Nano - die elementare Revolution

Interview mit dem Krypto-Pionier, Extropianer und Computerwissenschaftler Ralph Merkle

Wer sich mit der Nanozukunft beschäftigt, stößt bald in Bereiche vor, in denen es von Visionen von Maschinen-Klonen, eingefrorenen Köpfen, Mini-Robotern und Bakterienmotoren nur so wimmelt. Ralph Merkle ist als Vordenker des Foresight-Instituts an der Erzählung der großen Nano-Geschichte maßgeblich beteiligt. Er preist seit langem die mögliche Revolution im Produktionsbereich durch die molekulare Nanotechnologie an, verheimlicht aber auch die Gefahren sich selbst reproduzierender Systeme nicht. Der umtriebige Forscher, der auch bei einem der ersten Nanotech-Startups mitmischt, plädiert daher für einen Open-Source-Ansatz zur Sicherung der Zukunftstechnologie.

Foto: John McDermott

Kaum eine Technologie regt momentan stärker die Fantasie der an der Zukunft orientierten Menschheit an als die Nanotechnologie. Kein Wunder, verbinden Protagonisten der Revolution im Zwergenland damit doch nicht nur kratzfeste Brillengläser, reinigungsfreie Kloschüsseln, superschnelle Computer oder Miniaturspeicher mit dem Fassungsvermögen der Informationsbestände ganzer Nationalbibliotheken, sondern auch eine schadstofflose Welt sich selbst reproduzierender Güter sowie winzig kleiner Roboter im Kampf gegen Tumore oder Arterienverkalkungen im menschlichen Körper.

Die großen Hoffnungen verdankt die Menschheit vor allem einem Mann: Eric Drexler. Nach seinem Studium am Massachusetts Institute of Technology (MIT), wo die Zukunft immer etwas greifbarer zu scheint als an anderen Universitäten, schrieb der Denker vor 15 Jahren seine Vision von Nanofabriken nieder, in denen sich Atome selbst vervielfältigen und nach den Bauplänen der Programmierer zu Gott und der Welt zusammensetzen (Engines of Creation).

Molecular Planetary Gear, Caltech

Bei der molekularen Nanotechnik geht es allgemein um Arbeiten auf der Ebene von Atomen, die nicht einmal Millionstel Millimeter (Nanometer) groß sind. Drexler schwebt seit seinem Lichtblick am MIT vor, dass in den Produktionsanlagen der Zukunft einzelne Atome wie in einem Legobaukasten kombiniert werden können. Darüber hinaus sollte es der Vorstellung des Forschers entsprechend sogar möglich sein, dass sich Atome in Maschinen, die sie mit Anleitungen versorgen, selbst zu Molekülen und schließlich zu Gegenständen zusammenfügen. Nahrungsmittel, Werkzeuge, Münzen oder alles, was der Mensch sonst zum Leben braucht, würde sich demnach aus einer Art "nützlichem Nanonebel" entwickeln, wie Wissenschaftler von der Rutgers University in Anklang an Drexler glauben.

In der Fachwelt gelten derartige Visionen weitgehend als Sciencefiction. "Wir wissen einfach nicht, wie wir komplexe Makromoleküle entwickeln können, die auch funktionieren", sorgt Steven Block, Biophysiker an der Stanford University, für Ernüchterung. Biologen und Nanotechnologen müssten zunächst besser darüber Bescheid wissen, wie "die Maschinen der Natur" arbeiten, bevor sie sich daran machten, diese zu manipulieren oder sogar nachzubilden.

