Namensstreit in Thessaloniki

Deutsche Panzer, 1942. Foto: Bundesarchiv, Bild 101I-175-1267-10 / Teschendorf / CC-BY-SA 3.0

Straßennamen bringen alte Geschichten ans Licht

Die Umbenennung einer Straße sorgt in Thessaloniki für Streit. Die Angehörigen des früheren Namensgebers, Athanasios Chrysochoou, haben wenige Tage vor dem Jahreswechsel drei Mitbürger angezeigt, die an der Umbenennung maßgeblich beteiligt waren. Sie verlangen darüber hinaus 600.000 Euro Entschädigung wegen des Verunglimpfens des Andenkens Verstorbener. Der Fall beleuchtet indirekt auch die jahrzehntealte Problematik der Weltkriegsentschädigungen.

Angeklagt sind Triantafyllos Mitafidis, Parlamentarier für Syriza, Spyros Zakettas und Alekos Grimpas. Die drei sind Mitglieder einer Vereinigung für Verfolgte der Militärdiktatur (1967-74), des Verbands der Inhaftierten und Verbannten des Widerstands (SFEA) 1967-74. Eben diese, von den USA unter Mithilfe der CIA installierte, Militärdiktatur hatte den verstorbenen Oberst am 21. Januar 1971 mit dem Straßennamen geehrt.

Vorher waren per Gesetz 169/1969 auch die uniformierten Kollaborateure der Wehrmacht während der Besatzungszeit zu "nationalen Widerstandskämpfern" erklärt worden. Das umstrittene Gesetz wurde 1982 abgeschafft.

Der "nationale Widerstand" bestand nach Ansicht der faschistischen Diktatoren Griechenlands im Kampf gegen den Kommunismus. Genau aus diesem Grund hatten, direkt nach der Befreiung im Oktober 1944, zunächst die Briten und später die US-Amerikaner den früheren Kollaborateuren der Nazi-Besatzer Ämter übertragen.

Ziel war es, im Kalten Krieg den Einfluss der Kommunisten, welche mit der Befreiungsarmee ELAS maßgeblich zur Vertreibung der Nazis beigetragen hatten, zurückzudrängen.

Der Putsch im Krieg gegen das Nazi-Reich

Athanasios Chrysochoou war während der Besatzungszeit unter dem kollaborierenden Premier Tsolakoglou ab dem Sommer 1941 zunächst Generalinspekteur der Präfekturen Mazedoniens. Als solcher arbeitete der Oberst mit dem deutschen Statthalter Max Merten zusammen.

Tsolakoglou kapitulierte entgegen den Befehlen seiner Vorgesetzten am 20. April 1941. Dabei putschte er gemeinsam mit dem Leiter der I. Heeresabteilung, Generalleutnant Panagiotis Demestichas, dem Leiter der II. Heeresabteilung, Generalleutnant Georgios Bakos, und natürlich mit seinem Stabsmitglied Chysochoou gegen den vorgesetzten Herresgruppenchef Generalleutnant Ioannis Pitsikas.

Tsolakoglou ernannte sich selbst zum Heeresgruppenchef und unterschrieb mit dem Generaloberst der Waffen-SS, Josef Dietrich, eine Waffenstillstandsvereinbarung. Als der griechische Oberbefehlshaber Alexandros Papagos davon erfuhr, reagierte er mit einem Telegramm an die Heeresgruppe. Er beschwerte sich, dass Tsolakoglous Vorgehen entgegen den Interessen des Heimatlands sei und setzte diesen ab. Ferner befahl Papagos den Widerstand bis zum Äußersten. Allerdings war es da schon zu spät, die Front war zusammengebrochen.

Bereits am nächsten Tag, dem 21. April 1941, unterzeichnete Tsolakoglou die bedingungslose Kapitulation als Heeresgruppenchef von Ipiros und Makedonien gegenüber dem Chef des Generalstabs der 12. Armee, General Hans von Greiffenberg. Zwei Tage später wiederholte er das unehrenhafte Schauspiel mit General Alfred Jodl und dem italienischen General Alberto Ferrero.

