Nachverdichten ohne nachzudenken geht nicht gut

Holzmarkt in Friedrichshain/Berlin. Bild: Bernhard Wiens

Alternativen zur wachsenden Stadt gibt es nicht. Aber gibt es Alternativen in ihr?

"Gewimmel, welch Gewimmel. Wie sich das bewegte... Rumm rumm haut die Dampframme auf dem Alexanderplatz... Alles ist mit Brettern belegt. Die Berolina stand vor Tietz1, eine Hand ausgestreckt, war ein kolossales Weib, die haben sie weggeschleppt. Vielleicht schmelzen sie sie ein und machen Medaillen draus... Wie die Bienen sind sie über den Boden her. Die basteln und murksen zu Hunderten rum den ganzen Tag und die Nacht." In Alfred Döblins Roman "Berlin Alexanderplatz" von 1929 sieht sich der entlassene Strafgefangene Biberkopf von der Geschwindigkeit der Stadt überholt. Das Tempo erhöhte sich proportional zur baulichen und sozialen Dichte.

In der nächsten Verdichtungswelle der 60/70er Jahre wurde die Konkurrenz der Verkehrsteilnehmer zugunsten der Automobile entschieden. Das Schlagwort, das der autogerechten Stadt den Weg bahnte, lautete "Urbanität durch Dichte". Kahlschlagsanierungen machten Platz für in die Stadt geführte Autobahnen. An den geltenden Normen vorbei errichtete Geschäftshochhäuser sorgten für die Entmischung der Innenstädte. Kleine Läden verschwanden, und an den Stadträndern lockten Großwohnsiedlungen mit dem Versprechen auf bessere sanitäre Ausstattung.

Die gegenwärtige Renaissance der Städte hat dem alten Begriff ein Präfix verpasst. Die "Nachverdichtung" schließt ein neues Versprechen ein: Die Fehler von damals sollen vermieden werden. Das heuer zum zweiten Mal in Berlin veranstaltete "Make City"-Festival ging in zahlreichen Gesprächsrunden und Besuchen von Brennpunkten vor Ort der Frage nach, was dem neuen Druck zu meist seriellem Wohnungsbau entgegengesetzt werden kann. Oder was an Kreativem nachgetragen werden kann. Vor drei Jahren, zur Premiere des Festivals, waren dies noch etliche Ansätze genossenschaftlichen Bauens sowie Projekte von "Raumpionieren", welche aus den "Zwischennutzern" der schrumpfenden Stadt hervorgegangen waren, die sich ihrerseits von den Hausbesetzern herleiteten.

Das Flaggschiff aller autonomen Terrainentwicklungen ist der "Holzmarkt" an der innerstädtischen Spree. Urzelle war die Holzbaracke des Techno-Clubs "Bar 25". Sie mauserte sich zum Millionenprojekt eines städtischen Dorfes mit Park, Restaurant und Künstler-Domizilen. Feste Hallenbauten bilden das Grundgerüst, auf die in variabler Formation Holzhütten aufgesetzt werden. Die Module sind offen für Erweiterungen oder Rückbau. Die Architekten erstellten lediglich das "Regelwerk". Die Hüttenlandschaft sieht ein wenig nach Favela-Schick aus. Das ist der Preis der Sesshaft-Werdung einer Alternativszene, die zu einer Tourismus-Adresse wird.

Die Immobilie ist ein Filetstück, aber die Bezeichnung ist zugleich ein böses Omen. Es weckt Begehrlichkeiten. Mit dem Ausbau ist erst einmal Schluss, und das ganze Projekt steht auf der Kippe. Der Schweizer Pensionsfonds, der den Holzmarkt-Genossen bei der Ersteigerung des Geländes zur Seite gesprungen war, hat den Erbbauvertrag für das Grundstück gekündigt, auf dem das "Eckwerk" errichtet werden sollte. Nach Entwürfen der illustren Architekten-Gemeinschaft von Graft und Kleihues waren fünf schlanke Türme in Holzbauweise vorgesehen, in denen Wohnen und Arbeiten, Individualität und Gemeinschaftlichkeit unter ein Dach gepasst hätten. Die potentiellen Bewohner, Studenten und Start-up-Kreative, bekämen Gelegenheit, sich ins Konzept einzubringen.