Auch wenn sich selbst montierende und sich selbst reproduzierende Gegenstände noch auf sich warten lassen, schreitet die Nanoforschung doch rasant voran. Treiber sind in den USA nicht nur Militärs, die von leichteren und effizienteren Kampfflugzeugen und ganz neuen Waffensystemen schwärmen, sondern auch die Chipentwickler. Droht ihnen doch zwischen 2010 und 2015 das Erreichen einer physikalischen Grenze, wenn die Halbleiter mit dem Stand der heutigen Technik nicht mehr weiter verkleinert werden können. Das Mooresche Gesetz über das exponentielle Wachstum der Speichermöglichkeiten bei gleichzeitigem Schrumpfen der Chips würde dann seine Gültigkeit verlieren. Ende November verkündete Intel allerdings bereits auf der Messe "International Electron Devices" in San Francisco, dass man einen Transistor auf die Größe von 30 Nanometern verkleinert habe. Forscher von Lucent Technologies präsentierten gleichzeitig ein Speicherkonzept, in dem Daten in einem Gemisch flüssiger Kristalle abgelegt werden, die nur drei Nanometer groß sind (Aluminium verändert Supraleiter).

Fast 500 Millionen Dollar fließen in den USA 2001 in die Erforschung des Mikrokosmos. Ex-Präsident Bill Clinton war die Zukunftstechnologie so wichtig, dass er vor einem Jahr die "National Nanotechnology Initiative" ins Leben gerufen hat. Startups wie Nanophase oder Nanogen sprießen, die aus Aluminium- oder Eisenoxiden und Keramik Kleinstmaterialien erstellen oder Nanochips fertigen. Auch in Deutschland, wo das Bundesforschungsministerium den Bereich Nanotechnologie in sechs überregional organisierten Kompetenzzentren fördert, haben Existenzgründer große Pläne: Die bereits an der Börse notierte Masterflex bastelt an Schlauchsystemen aus Polyurethan, die in der Mikroelektronik und der Medizintechnik zum Einsatz kommen und mit Hilfe von Nanotechnik weiter schrumpfen sollen. Die Duisburger Firma Microtec hat sich dagegen der Entwicklung von Mini-U-Booten verschrieben, die eines Tages auch mal im menschlichen Körper patrouillieren sollen. Ein Prototyp war auf der Expo zu bewundern.

Beim Rennen, die ersten Nano-Roboter für medizinische Einsätze im Innern des Menschen zu entwickeln, muss sich Microtec allerdings der Konkurrenz aus den USA erwehren. Forscher von der Utah State University haben jüngst einen Motor für die winzigen U-Boote vorgestellt (Nanomaschinen mit Biomotoren). Sie wollen schwimmende Bakterienzellen an einen Propeller aus Silizium heften, der diesen in Schwung bringen und mechanische Energie erzeugen soll. Momentan ist das Ganze allerdings noch eine Computersimulation. Forscher vom Department for Agricultural and Biological Engineering an der Cornell University sind dagegen schon einen Schritt weiter. Der Bio-Ingenieur Carlo Montemagno behauptete zumindest in der Zeitschrift Science Ende November, die "erste richtige Nano-Maschine" erfunden zu haben. Kern seines "nano-elektromechanisches Systems" (Nems) ist ein Biomolekular-Motor, der ähnlich funktioniert wie der U-Boot-Antrieb der Forscher aus Utah: Angetrieben wird er nach demselben Prinzip, mit dem sich die Kraftwerke der menschlichen Zellen mit Energie versorgen (Biomotoren für Nanomaschinen).

Als ideologisches Zentrum für die Fortentwicklung der Nanotechnologie hat sich das Foresight-Institute herauskristallisiert. Kein geringerer als Eric Drexler hat das weitgehend virtuelle Forschungszentrum gegründet, das seinen Stammsitz am Rande der Berge von Los Altos oberhalb des Silicon Valley hat. Dort fließen die neuesten Entwicklungen rund um die Nanotechnologie dann auch zusammen mit den kühnsten kalifornischen Hightech-Träumen von der Unsterblichkeit des Menschen: Der Nano-Guru ist bekennender Extropianer, einer vor allem im Westen der USA verbreiteten "Sekte" (Lust nach Laune und Leben ohne Ende), die das Leben nach dem Tod nicht im Himmel, sondern auf Erden erwartet (Vorbereitung auf die Zukunft).

