Nachrichten von der Front

Der Krieg macht die Berichterstattung aus Israel und Palästina schwieriger, aber die Heimatredaktionen fordern vor allem eins: Aktualität, möglichst blutig

Berichte von Journalisten aus dem Ausland können nur einen winzigen Ausschnitt der breiten und vielfältigen Realität zeigen. Das Bemühen um das "objektive Bild" stellt sich umso schwieriger dar, wenn Krieg herrscht. Betrifft der Konflikt zudem eine Region, die beim Publikum und in den Heimatredaktionen ganz besonders ideologisch beladen ist, haben Auslandskorrespondenten einen schwierigen Job.

Vor wenigen Tagen hatte der Korrespondent des großen Nachrichtensenders NBC in Gaza, Ayman Mohyeldin, dort seinen letzten Arbeitstag. Vor seinem Hotel am Gaza-Strand spielte er mit einigen Kindern Fußball. Es war der neunte Tag der israelischen Offensive. Als der Journalist bereits auf dem Weg ins Deira-Hotel war, wo auch viele seiner Kollegen und NGO-Mitarbeiter untergebracht sind, tauchte ein Schiff der israelischen Marine auf und eröffnete das Feuer auf die Kinder. "Als die erste Granate am Ufer einschlug, begannen sie wegzurennen. Aber eine weitere traf sie", berichtet einer der Augenzeugen. "Es sah aus, als ob die Einschläge sie jagen." Vier Jungen zwischen neun und elf Jahren, alle aus einer Familie, starben, drei weitere wurden verletzt.

Ayman Mohyeldin berichtete über den Fall für NBC. Er ist ein erfahrener Reporter, seit vielen Jahren in der Region. NBC, eines der ältesten Nachrichtennetzwerke der USA, hatte viel Aufwand betrieben, um ihn als Berichterstatter bei Al Jazeera abzuwerben. Nach diesem Vorfall zog der Sender Ayman Mohyeldin aus Gaza ab. Laut Glenn Greenwald, der den Fall schilderte, führte der Sender Sicherheitsbedenken an. Allerdings wurde Mohyeldin sofort durch ein anderes Team ersetzt.

Auch Jörg Knocha, vier Jahre Programmmanager der Konrad-Adenauer-Stiftung in Ramallah, verlässt mitten in der erneuten Konfrontation das Land. "Die Unverhältnismäßigkeit in diesem Konflikt lässt jeden Versuch der Neutralität, manchmal auch der eigenen Objektivität, zur Herkulesaufgabe werden." Man stumpfe ab, beschreibt er die Situation, überflutet von Bildern toter Kinder, die in den Zeitungen erscheinen, schockiert von den Berichten über ungestrafte Angriffe auf palästinensische Zivilisten oder allgemein von den unmenschlichen Lebensbedingungen in Gaza. Er geht davon aus, dass Ayman Mohyeldin durch NBC abgezogen wurde, weil man an seiner Fähigkeit zweifle, "noch objektiv berichten zu können".

Nur bedingt informierend

Ein Forschungsprojekt an der Freien Universität Berlin untersuchte im vergangenen Jahr die Rolle der Medien im Israel-Konflikt. "Es gelingt der deutschen Berichterstattung nur bedingt, adäquates Wissen über die Menschen in Israel und Palästina zu generieren und die Zusammenhänge des Konflikts verstehbar zu machen", beschreibt Professorin Carola Richter die Ergebnisse, die in der aktuellen Ausgabe des Global Media Journal veröffentlicht wurden. Und das, obwohl es in keinem Land der Welt - in Relation zur Bevölkerungszahl - mehr deutsche Auslandskorrespondenten als in Israel und Palästina gebe. Allerdings besteht das grundlegende Problem für Carola Richter nicht in Tendenziösität. Vielmehr sei die Berichterstattung nur "bedingt informierend". In deutschen Medien würden die der Konfliktparteien zwar plural bewertet, das Problem liege in der "Unterkomplexität" der Berichterstattung.

So bliebe etwa die "alltägliche, strukturelle Gewalt", welche die Gewaltausbrüche bedingt, zunehmend unberücksichtigt. Beispiele dafür sind etwa die Segregation der Palästinenser mittels Mauern oder die illegalen Siedlungen. Diese getrennten Realitäten von Israelis und Palästinensern wirken sich auch auf Journalisten aus. Ob man als Korrespondent in Tel Aviv, in Ramallah oder Gaza lebt, bestimmt unweigerlich den Zugang zu "Problemen, Lebensweisen und Themen". Das, so Professorin Richter, hat auch Auswirkungen auf die Berichterstattung.

