Nahostkonflikt: Kampf um Wasser

Gazastreifen: Tickende Zeitbombe

Auch andere grenzüberschreitende Wasserressourcen in der Region sorgen regelmäßig für Streit. Beispielsweise der Küstenaquifer, ein Grundwasserleiter, der vom Sinai bis nach Israel reicht und der die einzige zugängliche natürliche Wasserressource für den Gazastreifen darstellt.

Die Entnahme wird mit bis zu 740 Millionen Kubikmetern jährlich beziffert: 66% davon in Israel, 23% im Gazastreifen, die verbleibenden 11% in Ägypten. Der Wasserbedarf im Gazastreifen liegt heute je nach Quelle bei zwischen 180-200 Millionen Kubikmetern im Jahr, so dass unter Berücksichtigung des mittlerweile kritischen Zustands des Küstenaquifers zusätzliche Wasserquellen gefunden werden müssen.

Mit dem Oslo II-Abkommen von 1995 hatte sich Israel verpflichtet, jährlich 5 Millionen Kubikmeter Wasser in den Gazastreifen zu schicken. Doch seitdem hat sich die Bevölkerung mehr als verdoppelt, eine Entwicklung, die in den als Übergangslösung für fünf Jahre gedachten Vertragstext keinen Eingang fand. Seitdem gab es keine weiteren Verhandlungen für eine endgültige Einigung in der Wasserfrage.

Kritiker sehen im Oslo-Friedensprozess vor allem ein koloniales Konstrukt. Sinnbild dafür ist die dort propagierte Lösung des Wasserproblems: Neoliberale Rezepte ersetzten eine politische Einigung, der Verkauf von Wasser in Flaschen wurde über die Entwicklung eines nachhaltigen Zugangs zu Wasser gestellt, mit Folgen: Der Zustand der Wasserressourcen in den Palästinensergebieten hat sich seit Oslo massiv verschlechtert.

Der Küstenaquifer ist heute stark übernutzt; Versalzung und Verschmutzung durch landwirtschaftliche und urbane Abwässer machen sein Wasser vielerorts für den menschlichen Konsum unbrauchbar - nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation betrifft das 97% der Entnahmemenge. Viele Anwohner sehen sich trotzdem gezwungen, ihr Wasser aus kontaminierten Brunnen zu beziehen. Mittlerweile sind wieder Krankheitsbilder verbreitet, die sich aufgrund des Konsums von mit Pathogenen belastetem Wasser einstellen. Pandemien werden befürchtet, auch auf israelischer Seite, denn die Checkpoints würden im Falle eines Ausbruchs keinen ausreichenden Schutz bieten.

Nach dem Abzug der Israelis 2005 blieb der Großteil der Wasserinfrastruktur unbrauchbar gemacht zurück, weitere Zerstörungen folgten in den drei verheerenden Kriegen ab 2008, die darüber hinaus zu zahlreichen Toten unter der Zivilbevölkerung führten.

Die Situation in der Wasserversorgung ist nur ein Aspekt der sich vor Ort entfaltenden humanitären Katastrophe. Im Gazastreifen leben heute rund zwei Millionen Menschen auf engstem Raum - mehr als die Hälfte von ihnen in Flüchtlingslagern. Die hier registrierten Bevölkerungsdichten gehören zu den höchsten der Welt, ebenso das Bevölkerungswachstum.

Israel kontrolliert nach wie vor - bis auf den Grenzübergang zu Ägypten - den Zugang von Land, zur Luft und von der See. Mit der eingerichteten No-Go-Pufferzone auf dem Gebiet von Gaza liegen nach UN-Schätzungen 30% des verfügbaren Ackerlands brach. Selbst außerhalb dieses Bereichs sind Bauern bei ihrer Arbeit nicht vor israelischem Beschuss sicher.

Die Versorgung mit Wasser und Strom ist von Israel abhängig. Seit dem Sieg der Hamas bei den Parlamentswahlen von 2006 ist eine Blockade durch Israel und Ägypten in Kraft, deren Würgegriff unter anderem zu einer empfindlichen Verknappung von Nahrungsmitteln, medizinischer Versorgung und Baumaterialien führte, außerdem zu einer Reduzierung von Genehmigungen für Pendler und letztendlich zu einem Niedergang der Wirtschaftsleistung im Verein mit einer hohen Arbeitslosigkeit. Heute ist ein Großteil der palästinensischen Bevölkerung von humanitärer Hilfe aus dem Ausland angewiesen.