Dazu lassen sich die Extropianer nach ihrem Ableben gemäß der Regeln der Kryonik der Kunst des Einfrierens des menschlichen Körpers, kalt stellen - in der Hoffnung, dass in Zukunft die Nanomedizin so weit fortgeschritten ist, dass die Reparatur ihres Geistes und Körpers möglich ist. Da das Einfrieren der gesamten menschlichen Hülle mit 120 000 Dollar zu Buche schlägt, entscheiden sich die meisten Extropianer allerdings für die 50 000 Dollar teure Minimalvariante, bei der nur der Kopf als Träger des Bewusstseins ins Eisbad getaucht wird. Den passenden Körper dazu werden die fleißigen Nanoroboter ja vermutlich auch noch zusammenbauen können.

Drexler selbst hält sich aufgrund zahlreicher Anfeindungen aus den Reihen seriöser Naturwissenschaftler inzwischen im Hintergrund der Szene, vermeidet öffentliche Auftritte und werkelt am Institute for Molecular Manufacturing in Palo Alto an seinen Nano-Maschinen. Als Sprachrohr des Foresight-Institute fungiert nun Ralph Merkle, der maßgeblich an der Entwicklung der Public-Key-Verschlüsselung beteiligt war und daher einen Ruf als ernst zu nehmender Forscher zu verteidigen hat. PR für Foresight zu betreiben, ist spätestens seit den Kassandra-Rufen des Sun-Mitbegründers Bill Joy keine leichte Aufgabe: Der Softwaretechniker sieht in der Nanotechnologie eine der größten Gefährdungen der menschlichen Zukunft Angst vor der Zukunft. Seine Warnrufe aus dem vergangenen Frühjahr haben hier zu Lande mit einiger Verspätung sogar einen "neuen" Feuilleton-Journalismus hervorgerufen, dem sich vor allem die FAZ verschrieben hat.

Merkle hält Joys Befürchtungen allerdings für unbegründet und widersetzt sich einem Forschungsstopp im Bereich Nanotechnologie. Im Gegenteil, als wissenschaftlicher Kopf treibt der Kämpfer die Entwicklung der von Drexler visionierten Nanofabriken bei der texanischen Firma Zyvex) voran, die sich selbst als "erstes Startup" der molekularen Nano-Ära sieht. Stefan Krempl sprach für Telepolis mit dem Computerwissenschaftler, der seinen Kopf in guter Extropianermanier der Nachwelt erhalten will.

