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Nasenspray gegen Fremdenfeindlichkeit?

Bild: PiccoloNamek/CC BY-SA-3.0

Hirnforschung und der "Bessere Mensch"

Wir leben in herausfordernden Zeiten. Täglich erfahren wir aus den Medien etwas über neue Probleme aus allen Teilen der Welt. Da scheint es verlockend, sich die Menschen, die diese Probleme verursachen, genauer anzuschauen.

Ein Forscherteam um den Bonner Psychiatrieprofessor Rene Hurlemann [1] mag sich so etwas gedacht haben, als es dieses Experiment plante: Lassen sich fremdenfeindliche Menschen mit der als "Kuschelhormon" bekannten Substanz Oxytocin toleranter machen? Die Untersuchung [2] erschien Ende August in der namhaften Zeitschrift PNAS.

Kritik am Experiment

Das Experiment lässt sich auf viele Weisen kritisieren: Beispielsweise war die als "fremdenfeindlich" ausgewiesene Gruppe gar nicht besonders fremdenfeindlich, sondern vor allem geizig. Zudem galt der Verhaltenseffekt auf die dank dem Hormon und sozialem Normdruck etwas höheren Spenden nicht spezifisch für Flüchtlinge, sondern auch für deutsche Bedürftige.

Dass die Peer-Reviewer und die Redaktion von PNAS die Studie dennoch unter dem Titel der Xenophobie/Fremdenfeindlichkeit passieren ließen, ist ein inhärentes Problem der wissenschaftlichen Publikationskultur. Diese Zeitschriften sind nämlich von Zitationen und Aufmerksamkeit abhängig, ihre redaktionellen Entscheidungen intransparent und keiner unabhängigen Kontrolle unterworfen. Darüber schrieb ich kürzlich erst (Warum die Wissenschaft nicht frei ist: Der Fluch unseres Publikationswesens [3]). Die aufmerksamkeitsökonomische Rechnung ging jedenfalls auf: Der Artikel ist einer der meistgelesenen [4] der Zeitschrift.

Der Autor im Gespräch über die Studie von Hurlemann und Kollegen für das 3sat-Magazin Kulturzeit vom 3. November 2017 [5]. Bild: Screenshot

Ethische Probleme

Wegen einer noch zu erscheinenden ausführlicheren Diskussion der Studie will ich diesmal nicht näher auf die experimentellen Details eingehen. Kritikwürdig und für eine breite Öffentlichkeit relevant scheint mir aber dieser wichtige ethische Aspekt: Für die vorliegende Studie haben sich Beamte und Psychiater des Landes Nordrhein-Westfahlen, finanziert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft, federführend Gedanken darüber gemacht, ob sich die Meinung einer ganzen Bevölkerungsgruppe psychobiologisch manipulieren ließe, eben durch einen hormonellen Eingriff in die Hirnaktivität.

In der Tradition des europäischen Humanismus, auf der auch unsere Demokratie und unser Rechtsstaat fußen, beruht politische Meinungsbildung aber nicht auf Propaganda, Drohungen, Zwang oder gar direkten Eingriffen ins Gehirn; sie geschieht ausschließlich durch Überzeugungsversuche mit Argumenten und Gründen.

Toleranz für andere Meinungen

Wenn jemand am Ende eines solchen Diskussionsprozesses immer noch anderer Meinung ist, dann gebietet es der Respekt vor unserem kulturellen Erbe, dem Menschen diese Meinung zu lassen - darum sind Gewissens- und Meinungsfreiheit als unveränderlicher Kern unseres Grundgesetzes und unserer Gesellschaft sogar von einer Ewigkeitsklausel geschützt (Artikel 79, Absatz 3).

Daher halte ich es für sehr problematisch, wenn Beamte und Psychiater sich nicht nur Gedanken darüber machen, sondern sogar in Experimenten untersuchen, ob sich die Meinung von Bürgerinnen und Bürgern psychobiologisch beeinflussen lässt - eben durch die Gabe von Oxytocin in Kombination mit sozialem Normdruck (konkret ging es um die Information, dass die Mitglieder einer anderen Gruppe spendenwilliger waren). Das Ganze wird jedoch aberwitzig, wenn man es mit dem Gestus tut, der Demokratie einen Gefallen tun zu wollen.