Nun sehen sich die Beteiligten vor Gericht wieder. Aus dem Dickicht wechselseitiger Vorwürfe schälen sich jedoch Motive und Trends heraus, die nicht so irrational sind. In das Projekt war eine kommunale Wohnungsbaugesellschaft eingestiegen, die zunächst kooperierte, aber dann alles haben wollte. Der Pensionsfonds wiederum könnte das Grundstück verkaufen. Auf der einen Seite steht die von der Politik oktroyierte Forderung, Wohnungen auf Teufel komm raus zu bauen. Auf der anderen Seite käme ein Grundstück, von dem man erhoffte, es sei der kapitalistischen Verwertungslogik entzogen, auf einen Markt, dessen Preise gerade explodieren. Die Holzmarkt-Genossen sind heraus und sogar insolvenzgefährdet.

Auf dem Festival beklagten vor allem jüngere Architekten, dass sie beim Wohnungsbau und in Berlin insbesondere beim Schulbau nicht mehr zum Zuge kommen. Bildlich gesprochen, ist innovatives Planen durch Excel-Tabellen ersetzt, die unter Rendite-Gesichtspunkten das Raumprogramm vorgeben. Das ist kein Wunder, wenn die Grundstückskosten einen immer größeren Anteil an den sowieso steigenden Neubaukosten verschlingen. Die Quadratmeterzahlen der Wohnungen fallen in einer nach unten offenen Ordnung. Zwischen allen Fronten werden Architekten zu Chamäleons, um bestehen zu können. Begriffe wie Nachhaltigkeit werden zu Verkaufsargumenten herabgesetzt.

Sofern das Make City-Festival repräsentativ war, vermittelte es den Eindruck, dass die Initiativen von Zwischennutzern umgekehrt proportional zum Wachstum der Städte zurückgehen. Die Aufbruchsstimmung ist einer Melancholie gewichen. Die Bewegung hat sich bürokratisiert. Über den einzelnen Projekten haben sich Megastrukturen herausgebildet, deren Berufsfunktionäre Landkarten der Aktivitäten erstellen und Rezepte vermitteln, wie am besten die EU-Förderlandschaft anzuzapfen ist. Fallen die Fördermittel weg, erlöschen die Initiativen.

Bevor das geschieht, werden die Inis von ihrer eigenen Vergangenheit eingeholt. Die Moral verlangt die Entscheidung, welches Fördergeld welcher Stiftung gut, welches "böse" ist. Für die Vorläufer der Bewegung stellte sich, bevor sie den langen Marsch durch die Institutionen antraten, die Frage, ob man überhaupt "Staatsknete" annehmen dürfe oder nicht.

Die Wiederaneignung des "Gemeingutes Stadt" durch Besetzung von Nischen ist in Flächenkonkurrenz zum Nachverdichtungstrend getreten, der sich auf die Wohnungsnot beruft, in der Substanz jedoch von der Kapitalverwertung dominiert wird. Baugruppen oder Genossenschaften halten dem Trend stand, indem sie selbst und für sich bauen. Der Vertreter der Linken wies jedoch in einer Diskussionsrunde darauf hin, dass sie nicht per se gut sind. Wenn die Bau-Genossen sich nicht mehr vertragen und auseinandergehen, wird ihr versteinertes Projekt zum Marktobjekt.

Damit wäre auch der Gedanke der Gemeinschaftlichkeit futsch, für die bei den vorgestellten Vorhaben stets entsprechende Flächen in den Wohnkomplexen ausgewiesen sind. Der Gedanke ist urban, denn er setzt sich auch nach draußen fort. Ein großes Thema sind die Erdgeschosse als Vermittlungszonen geworden. Geschäfte, Gewerbe, Ateliers sollen die Kieze durch ihre Kleinteiligkeit wiederbeleben, und das gilt nicht nur für Neubauten, sondern auch für den Bestand.

Steglitzer Kreisel. Bild: Bernhard Wiens

Smart City könnte in der europäischen Version heißen, dass die Planer ihren Grips anstrengen, wie der Bestand auf die wachsende Bevölkerung einzustellen ist, statt die Stadtentwicklung mit bewusstlos in unbegrenzte Höhen gestapelten Geschossen steuern zu wollen. Im Modell sehen die eingearbeiteten Vor- und Rücksprünge, Drehungen und Windungen des neuen Hochhausangebots sehr hübsch aus. Grün wird auch noch hinzugestreut, bei negativer Bilanz für die Stadt insgesamt. Die besonders bei der SPD beliebte Formel "Höhe spart Fläche" greift zu kurz.

Die indische Architektin Anupama Kundoo rät zum Innehalten. Sie baut nur mit natürlichen Materialien, die nicht mehrfach umgearbeitet sind und deshalb wenig Energie und Zeit verbrauchen. Das gebe Zeit zum Nachdenken. Hat nicht so mancher Bauherr oder Planer, wenn er das fertige Werk sieht, bereut, nicht genügend nachgedacht zu haben?