Nanotechnologie schickt sich an, neben dem Internet und der Gentechnik zum nächsten großen Hype in den Medien und an den Börsen zu werden. Welche Potenziale gibt es tatsächlich und um was geht es bei dem blumigen Begriff genau?
Ralph Merkle: Es gibt viele Definitionen und Forschungsrichtungen rund um die Nanotechnologie. Die interessanteste Entwicklung ist meines Erachtens, dass wir in der Lage sein werden, Atome und Moleküle auf fast der gesamten Bandbreite umzugruppieren, die uns die physikalischen Gesetze vorgeben. Und zwar ohne große Kosten. Dieses Konzept der Nanotechnologie geht auf eine visionäre Rede von Feynman von 1959 zurück. Fortentwickelt wurde es 1986 von Drexler in seinem Buch "Engines of Creation" und auf einer technisch detaillierteren Ebene 1992 in "Nanosystems", wo es um den Bau molekularer Maschinen geht.
Das Interesse an der Nanotechnologie wird momentan immer größer, weil die Potenziale enorm sind. Heutige Herstellungsmethoden verschieben Atome in statischen "Rudeln". Die dabei entstehenden Anordnungen sind sehr ungenau, man bekommt nie das, was man eigentlich will. In Zukunft werden wir dank Nanotechnologie fähig sein, die meisten Strukturen und Neuanordnungen von Atomen zu erstellen, die mit den physikalischen Gesetzen irgendwie in Einklang zu bringen sind.
Wir erwarten also vor allem eine Revolution im gesamten Produktionsbereich, verbunden mit der Möglichkeit, eine viel größere Bandbreite an Produkten für einen geringeren Preis herzustellen, die zudem viel zuverlässiger sind. Die Sachen werden viel robuster sein und auch viel leichter. Ihre Herstellung wird weniger Umweltverschmutzung verursachen. Die Produkte werden ganz allgemein einfach in allen Beziehungen besser sein.
Welche konkreten Anwendungen von Nanotechnologie können Sie sich vorstellen? Der PC-Revolution scheint ja langsam der Dampf auszugehen. Welche neuen Möglichkeiten der Datenverarbeitung könnte die neue Technologie bringen?
Ralph Merkle: Die ersten Applikationen werden sicher im Computerbereich liegen, beim Bau besserer Rechner insgesamt. Computer-Hardware wird auf jeden Fall deutlich leistungsfähiger werden. Ich denke, dass die Nanotechnologie sogar einer der wichtigsten Bestandteile für die Produktion der schnellsten Rechner dieses Jahrhunderts sein wird. Die Technologien, mit denen sich Computer modifizieren lassen, werden dann in die Herstellung anderer Produkte einfließen, zunächst vermutlich im Bereich Medizin.
Die Ursachen für Krankheiten und einen schlechten Gesundheitszustand liegen häufig an Schäden auf der molekularen Zellebene. Dazu kommt, dass die chirurgischen Werkzeuge sehr groß und unpräzise sind. In Zukunft werden wir chirurgische Geräte für den molekularen Bereich haben. Sie werden genau dort ansetzen, wo ein Schaden aufgetreten ist, und ihn beheben. Das wird zu einer medizinischen Revolution führen und Eingriffe in Fällen ermöglichen, die heute als durch und durch hoffnungslos gelten. Das Foresight-Institut hat zum Thema Nanomedizin vor kurzem bereits ein Buch veröffentlicht.
Ein anderes Gebiet, das sehr viel Interesse weckt, ist der Umweltschutz. Bei einer präzisen Produktionsmethode, die sehr gute Kontrollmöglichkeiten auf der molekularen Ebene bietet, werden weniger Schadstoffe verursacht. Es könnten zwar Überschüsse an Schwefel entstehen. Aber in der Form von Baustoffen, die man wieder verkaufen kann, und nicht in der Form von giftiger Dämpfe, die durch den Schornstein in die Atmosphäre entweichen. Wir stehen also vor einer schadstofffreien Produktionsmöglichkeit. Umweltverschmutzung im heutigen Sinne wird es nicht mehr geben.
Der KI-Forscher Ray Kurzweil geht noch einen Schritt weiter. Ihm schweben Nanoroboter vor, die unsere Gehirne scannen.