Die Italiener, die Griechenland am 28. Oktober 1940 angegriffen hatten und später nur mit der Hilfe der Wehrmacht ihren Kopf aus der Schlinge ziehen konnten, hatten auf die Symbolik einer derartigen Kapitulation auch ihnen gegenüber bestanden.

Direkt nach der Unterschrift begannen die Besatzer mit der Bombardierung von Salamis und den Häfen rund um Athen. Schließlich brach auch dort der Widerstand zusammen und der König floh samt der Regierung ins Exil.

Am 30. April wurde Tsolakoglou für seine Dienste mit der Vereidigung als Premierminister von Besatzers Gnaden belohnt. Tsolakoglou, auch als griechischer Quisling bezeichnet, trat am 2. Dezember 1942 von seinem Amt zurück. Chrysochoou jedoch machte weiter und arbeitete Max Merten zu.

Merten, wegen seiner Rolle im Holocaust in Griechenland "Schlächter" genannt, stand sowohl in Griechenland, als auch in Deutschland vor Gericht. Chrysochoou, dessen Name auch Hrysohoou und Hrisohoou transkribiert wird, trat als Entlastungszeuge auf.

Es gibt überlieferte Dokumente, aus denen hervorgeht, dass Chrysochoou die Griechen aufrief, keinen Widerstand gegen die "griechenfreundlichen Deutschen" zu leisten. Vielmehr sollten seine Landsleute den Befehlen der Wehrmacht Folge leisten, meinte Chrysochoou, dessen Aufgabe auch darin bestand, polizeilich gegen den Widerstand vorzugehen. Darüber hinaus bestand sein "nationaler Widerstand" darin, die von der Kommunistischen Partei kontrollierten Widerstandsgruppen als "Bulgaren" und damit als Feinde der Griechen zu bezeichnen.

Gegen Übergriffe der wirklichen Bulgaren, die als Achsenmacht in den Dörfern von Drama und Serres wüteten, ging Chrysochoou nicht vor. Dies berichten einschlägige Quellen aus jener Zeit. Chrysochoou gehörte zu den führenden Offizieren einer YBE/PAO genannten Organisation, die sich offiziell zum Ziel gesetzt hatte, gegen die bulgarischen Besatzer vorzugehen.

Doppelagent zur Absicherung des eigenen Schicksals

Ab 1942 war Chrysochoou unter dem Drecknamen "3" auch als Informant für die Organisation ZEUS aktiv. Diese stand in engem Kontakt zur Exilregierung der Griechen in Kairo. Das doppelte Spiel wird von Historikern als Versuch Chrysochoous gewertet, sich von eventuellen späteren Vorwürfen der Kollaboration frei zu waschen. Denn tatsächlich verweigerte der Offizier Befehlen der Exilregierung den Gehorsam.

Als er zum Ende der Besatzungszeit vom von den Besatzern eingesetzten Premier Ioannis Rallis zu einer Art Minister von Makedonien und Thrakien erhoben wurde, schickte die Exilregierung am 3. Oktober 1944 mit der Nummer 47 ein Telegram. "Ihr Zeichen drei-neun. Papandreou höchstpersönlich ist nicht in der Lage der Einsetzung von Chryosochoou unter Rallis zuzustimmen oder abzusegnen. Dieser muss den Befehlen des Vertreters der Regierung zustimmen. STOP", steht in dem Schreiben.

Georgios Papandreou war damals der Premier der Exilregierung der Griechen. Chrysochoou schrieb die Anweisung in den Wind, er berief sich darauf, im Ministeramt nationalen Interessen zu dienen. Chrysochoou wiederholte diese Einstellung noch am 10. Oktober 1944 gegenüber dem Anführer der Organisation ZEUS, Georgios Margetis. Die wiederholte Ablehnung zum Befehlsgehorsam bewirkte, dass die Organisation ZEUS an den alliierten Generalstab des Mittleren Ostens telegraphierte, "…wir haben jeglichen Kontakt mit ihm abgebrochen".