Diese eingeschränkte Sichtweise bestimmt noch viel stärker die Arbeit der israelischen und palästinensischen Journalisten. Beispielsweise verfügt nur ein einziges israelisches Medium, die linksliberale Tageszeitung Haaretz, über eine Korrespondentin in den besetzten Gebieten. Palästinensische und israelische Medien behandeln, wie israelische Medienwissenschaftler herausfanden, die eigene Betroffenheit von Gewalt in einem Opfer-Schema. Die Gewalt, die an der anderen Seite verübt wird, versuchen sie hingegen zu rechtfertigen. Diese öffentliche Opfer-Rechtfertigungs-Argumentation, die sich auch in der alltäglichen Berichterstattung, also jenseits der schlimmsten Phasen der Eskalation feststellen lässt, trägt wesentlich dazu bei, die Positionen zu verhärten, glaubt Carola Richter.

Deutsche Journalisten in Israel

Die deutschen Auslandskorrespondenten, die im Rahmen des Projektes der FU-Berlin befragt wurden, sehen sich zum allergrößten Teil als Menschen, die dem Publikum zu Hause die politische und kulturelle Situation erklären. Das spricht dafür, dass die Journalisten genau den Anspruch haben, den die in Deutschland veröffentlichten Berichte nicht erfüllen. So wollen sie etwa Verständnis für die Positionen der gegnerischen Parteien wecken, wie Eugenia Levine und Marie Louise Posdzich bei ihren Gesprächen herausfanden.

Für einen kleineren Teil der Korrespondenten spielt dabei die deutsche Geschichte eine besondere Rolle. Sie nahmen darauf Bezug, dass sie dazu beitragen könnten, den "Graben", den die Shoa zwischen Deutschen und Israelis hinterlassen habe, zu überbrücken. Teilweise stammen sie in Deutschland aus jüdischen Familien und sehen in ihrer Arbeit vor Ort das "Schließen eines Kreises". Besonders auffällig ist, dass alle befragten Korrespondenten in Israel leben und gute Hebräisch-Kenntnisse deutlich häufiger festzustellen sind als Kenntnisse der arabischen Sprache.

Die Auslandsjournalisten bewerten im Gespräch das Verhältnis zu den Heimatredaktionen zwar positiv. Allerdings stellen Kosten- und Aktualitätsdruck ein großes Problem dar. Die meisten Anfragen aus den Redaktionen fordern Beiträge zu aktuellen Ereignissen, vor allem zu Gewalttaten. "Und seit vier Jahren, abgesehen von diesen ein oder zwei Terroranschlägen, von diesem Gaza-Krieg, gibt es praktisch keinen Terror, keine Kriege mehr. Ich kann wieder mal andere Themen machen, aber das Geld kommt durch Nachrichten und zwar durch möglichst viel Blut", beschreibt einer der Korrespondenten das Problem.

Jenseits dieser redaktionellen Gewalt-Obsession gehen nach Angaben der Journalisten aber vor allem Themen, die besonders originell seien - der "schwule surfende Rabbi". Die Themenvielfalt ließe sich deshalb eher in Berichten über Israel herstellen. In den palästinensischen Gebieten "endet jede Geschichte mit der Besatzung, weil das alle Lebensebenen so durchdringt". Auch ein anderer befragter Journalist hat den Eindruck, dass es bei den Anfragen aus den Redaktionen "immer mehr um Israel geht", zitieren die Wissenschaftler, "natürlich historisch bedingt, aber auch, weil sie uns kulturell näher stehen".

Wie auch Jörg Knocha sehen die Auslandskorrespondenten in Israel einen Abstumpfungsprozess, der sich auf ihre Arbeit auswirkt. Mit der Zeit sei die Arbeit stärker von "Zynismus und Fatalismus durchdrungen", es stelle sich ein gewisser "Alterszynismus" ein, erklärt einer der dienstältesten Korrespondenten. Ein Journalist führt dies auch auf eine Veränderung bei den Israelis zurück. Er habe viel mit Leuten zu tun, die "der Meinung sind, es ist doch eigentlich alles gut, wie es ist". Zwar habe man als Ausländer das Gefühl, der Konflikt müsse endlich gelöst werden: "Aber viele denken das nicht. Das ist der Punkt, wo man auch privat gegen Wände läuft." (Malte Daniljuk)