Ralph Merkle: Es gibt natürlich viele Anwendungsmöglichkeiten, die zumindest technisch möglich sind. Aber ich weiß nicht, wie viele Leute sie wirklich verfolgen wollen. Wir müssen erst abwarten, wie die Details funktionieren. Es ist immer eine viel schwierigere Frage, sich die tatsächlichen Wünsche der Menschen vorzustellen, als das, was zunächst technisch machbar erscheint. Ich denke, es ist klar, dass die Leute eine bessere medizinische Versorgung möchten, und dass wir das auch leisten können.
Wenn wir auf der anderen Seite über die exotischeren Möglichkeiten sprechen, so kann es durchaus sein, dass sie angenommen und häufig verwendet werden. Aber es ist auch möglich, dass keiner sie haben möchte und sie daher nicht verwirklicht werden.
Die von Ihnen genannten Anwendungsmöglichkeiten klingen verheißungsvoll. Aber "Eingriffe auf atomarer Ebene" hört sich für Viele nicht gerade beruhigend an. Bill Joy fordert sogar einen Forschungsstopp. Ist diese Technologie überhaupt sicher zu bekommen?
Ralph Merkle: Bill's Vorschlag ist unbrauchbar, weil wir ohne Forschung keine Grundlage für eine öffentliche Diskussion und für die politische Entscheidungsfindung haben. Wir müssen uns natürlich mit seiner Besorgnis auseinandersetzen. Aber der Nanotechnologie die kalte Schulter zuzuwenden, halte ich am Ende für gefährlicher. Je besser wir die Technologie verstehen, je mehr wir forschen, desto besser und sicherer können wir sie auf eine zukünftige Stufe bringen, wo sie uns allen nützt. Nur so werden wir die Risiken vermeiden, die verständlicherweise auftreten könnten.
In Zusammenhang mit der Nanotechnolgie wird häufig das Konzept der "Selbstreplikation", der automatischen "Fortpflanzung", genannt. Bedeutet Selbstreproduktion nicht auch, dass die "Nanofabriken" außer Kontrolle geraten könnten?
Viele Leute denken bei "Selbstreproduktion" sofort an lebende Systeme und sind daher so besorgt. Das ist verständlich, da lebende Systeme momentan das einzige Beispiel für die Selbstreproduktion sind. Biosysteme haben sich eine ganze Bandbreite an Möglichkeiten erschlossen. Sie können sich auf komplexe Umwelten einstellen und in einer natürlichen Welt gedeihen, die gleichzeitig aber ziemlich feindlich ist gegenüber den mechanischen Systemen und Maschinen, über die wir im Bereich Nanotechnologie sprechen.
Ein Beispiel: Autos und Pferde sind beides Transportmittel. Doch ein Auto unterscheidet sich sehr stark von einem Pferd. Die Vorstellung von einem Auto, das in die Wälder galoppiert und dort den Harz von den Bäumen abnagt, ist nicht besonders sinnvoll. Einer der wichtigsten Unterscheidungsgründe zwischen einem Pferd und einem Auto ist, dass Pferde sich an ihre Umwelt angepasst haben, dass sie in einem Evolutionsprozess stehen und eben lebende Systeme sind. Sie können von einer Vielzahl von Nahrungsmitteln leben, können Stroh, Zucker, Karotten, Heu oder Kartoffeln essen. Viele Dinge versorgen sie mit Energie und Aufbaustoffen.
Ein Auto braucht dagegen Benzin. Es funktioniert nicht, wenn man die Benzinzufuhr unterbricht. Man muss es ständig mit Ersatzteilen am Laufen halten, und ohne Straßen würde man damit auch nicht weit kommen. Ein Auto funktioniert in einer sehr engen und sehr künstlichen Umwelt. Es ist sehr nützlich für uns, weil es in dieser künstlichen Umgebung sehr gut arbeitet. Aber es besitzt ganz gewiss nicht die wundervolle Anpassungsfähigkeit eines lebenden Organismus.
Nanosysteme könnten in ihrer beschränkten Funktionalität also mit den Autos von heute vergleichbar sein?
Ralph Merkle: Wenn Sie sich mit künstlichen, sich selbst reproduzierenden Produktionssystemen beschäftigen, werden Sie rasch feststellen, dass es viel schwieriger ist, ein anpassungsfähiges System zu entwerfen als ein simples mechanisches, das zwar Kopien von sich machen kann, aber außerhalb seiner spezifischen, künstlichen Umwelt nicht funktionieren kann. Beispielsweise ist das Arbeiten mit einer einzelnen Energiequelle viel ökonomischer, und ein derart angelegtes Werkzeug einfacher zu entwickeln. Gleichzeitig wird ein solches Gerät unbrauchbar, wenn man die eine Energiequelle abstellt, also etwa dem Auto das Benzin abdreht. Die Vorstellung, dass eine Sache, die speziell auf die Funktion in einer sehr einfachen Umgebung zugeschnitten ist, plötzlich auch in einer natürlichen Umwelt effektiv arbeitet, stimmt einfach nicht mit unserem Verständnis von der Operation mechanischer Systeme überein.