Wenig zu bereuen gibt es, wenn Bestandsgebäude die Aura ausstrahlen, als hätten sie schon immer dort gestanden, und sei es im Kontrast zu anderen Stilen. Der französische Architekt Jean-Philippe Vassal stellt vor (städte)baulichen Eingriffen die Frage, was das Minimum ist, um die Erweiterung von Wohnraum zu erreichen. Manchmal kann es sinnvoll sei, weniger als möglich zu tun, weil der vorhandene Ort bereits Charme hat.

Vassal und seine Partnerin Anne Locaton arbeiten mit der Qualität von Bestandsbauten, nicht gegen sie. Die vorhandene Bausubstanz bietet das Grundgerüst für "Extensionen". So erweiterten sie ein Wohnhaus komplett mit einer neuen abgesetzten Hülle, wodurch auch die inneren Grundrisse neu arrangiert werden können. Bei der Restaurierung einer Industrieruine ließen sie die ruderale Vegetation bestehen. Die Bäume dürfen weiterhin durchs Dach wachsen.

Zum Bestand gehören auch die "weißen Elefanten", überflüssig gewordene Geschäftshochhäuser der Nachkriegsmoderne. So wird der "Steglitzer Kreisel", ein Wahrzeichen des Berliner Filzes der 60/70er Jahre und Pleiteobjekt von Anfang an, zu einem Wohnturm umgebaut. Zur Nachnutzung des riesigen "Haus der Statistik" aus DDR-Zeiten hat sich eine Initiative gebildet, die unter anderem Künstlern einen Unterschlupf gegen die Vertreibung aus der Kernstadt gewähren möchte. Inzwischen sind weitere Nutzungskonzepte wie Wohnen hinzugetreten. Eine Wohnungsbaugesellschaft ist ähnlich wie am Holzmarkt eingestiegen, aber im Unterschied dazu ist hier noch von "Co-Creation" aller Akteure die Rede.

Supermarkt-Ketten haben das Potential ihrer Parkplätze für Wohn-Überbauung entdeckt. Auch der Altbaubestand bietet über den Dachgeschossausbau hinaus Möglichkeiten. Im Festival-Rahmen wurden Beispiele für aufgesetzte Staffelgeschosse gezeigt, die sich über mehrere Häuser erstrecken. Es ist jedoch müßig, von einer Linderung der Wohnungsnot zu sprechen, wenn nicht die Kostenfrage einbezogen wird. Die neuen Ideen werden eher erschwinglich, sofern ein weiterer Impuls hinzukommt: das unfertige Bauen. Ergänzen die Nutzer das unfertige Haus im Selbstausbau mit ihren gestalterischen Varianten, kann der Quadratmeterpreis bis zur Hälfte verringert werden.

Liberalistische Glaubenssätze suggerieren, dass ein dem Bevölkerungszuwachs entsprechender Zuwachs an Wohnfläche zu ausgeglichenen Marktpreisen führt. Das Gegenteil tritt ein, wenn in Spitzenlagen wie dem Alexanderplatz Hochhäuser mit Luxusapartments errichtet werden. Die Wohnungen werden zu Spekulationsobjekten und sind vielleicht nach New Yorker Vorbild nicht einmal bewohnt, jedenfalls nicht vom Eigentümer.

Von solchen Hochpreis-Spekulationsinseln breiten sich die Preissteigerungen in konzentrischen Ringen aus. Die Karawane des Mittelstandes zieht schon wieder nach Suburbia. Noch bizarrer wird es, wenn unbebaute Grundstücke oder auch verrottete Altbaubestände gekauft und im selben Zustand wieder verkauft werden. Ein Verknappungseffekt sorgt für genügend Gewinn schon vor einer Bebauung. Der Grundstücks- und Wohnungsmarkt wird zum "Waschsalon" für Investorenkapital, sagt der Projektentwickler Roger Zogolovitch.

Diese Klosterruine unweit des "Alex" wird Ausgangspunkt einer Erneuerung der Mitte Berlins. Bild: Bernhard Wiens

Michael Nelken von "Die Linke" und ehemals für Stadtentwicklung zuständiger Stadtrat in Pankow versuchte sich an einer schlichten Zusammenfassung: Immer mehr Frei- und Grünflächen werden zu Bauland erklärt werden. Sind alle Vorsätze und Vorwände, es besser zu machen als in den 60/70er Jahren, für die Katz? Ist "Nachverdichtung" die Neuauflage der "Urbanität durch Dichte"? Mit der scheibchenweisen Verringerung des Freiraums ginge die Urbanität verloren. Er ist der öffentliche Raum, von dem her Stadt zu denken ist.