Gesellschaftlicher Bärendienst

Das Gegenteil ist nämlich der Fall: In einer Zeit, in der Menschen den Medien und dem Staat immer mehr misstrauen, gießen die Forscherinnen und Forscher bloß Öl ins Feuer. So liefern Rene Hurlemann und Kollegen den misstrauischen Bürgerinnen und Bürgern einen Präzedenzfall dafür, dass ihre Sorgen berechtigt sind.

Man hat auch gerade erst gesehen, dass die unbeholfenen Ausgrenzungsversuche des Establishments und voreilige Nazivergleiche Wasser auf die Mühlen der "Alternative für Deutschland" waren, die jetzt mit über 10% der Stimmen drittstärkste Fraktion im Deutschen Bundestag geworden ist. Auch hier ging der Versuch, mit psychologischem Druck zu arbeiten, nach hinten los.

Selbst wenn es manchen nicht passt: Freiheit ist immer auch Freiheit der Andersdenkenden. Wer versucht, die Demokratie durch Meinungsmanipulation zu retten, beschädigt sie vielmehr. Auch im US-Wahlkampf schadeten Hillary Clinton, von vielen als ehrlichere Alternative zu Trump hochgehalten, der unehrliche Umgang mit parteiinterner Konkurrenz sowie moralisch zweifelhafte Spendenverbindungen. Und auch wenn man Fremdenfeindlichkeit aus guten Gründen ablehnen mag, ist diese Gesinnung keine Straftat.

Wir haben einen Rechtsstaat zur Verfolgung von Gewalt- und Terrorakten und nicht von Meinungen, die uns nicht gefallen. Daher werden wir nicht darum herumkommen, uns demokratisch mit Fremdenfeindlichkeit auseinanderzusetzen. Wie gut das den privilegierten Damen und Herren mit ihrer Vorbildfunktion im 19. Bundestag gelingen wird, werden wir in den kommenden Jahren sehen.

Utopie des besseren Menschen

Rene Hurlemann und Kollegen sind tatsächlich nicht die ersten, die die Hirnforschung in Stellung bringen, um einen neuen, besseren Menschen zu schaffen. Die Enhancement-Diskussion (Stichwort: Gehirndoping) ist ein anderes Beispiel (Gehirndoping und die süchtige Arbeitsgesellschaft [6]). Die gesellschaftliche Diskussion hierum entschärften liberale bürgerliche Ethiker mit dem Hinweis, dass Menschen ja aus freien Stücken zu Psychopharmaka oder anderen Neuro-Technologien griffen. Sie kamen nicht darauf, dass immer mehr Menschen Angst vor sozialem Abstieg und Ausgrenzung haben und daher zu diesen Mitteln greifen, die mehr Leistungsfähigkeit versprechen (Lieber Anpassung als Abstieg [7]).

Ein besonders problematischer Vorschlag kommt von keiner geringeren als der schwedischen Bioethikerin Kathinka Evers [8] von der Uppsala Universität: Sie machte den Vorschlag [9], neurowissenschaftliches Wissen derart zu verwenden, dass Intoleranz und Aggressivität biologisch-genetisch aus dem Menschengeschlecht verbannt werden. Tatsächlich hält sie dies sogar für eine moralische Pflicht (siehe hier meine Replik [10]).

Man züchte sich ein Menschengeschlecht

Das Ziel dieser Intervention sind Kinder und Jugendliche, also gerade solche Menschen, die im Allgemeinen als nicht oder jedenfalls nicht voll einwilligungsfähig angesehen werden. Einen Begriff wie "Automonie" oder "Selbstbestimmung" sucht man im Denken der Ethikerin vergeblich. Dabei muss man wissen, dass Evers im Milliardenprojekt der EU, dem Human Brain Project [11], mit der Leitung des ethisch-sozialen Forschungsteils bedacht wurde. Ein Schelm, wer jetzt denkt, auf solche Ethik-Posten würde man bewusst Akademiker setzen, von denen man keine Querschüsse zu befürchten hat.