Chrysochoou wurde wenige Tage vor dem endgültigen Abzug der Wehrmacht aus Griechenland von der kommunistisch geprägten Widerstandsarmee ELAS verhaftet. In einer Volksgerichtsverhandlung wurde er als Kollaborateur verurteilt. Später befreiten ihn die Briten. Diese wollten ein politisches und militärisches Gegengewicht zur ELAS schaffen. Chrysochoou fanden sie für ihr Vorhaben nützlich.

Keine wirkliche Aufarbeitung

Eine Aufarbeitung der durch die Kollaborateure unmittelbar oder mittelbar verursachten Mitschuld an Kriegsverbrechen hat im Nachkriegsgriechenland noch nicht wirklich stattgefunden. Bis in die Neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts standen einem solchen Vorhaben die Interessen der westlichen Großmächte, die maßgeblich an der Wiedereinsetzung der Kollaborateure in Amt und Würden mitgewirkt haben, entgegen.

Die fehlende Aufklärung bedingte auch, dass diejenigen, die sich im Weltkrieg und später im griechischen Bürgerkrieg illegal bereichert haben, ihr Vermögen wahren konnten. Viele der später höheren Verwaltungsbeamten, Militärs und Putschisten wurden von willfährigen Stadtverwaltungen mit Denkmälern und Straßenbenennungen geehrt. Chrysochoou ist kein Einzelfall.

Einzigartig ist jedoch, was rund um die Umbenennung der nach ihm benannten Straße geschieht.

Nar statt Chrysochoou

Die drei nun von den Nachfahren Chrysochoous Angezeigten hatten sich seit Herbst 2016 bemüht, die Geschichte des ihrer Meinung nach fälschlich geehrten an die Öffentlichkeit zu bringen und für eine Umbenennung der Straße zu sorgen. Im Stadtrat von Thessaloniki stimmten die Stadträte aller Parteien bis auf die Goldene Morgenröte dem entsprechenden Antrag zu. Der dezentralisierte Regionalrat von Makedonien und Thrakien stimmte ebenfalls zu.

Die Chrysochoou Straße heißt nun seit dem 22. August 2018 Alberto Nar Straße. Der 1947 geborene und am 2. März 2005 verstorbene Journalist, Schriftsteller und Holocaustforscher Nar, selbst jüdischer Abstammung, hatte zahlreiche Werke über die jüdische Geschichte der zweitgrößten griechischen Stadt geschrieben.

Triantafyllos Mitafidis, der nun selbst von Syriza unterstützt als Bürgermeister Thessalonikis kandidiert, kann zusammen mit den Mitangezeigten nicht verstehen, warum die Kinder von Chrysochoou ihn und seine beiden Mitstreiter und nicht den Stadtrat und die Regionalverwaltung angezeigt haben. Den drei droht neben der Geldstrafe im Fall der Verurteilung Haft.

Die Kinder des Entehrten berufen sich darauf, dass ihr Vater angeblich im Auftrag der Exilregierung mit den Nazis kooperiert habe. Tatsächlich hatten sie im März 2018 auch Bürgermeister Yannis Boutaris mit juristischen Folgen gedroht.

Die Angezeigten gaben eine gemeinsame Erklärung heraus, die mit den Worten schließt: "der Klage wird nicht nur durch die überwältigenden Beweise und Dokumente widersprochen, auf denen die Entscheidung des Stadtrats von Thessaloniki beruhte, sondern auch mit den jüngsten Beweisen, die durch historische Forschungen ans Licht gebracht wurden".

Die jüngere Geschichte Griechenlands, der Weltkrieg und die folgende Bürgerkriegszeit gehören bislang im Schulunterricht zu den stiefmütterlich und nur kurz behandelten Themen. Vielleicht ändert sich das, wenn die Ereignisse endlich aufgearbeitet werden. Einigen heute wirtschaftlich reichen und politisch einflussreichen Familienclans dürfte dies dann nicht gefallen.

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