Die Blockade wird von Beobachtern mit dem Betrieb des größten Freiluft-Gefängnisses der Welt gleichgesetzt. Die Bewohner des Gazastreifens sollen durch forcierte strukturelle "Ent-Entwicklung" von jeder Art Fortschritt abgeschnitten werden, ein Prozess, der ebenso in der West Bank beobachtet werden kann. Ein Festhalten an dieser Strategie wird auch künftig keinen Frieden in der Region ermöglichen.

Der Wiederaufbau im Gazastreifen kommt nur schleppend voran, er wird vor allem durch die von Israel verhängten Einfuhrbeschränkungen und durch Korruption in den Reihen der Hamas behindert. Doch sollte die Infrastruktur nicht in absehbarer Zeit wieder instand gesetzt werden, droht unter Beachtung der demografischen Entwicklung laut Vereinten Nationen die baldige Unbewohnbarkeit des Gazastreifens.

Die ethnischen Säuberungen im ersten arabisch-israelischen Krieg 1948/49 hatten den ersten Flüchtlingsstrom in die Gegend gebracht: 200.000 oder ein Viertel der von den Israelis aus dem ehemaligen Mandatsgebiet vertriebenen Bevölkerung kamen in den gerade von Ägypten besetzten Gazastreifen. Unmittelbar nach dem Sieg im Sechstagekrieg setzten israelische Siedlungsaktivitäten ein. Kurz vor dem israelischen Abzug 2005 gab es 21 Siedlungen, die 20% des Gebiets einnahmen, die arabische Bevölkerung wurde hier von Beginn an als störend empfunden. Neben finanziellen Anreizen zur Auswanderung wurde auf oberster Ebene frühzeitig die künstliche Verknappung von Wasser als Mittel der Wahl diskutiert:

Wenn wir ihnen vielleicht nicht genug Wasser geben, würden sie keine Wahl haben, weil die Obstgärten vergilben und verdorren werden.

Levi Eschkol, israelischer Ministerpräsident von 1963 bis 1969, nach dem Sechstagekrieg

Gazas Landwirtschaft wurde durch die Landübernahme israelischer Siedler in Bedrängnis gebracht, der Kampf um Wasser verschärfte sich zusehends. Neue Gesetze verhinderten das Anpflanzen neuer Orangenbäume::, der direkte Export nach Europa wurde verboten - es sei denn, er würde über den israelischen Handel abgewickelt ( ). Viele palästinensische Bauern wurden so aus dem Geschäft gedrängt.

Neues Wasser für Gaza - eine Fata Morgana?

Ende 2016 gab Israel die Fertigstellung eines neuen Wasserreservoirs bekannt, das jährlich weitere 2 Millionen Kubikmeter in die vom Kibbuz Nahal Oz in den Gazastreifen führende Wasserleitung einspeisen soll. Doch der Verkauf von mehr Wasser ist keine nachhaltige Lösung für den Gazastreifen. Hier ist eine eigene, funktionierende Infrastruktur vor Ort gefragt. Meerwasserentsalzungsanlagen bieten sich an, sie sind jedoch energieintensiv - bei 10 bis 16 Stunden verhängter Stromsperre am Tag eine illusorische Vorstellung.

Der Energiemangel beeinträchtigt ebenfalls die Behandlung der Abwässer. Heute fließen hier täglich 100.000 Kubikmeter kaum geklärter Abwässer ins Mittelmeer. Sie sind mittlerweile auch an israelischen Stränden ein Problem. Dabei hat Gaza ein großes, mit Weltbank-Mitteln gebautes Klärwerk - was fehlt, ist die Energie für den Betrieb.

Anfang 2017 wurde in Deir al Balah eine zweite und bisher größte Meerwasserentsalzungsanlage mit einer Jahreskapazität von 55 Millionen Kubikmetern zumindest für einen zeitweisen, eher symbolischen Betrieb eröffnet. Die Umsetzung des Projekts gestaltet sich als äußerst langwierige Angelegenheit.

Das unter anderem von der EU geförderte Projekt soll 2019 in einer zweiten Phase 100 Millionen Kubikmeter bereitstellen können. 15% der benötigten Energie könnten dann aus erneuerbaren Quellen kommen. Eine Kommunikationsleitung mit dem Israelischen Verteidigungsministerium soll den Zugang zu allen für den Betrieb der Anlage benötigten Materialien trotz verhängter Importrestriktionen sicherstellen. Mehr als 80% des entsalzten Wassers im Gazastreifen stammt zurzeit von Privatunternehmen, die das Brackwasser aus dem Küstenaquifer aufarbeiten. Diese Wasserquelle stellt für die bereits unter schwierigen Bedingungen lebenden Haushalte eine spürbare finanzielle Belastung dar, außerdem ist das Wasser oftmals kontaminiert.