Was wir beim Design der auf Nanotechnologie beruhenden Produktionssysteme also immer im Blick haben sollten, ist die Entwicklung von Systemen, die von sich aus sicher sind und einfach nicht funktionieren außerhalb ihres sehr eingeschränkten Arbeitsumfelds.
Sie selbst haben die "Rundfunk-Architektur" als eine Möglichkeit beschrieben, eine sichere Produktionsumgebung im Nanobereich zu schaffen. Wie soll das funktionieren?
Die Rundfunk-Architektur ist eine der natürlichsten Herangehensweisen an eine effiziente, ökonomisch nützliche Entwicklungsumwelt. Dabei werden Instruktionen an Maschinen geschickt, die ihnen im Produktionsprozess folgen. Das bedeutet, dass ein sich selbst reproduzierendes Gerät keine Anweisungen "an Bord" hat, die es für die Herstellung eines ganz anderen Geräts gebrauchen könnte. Es weiß einfach nicht, wie man Dinge herstellt, die nicht identisch mit ihm selbst sind. Damit das Fabrikationsgerät überhaupt funktioniert, muss man ihm zudem ständig die nötigen Instruktionen schicken. Ökonomisch ist das vielversprechend, da der Zweck dieser Produktionssysteme ja die Fertigung von Produkten ist und man dabei auch die Möglichkeit haben möchte, den Herstellungsprozess hin und wieder rasch umzustellen, so dass die Maschine einmal diese, ein andermal jene Produkte fertigt.
Das kann durch eine Rundfunk-Architektur leicht erreicht werden, die somit große Vorteile gegenüber komplexeren Systemen hat, die immer größere Speicher, Instruktionen, Decoder und Kopierfähigkeiten mit sich herum schleppen müssen, damit ein Gerät einen Klon von sich selbst herstellen kann. Der zweite Vorteil ist die Sicherheit dieses Schemas: Nehmen wir an, Sie spülen ein nur über eine Rundfunk-Architektur reproduktionsfähiges Gerät die Toilette hinunter. Es kann dann nicht mehr funktionieren, weil es keine Anleitungen mehr erhält. Schaut man sich einzelne Vorschläge für Systeme mit künstlicher Selbstreproduktion genauer an, so stellt man immer wieder fest, dass solche, die nicht mit den Adaptionsfähigkeiten lebender Systeme ausgestattet sind, am besten funktionieren.
Aber kommen wir da nicht in ähnliche Probleme wie mit dem Internet? Das war zwar nicht als "sicheres" Medium konzipiert worden, doch die meisten Versuche, es jetzt sicher zu machen, laufen ins Leere. Könnten Cracker auch für die Produktion von Nanotechnologie und insbesondere für die Rundfunk-Architektur ein Problem darstellen?
Ralph Merkle: Während wir diese neue Technologie weiter entwickeln, müssen wir grundsätzlich dafür sorgen, dass wir von sich aus sichere Ansätze wählen. Ich denke, dass wir durch eine Kombination aus Aufklärung und Leitlinien erreichen können, dass alle involvierten Forscher sich darüber im Klaren sind, dass wir nur sichere Wege verfolgen können.
Sollte die Entwicklung einem geschlossenen oder öffentlichen Forschungsansatz verpflichtet sein?
Meiner Meinung nach ist es immer noch etwas unklar, in welchem Ausmaß die Forschung offengelegt werden sollte. Wir müssen natürlich darauf achten, dass die Grundkonzepte öffentlich bekannt sind und dass die Leitlinien der Technologieentwicklung jeder verstehen kann. Ob Details immer gleich offengelegt werden sollen, ist eine umstrittene Frage. Aber grundsätzlich müssen die Leute natürlich verstehen, um was es bei Nanotechnologie geht, was sich damit erreichen lässt, was nicht, und wo es in Zukunft hingeht.
Die Technologiegeschichte hat gezeigt, dass geschlossene Systeme in der Regel schlechter arbeiten als offene und vor allem unsicherer sind. Was halten Sie von einem Open-Source-Ansatz für die Nanotechnologie?