Öffentliche Räume sind die Schau-Plätze der Stadt. Solange sie nicht überprogrammiert sind, halten sie das Versprechen von spontanen Kontakten, von variablen Erfahrungen mit ambivalenten Deutungen. Die Mischung aus geplanten und ungeplanten Begegnungen macht die Urbanität aus. "Architektonische Unfälle" in einem "raffinierten Chaos" kennzeichnen Großstädte wie Berlin. Der Freiraum ist für unvorhergesehene, nicht näher bestimmte Nutzungen zu kodieren. Dabei ist die Integration des Individuums in die Gemeinschaft niemals vollständig. Im Wechselspiel aus Näherungen und Entfernungen bleiben neben Avancen auch Rückzüge vorbehalten.2

Das Fremde - oder die Fremden - wird zu einem Vertrauten, und das Vertraute, Eigene, wird fremd. Die Erfahrung auf die eigene Fremdheit auszuhalten, wie Georg Simmel es 1908 beschrieben hat, ist ein Wesenszug des Stadtbürgers in der Epoche der Moderne. "Mann ohne Eigenschaften" nennt ihn Robert Musil. Die Moderne ist jedoch gegen ästhetische wie auch politische Rückschläge nicht gefeit. Dann geht es gegen die Fremden, die an unheimlichen Orten hausen. Statt von Freiheit wird von Sicherheit geredet.

Die Grenzen zwischen Innen und Außen verfließen zu lassen, gehörte zum Programm der Moderne. Wenn jedoch Hochhäuser, auch die fürs Wohnen, wie eh und je als Solitäre vom Kontext abisoliert werden, wird sich das soziale und kulturelle Leben - à la Lounge und Swimmingpool - in ihr Inneres zurückziehen und in Bedeutungslosigkeit auflösen. Die Grenzziehung zwischen Innenwelt und Außenwelt verschärft sich. Die Sicherheitsbedürfnisse steigen.

Wenn der Freiraum Manövriermasse ist, kann sich die Stadt nicht erneuern. Sie wird lediglich überfüllt. An passenden und vor allem unpassenden Stellen hochgezogene "Modulare Unterkünfte für Flüchtlinge", bessere Plattenbauten, werden die Flüchtlinge zu Sündenböcken der Überfüllung machen. Die Reaktion auf Überfüllung ist allerdings ein Rückstand aus der Evolution. Die neu aufgekommene "Neuro-Urbanistik" spricht vom Crowding-Stresssyndrom. Der Kreis schließt sich zur "Urbanität durch Dichte", denn schon Mitte der 60er Jahre hatte Alexander Mitscherlich die Ängste analysiert, die aus den das Privateigentum umgebenden Tabus entspringen. Bei wachsender Dichte wird der Anpassungsdruck immer größer, wandert ins Innere der Individuen und verursacht Neurosen.

Um die Stadt als einen Ort vieler möglicher Formen von Gemeinwirtschaft zu reklamieren, beriefen sich einige Referenten auf §14 des Grundgesetzes: Eigentum verpflichtet. Es diene dem Wohle der Allgemeinheit. Daraus werden schwerlich kommunitäre Ansprüche abzuleiten sein. Der Paragraph wurde 1949 eigens eingefügt, um ernsthaften Formen einer Sozialisierung zuvorzukommen. Auf sich selbst gestellt, ist der Begriff des Eigentums auch ein Abstraktum, das vom kleinsten Kleingarten bis zum größten Oligopol unterschiedslos alles bis zur Unkenntlichkeit und damit Unangreifbarkeit umfasst.

Als würden sie aus der Patsche helfen, wurden auf der Veranstaltung Losungen ausgegeben wie "Partizipiert Euch", macht die "Interaktionsrevolution", schafft die "gute Stadt". Denn "das größte Kapital einer Stadt sind die Menschen." Das trug dem Festival den Vorwurf ein, eine Schönwetter-Veranstaltung zu sein. Da jedoch auch kritische Beiträge zu hören waren, die sich den Konflikten stellten, welche aus der neuen Immobilienblase hervorgehen, bleibt zu hoffen, dass im Fall einer Fortsetzung von "Make City" Realitätsbewusstsein einkehrt. Aus den Nischen herauszukommen, kann emanzipatorisch sein. (Bernhard Wiens)

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