Nasenspray zum Wachbleiben

Mit der Einnahme eines Neuropeptids kann die kognitive Leistungsfähigkeit trotz Schlafentzugs wiederhergestellt werden

Zu wenig Schlaf gehört zum modernen Krieg, erklärt die Darpa, die Forschungsbehörde des Pentagon. Um die Leistung der Soldaten trotz Schlafentzugs über längere Zeit aufrecht zu erhalten, wurde vom Defense Science Office (DSO) ein Programm unter dem Titel Verhinderung von Schlafentzug aufgelegt, das vor allem die Auswirkungen der Müdigkeit auf die kognitiven und psychomotorischen Leistungen beheben soll.

Soldaten greifen schon mal zu Amphetaminen wie Dexedrin oder anderen Aufputschmitteln wie Modafinil (Gehirn-Doping: Augen geradeaus), um im Einsatz wach zu bleiben (Soldaten auf Speed). Kampfflugzeugpiloten wurde dies auch mehr oder weniger nahe gelegt, wenn sie längere Einsätze fliegen. Allerdings könnte eine Folge davon sein, dass die Piloten auf Speed schon einmal auf falsche Ziele feuern oder gar Mitkämpfer wie in Afghanistan unter "friendly fire" nehmen.

Die Darpa sucht nach neuen Medikamenten und Mitteln, die wach halten. Wirkstoffe könnten die "neuronale Übertragung" verbessern oder die Neurogenese fördern. Man denkt auch an kognitives Training oder die Transkranielle Magnetische Stimulation (TMS) als Muntermacher. Im Rahmen des Darpa-Programms haben nun Wissenschaftler der Wake Forest University Health Sciences und der University of California, Los Angeles, ein Nasenspray an Rhesus-Affen mit Erfolg getestet, das die kognitiven Folgen von Übermüdung beseitigt.

Bekannt ist schon länger in der Forschung, dass die Orexine A und B bzw. Hypocretin 1 und 2 eine wichtige Rolle im Schlaf-Wach-.Zyklus, bei der Nahrungsaufnahme und bei der Regulierung der Kognition spielen. Die Neuropeptide werden vorwiegend im Hypothalamus produziert Im Gehirn fördern die Orexine die Freisetzung des Neurotransmitters Acetylcholin, der für viele kognitive Prozesse bedeutsam ist und so die Wachheit bzw. kognitive Leistungsfähigkeit stärkt. Orexine spielen bei vielen Erkrankungen, die mit Müdigkeit verbunden sind, eine Rolle (Narkolepsie, Parkinson etc.), überdies scheinen sie mit der Schmerzverarbeitung zu tun zu haben und die Schmerzempfindung zu senken. Wird die Aufnahme der Orexine unterdrückt, so kann damit Schlaf herbeigeführt werden, wie sich in Versuchen Menschen gezeigt hat.

Die US-Wissenschaftler schreiben in ihrem Artikel, der im Journal of Neuroscience erschienen ist, dass die intravenöse Injektion von Orexin A und noch stärker die Verabreichung durch eine Nasenspray Rhesus-Affen, die man 30-36 Stunden nicht schlafen ließ, unmittelbar wieder so leistungsfähig wie gut ausgeruhte Affen machten. Die Affen machten einen Kurzzeitgedächtnistest mit Bildern, der als Nachweis für Übermüdungsfolgen durch Schlafentzug verwendet wird. Eine Kontrollgruppe, die statt Orexin A eine Salzwasserlösung erhielt, zeigte keine Wirkungen.

Offenbar wird die Aufnahme durch ein Nasenspray erleichtert und führt zu einer höheren Glukose-Stoffwechsel im Gehirn, der für die Leistungssteigerung verantwortlich sein dürfte. Angeblich traten dabei nicht die üblichen Nebenwirkungen von Wachmachern wie Schwindelgefühle auf. Die Gehirne der Affen, die mit Orexin A behandelt wurden, glichen in Positronen-Emissions-Tomographien (PET) denen von wachen Affen.

Ob die Einnahme des Neuropeptids allerdings ein ungefährliche Mittel für Menschen sein könnte, um länger wach und leistungsfähig zu bleiben, ist damit keineswegs klar. Zwar könnten damit die kognitiven Folgen der Schlaflosigkeit kurzfristig beseitigt oder reduziert werden, trotzdem könnte sich diese weiterhin negativ auswirken, da Schlafstörungen mit zahlreichen Symptomen wie Kreislaufstörungen, Depressionen, Schwächung des Immunsystems etc.

Jerome Siegel, einer der beteiligten Wissenschaftler, ist sich der Probleme bewusst, die mit Versprechen eines Medikaments einhergehen können, das längere Wachheit und Leistungsfähigkeit erzeugt. Wir leben schon lange in einer Gesellschaft, die mit allen möglichen Mitteln, angefangen von Kaffee oder elektrischem Licht bis hin zu neuen Enhancement-Medikamenten wie Modafinil das Schlafbedürfnis bekämpft (Rund um die Uhr wach). Die Menschen selbst nutzen freiwillig oder unter Zwang die angebotenen Möglichkeiten, um länger wach und leistungsfähig zu sein (Gesellschaft auf Schlafentzug). Man wäre dumm, so Siegel, wenn man ein mögliches Mittel wie Orexin A verwenden würde, um den Schlaf möglichst kurz zu machen. (Florian Rötzer)

Anzeige