen Orthodoxie. Ihm zufolge führt der Markt zu Ressourcenallokationen, die aus gesamtgesellschaftlicher Sicht optimal sind. Nun ist das etwa mit Blick auf den Klimawandel ganz offensichtlich nicht der Fall. Für die Neoklassik liegt hier ein "Marktversagen" vor, zu dem es kommt, weil Umweltwirkungen als "externe Effekte" nicht vom Markt erfasst sind. Die Lösung von Umweltproblemen besteht mithin nicht darin, dem Markt ein Korrektiv entgegenzustellen, sondern darin, sein Wirken auch auf die "externen Effekte" auszudehnen - etwa, indem man das Recht, die Umwelt zu beanspruchen, zum Handelsgut macht.

"Akzeptierte Methode"

Das IPCC hätte sich von weltanschaulichen Prämissen fern zu halten: Es soll, seinem Auftrag gemäß, "politisch relevante Informationen bieten, ohne eine bestimmte Politik vorzuschreiben". Doch schon die Kernaussage des dritten Teilberichts beinhaltet eine klare weltanschaulich bedingte - neoklassische - Präferenz: Das IPCC drückt die Kosten politischer Maßnahmen dadurch aus, um wie viel sie das Wachstum des Konsums gegenüber einer hypothetischen Welt, in der es keine Klimapolitik, aber auch keinen Klimawandel gibt, reduzieren.

Ottmar Edenhofer rechtfertigt dies auf Anfrage als eine in der Wissenschaft akzeptierte Methode. Das IPCC bewerte ja nicht, ob die Konsumverluste zu hoch oder zu niedrig seien. Aber genau das tut es, wenn es "Reduktion des Konsumwachstums" mit "Kosten" gleichsetzt.

Nehmen wir an, ein Staat beschließt, aus Klimaschutzgründen auf den Bau einer geplanten Straße zu verzichten. Es gäbe weniger Verkehr und mithin weniger CO2-Emissionen, aber auch weniger Unfälle, entlang der nicht gebauten Straße eine bessere Lebensqualität - und man sparte sich die Baukosten. Drückt man die Kosten einer politischen Maßnahme aber als "Reduktion des Konsumwachstums" aus, dann muss eine solche günstige Maßnahme als teuer erscheinen.

Den Klimawandel in erster Linie als Kostenfrage zu sehen, bedeutet, andere Sichtweisen - soziologische, geopolitische, ethische, aber auch ökonomische, die statt nach Wohlstandsmaximierung nach Wohlstandsverteilung fragen - zu marginalisieren.

Edenhofer lässt den Vorwurf der Einseitigkeit nicht gelten: "Ein hoch diverses Autorenteam gibt die gesamte Bandbreite wissenschaftlich fundierter Sichtweisen wieder, auch da, wo es Widersprüche gibt."

Tatsächlich enthält der jüngste IPCC-Bericht je ein Kapitel über Ethik sowie über nachhaltige Entwicklung und Gerechtigkeit - in den ersten vier Berichten gab es das nicht. Man kann dort unter anderem nachlesen, weshalb gewisse Methoden zur Bewertung verschiedener Klimapolitiken nicht viel taugen - Methoden, auf die sich die anderen Kapitel des Berichts stützen.

Und tatsächlich findet man auf den 1.400 Seiten des Teilberichts viele Aussagen, die der Sichtweise der Wachstumsmaximierung widersprechen. Dass weniger Konsum, namentlich eine Verringerung des Fleischverzehrs und eine Förderung des Fuß- und Fahrradverkehrs zulasten der Autos, hülfen: Es steht drin. Sogar die Schönheit der Natur wird einmal erwähnt.

Doch all das findet meist in kurzen Abschnitten statt, und die Analysekategorie der Macht fehlt ganz - der ökonomischen und politischen Macht von Energiekonzernen und mit ihr verbandelter Regierungen, Wandel zu blockieren. Die nicht-ökonomischen Sozialwissenschaften sind in der Arbeitsgruppe 3 des IPCC schwach, die Geisteswissenschaften marginal vertreten. Das gilt für die Autorschaft als Ganze, es gilt aber besonders für die zwanzig bis dreißig Autorinnen und Autoren, die laut einer jüngst in "Nature Climate Change" publizierten Studie die Fäden ziehen. Das Autorenteam ist nicht so "hoch divers", wie Edenhofer sagt.