Man sollte jedoch auch mit der Kritik an Hurlemann und Kollegen nicht übers Ziel hinausschießen. Sie gehen nicht so weit, den Einsatz von Oxytocin-Spray auf der nächsten Versammlung von Rechtsradikalen zu empfehlen. Dennoch unterstreichen sie die soziale Relevanz ihrer Studie mit Blick auf gesellschaftspolitische Entwicklungen - und stellen sie konkrete Vermutungen dazu auf, unter welchen Umständen man das Hormon am effizientesten einsetzen könnte.

Generelle Kritik an Oxytocin-Forschung

Zum Schluss möchte ich noch erwähnen, dass man die ganze Oxytocin-Forschung nicht zu ernst nehmen sollte. Schon vor Jahren wurden Witze gemacht, dass etwa Gebrauchtwagenhändler ihren Kunden mit Oxytocin-Spray Vertrauen einflößen und so das Geld aus der Tasche ziehen könnten. Tatsächlich dürfte es sich hierbei genauso um einen Hype und Mythos der Hirnforschung handeln, wie schon bei den "Spiegelneuronen".

In letzter Zeit mehren sich dann auch kritische Berichte zu den Oxytocin-Studien (Zweifel an Aussagekraft von Oxytocin-Studien [12]). Die Kritik ist sogar schon bei Kabarettisten wie John Oliver angekommen, die - völlig zu Recht - weitreichende Versprechen von Forschern wie Paul Zak, einer der Pioniere der Oxytocin-Studien, auf die Schippe nehmen [13].

Problemfälle der Psychiatriegeschichte

Doch würde man von deutschen Psychiatern etwas mehr historische Feinfühligkeit erwarten: Wie oft sind denn schon die Versuche schief gegangen, Menschen durch Pillen, Spritzen, Elektroschocks oder gar Gehirnoperationen an gesellschaftliche Normen anzupassen? Während der beiden Weltkriege waren es die "Kriegszitterer", noch bis in die 1970er Jahre die Schwulen.

Es ist die Aufgabe der Psychiatrie, psychisch kranken Menschen zu helfen, nicht politische Probleme zu lösen. Allein schon der Gedanke, soziale Probleme im Gehirn von Individuen zu behandeln, birgt politischen Zündstoff (Wenn Psychologie politisch wird: Milliarden zur Erforschung des Gehirns [14]). Er dekontextualisiert und depolitisiert, um zwei Fachbegriffe aus der soziologischen Diskussion zu verwenden.

Mit anderen Worten: Er entfernt etwa das Problem Fremdenfeindlichkeit aus dem Kontext, in dem es entsteht, nämlich unserer Gesellschaft, und verschleiert damit auch die sozialen Ursachen solcher Gesinnungen. Gerade jemand, dem nach eigenem Bekunden die Lösung des Problems am Herzen liegt, sollte sich nicht an so einem Ablenkungsmanöver beteiligen.

Dieser Artikel erscheint ebenfalls im Blog "Menschen-Bilder" [15] des Autors.


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-3879349

Links in diesem Artikel:
[1] http://renehurlemann.squarespace.com/
[2] http://www.pnas.org/content/114/35/9314.full
[3] https://www.heise.de/tp/features/Warum-die-Wissenschaft-nicht-frei-ist-3848840.html
[4] http://www.pnas.org/reports/most-read
[5] http://www.3sat.de/mediathek/?mode=play&obj=69890
[6] http://www.heise.de/tp/features/Gehirndoping-und-die-suechtige-Arbeitsgesellschaft-3503716.html
[7] http://www.heise.de/tp/features/Lieber-Anpassung-als-Abstieg-3503673.html
[8] http://www.crb.uu.se/staff/kathinka-evers/
[9] http://open-mind.net/papers/can-we-be-epigenetically-proactive
[10] http://open-mind.net/papers/should-we-be-epigenetically-proactive-a-commentary-on-kathinka-evers-and-jean-pierre-changeux
[11] http://www.humanbrainproject.eu/en/
[12] http://www.heise.de/tp/features/Was-kann-das-Kuschelhormon-wirklich-3223166.html
[13] https://youtu.be/0Rnq1NpHdmw?t=9m55s
[14] https://www.heise.de/tp/features/Wenn-Psychologie-politisch-wird-Milliarden-zur-Erforschung-des-Gehirns-3340016.html
[15] http://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/