Ralph Merkle: Einen großen Teil des Entwicklungsprozesses sowie der Funktionsfähigkeiten des Systems offen zu halten, ist sicher ein interessanter Weg. Besorgnis erregend ist dabei natürlich, dass bei einem vollkommen offenen System Leute mit bösen Absichten die verfügbaren Ressourcen für den Bau von Waffensystemen nutzen könnten. Über beide Punkte wird momentan viel debattiert. Offene Entwicklungen sind offensichtlich mit der kaum zu unterschätzenden Möglichkeit verbunden, die Technologie zu verstehen, und sicherzustellen, dass sie sich in die richtige Richtung entwickelt. Andererseits öffnet die vollständige Offenheit Missbrauchsmöglichkeiten.
Ich vermute daher, dass wir im Laufe der Zeit eine offene Diskussion über die Funktionsfähigkeiten von Nanosystemen im Gange halten. Einzelne Details werden aber entweder nicht allgemein öffentlich oder sogar ganz geheim sein.
Jede Technologie hat Nebeneffekte. Was sind die größten Risiken, die mit der Nanotechnologie verbunden sind?
Ralph Merkle: Nun, bei einem angemessenen Design von Nanotechnologie sieht es so aus, als ob sie allen nützlich sein würde. Bedenken werden hauptsächlich über einen möglichen Missbrauch der Technologie geäußert. Anders ausgedrückt: wenn sich damit Waffensysteme fabrizieren lassen, die sich für die Kriegsführung eignen, so ist das natürlich ein Anlass zur Sorge. Und neue Technologien wurden bisher immer für die Produktion neuer Waffen verwendet. Das wird bei dieser neuen Technologie wohl kaum anders sein. Und sobald neue Waffensysteme am Horizont erscheinen und Politiker neu mit den damit potenziell einher gehenden Veränderungen für die bestehende globale Sicherheitsstruktur umgehen müssen - so wie das momentan mit den so genannten "Cyberwaffen" der Fall ist -, dann haben wir eine Periode, in der der Einfluss dieser neuen Systeme genauso unklar ist wie die Doktrin über ihren Einsatz. Während dieser Zeitschiene ist die Gefahr für Verwirrung groß und das ist auch die Phase, vor der man die größten Bedenken haben muss.
Ich glaube aber, dass das auch ein Feld ist, in dem internationale Diskussionen, Rüstungskontrollverträge und Überprüfungen gut greifen. Grundsätzlich müssen wir die Tatsache, dass es sich bei Nanotechnologie auch um die Ausbildung neuer Waffensysteme handelt, noch stärker untersuchen und dann entsprechend reagieren.
Wie weit ist die Forschung wirklich fortgeschritten? Man liest derzeit ja viel über die Erwartungen, aber ist die Nanotechnologie nicht mehr oder weniger noch im Fantasiestadium?
Ralph Merkle: Es ist alles noch ganz am Anfang. Einige Wissenschaftler glauben, dass diese ganze Diskussionen über Waffensysteme und sich selbst reproduzierende Desaster reiflich verfrüht sind, weil die Technologie noch in einer so frühen Entwicklungsstufe ist. Ich persönlich denke, dass wir die Diskussion jetzt, wo wir noch weit entfernt sind vom Einsatz der Nanotechnologie, beginnen sollten, weil dann alle nicht so unter Druck stehen. In der Anwendungsphase existiert dann bereits ein größeres Wissen über die Technologie in der Öffentlichkeit und wir können uns mit einer Geschwindigkeit weiter bewegen, die uns angebracht erscheint.
Es gibt mit Zyvex bereits ein Startup im Bereich der molekularen Nanotechnologie in Texas, an dessen Gründung Sie mit beteiligt waren. Was haben Sie dort vor?
Ralph Merkle: Ich bin als Forschungschef bei Zyvex beschäftigt. Es ist die erste Startup-Firma im Bereich der molekularen Nanotechnologie und wir haben uns der Entwicklung dieses Sektors verschrieben. Um es aber noch einmal zu betonen: Wir sind noch Jahrzehnte davon entfernt, eine vollständige Technologie vorweisen zu können. Wir glauben aber, dass wir zwischenzeitlich einige Möglichkeiten entwickeln können, die bei weitem nicht so dramatisch sind wie die langfristigen Forschungsvorschläge. Sie werden für uns aber sicher eine kontinuierliche Einnahmequelle darstellen und uns so positionieren, dass wir die Nanotechnologie ihrem vollen Verständnis entsprechend entwickeln können. (Stefan Krempl)
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