Nationaler Narzissmus am Beispiel des kollektiven Gedächtnisses vom Zweiten Weltkrieg

Hintergrundbild: Bundesarchiv, Bild 183-H26353 / Eric Borchert / CC-BY-SA 3.0

Menschen überschätzen nach einer Studie den Beitrag ihrer Länder, auffällig ist, dass die Bedeutung der einstigen Sowjetunion für den Sieg über Deutschland unterschätzt wird

Das Ende des Zweiten Weltkriegs liegt bereits 75 Jahre zurück. Die meisten Menschen, die jetzt leben, haben ihn und seinen Ausgang nicht selbst erlebt. Aber es gibt ein kollektives Gedächtnis, das durch Narrative in Erzählungen, Geschichtsbüchern, Filmen und Feiern gebildet wird, die nationale Identität prägt und dazu beitragen kann, Beziehungen zwischen Ländern und aktuelle Konflikte zu beeinflussen. Ein internationales Wissenschaftlerteam hat nun eruiert, welches Wissen Menschen in 11 am Zweiten Weltkrieg beteiligten Staaten über den Krieg haben und welchen Beitrag sie ihren Ländern für den Krieg und dessen Beendigung zuschreiben.

Den Ausgangspunkt der Studie, die in den Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS) erschienen ist, stellt die Erkenntnis dar, dass die Sicht sehr ethnozentrisch geprägt sein kann. In einer - allerdings nicht repräsentativen - Umfrage unter Studenten aus 35 Ländern sollten diese prozentual angeben, wie hoch der Beitrag ihrer Länder zur Weltgeschichte ist. Die Russen gaben 61 Prozent, die Inder 50 Prozent, die Italiener 40 Prozent an. Insgesamt summierten sich die Schätzungen auf über 1000 Prozent. Dieser Narzissmus funktioniert auch innerhalb eines Landes, die Bewohner der amerikanischen Bundesstaaten überschätzten ebenfalls deutlich deren Bedeutung für die USA. Und auch individuell neigen die Menschen narzisstisch zur Überschätzung ihres Anteils, beispielsweise wenn Paare gefragt werden, welchen Beitrag sie an der Haushaltsarbeit leisten.

"Wir haben den Krieg gewonnen"

Bekannt ist auch, dass die Amerikaner glauben, dass letztlich der Kriegseintritt der USA zum Sieg im Ersten und Zweiten Weltkrieg führte, woraus sich das Narrativ ableitet: "Wir haben den Krieg gewonnen." Das habe sich in Schulbüchern, Filmen, Erzählungen und den Erinnerungen der Soldaten niedergeschlagen. In Russland werde das sehr unterschiedlich betrachtet und gibt es ein anderes Narrativ.

Die Wissenschaftler sehen unterschiedliche nationale Narrative als bedeutsam an, weil sie die internationalen Beziehungen oder Nicht-Beziehungen prägen: "Als Russland beispielsweise 2008 in Georgien einmarschiert ist, unterschieden sich die Narrative der Invasion zwischen der russischen und der georgischen sowie internationalen Sicht stark. Dasselbe trifft zweifellos auf den israelisch- palästinensischen Konflikt, die Kontroverse zwischen der Türkei und Armenien oder zwischen Pakistan und Indien sowie vielen ähnlichen Kontroversen zwischen Nationen oder Menschen auf der Welt zu."

Befragt für die Studie wurden 1338 Menschen aus den Ländern der Alliierten (Australien, China, Frankreich, Großbritannien, Kanada, Neuseeland, Russland und den USA) sowie aus den damaligen Achsenmächten Deutschland, Italien und Japan. Sie füllten einen Multiple-Choice-Test aus, um ihre Kenntnisse über den Zweiten Weltkrieg zu prüfen. Dazu wurden die Menschen der Alliierten-Staaten gefragt, wie hoch prozentual der Beitrag ihrer Länder am Sieg war, gefolgt von der Frage, wie stark dazu prozentual andere Länder beigetragen haben. Die Menschen aus den ehemaligen Achsenländern wurden gefragt, welchen prozentualen Beitrag am Krieg von ihren Ländern, die sechs Jahre lange auf derselben Seite gekämpft haben, geleistet wurde. Danach sollten sie die zweite Frage beantworten, die identisch mit der zweiten der ersten Gruppe ist, wie viel prozentual die Alliierten zum Sieg beigetragen haben.

Beim Wissen unterscheiden sich die meisten Länder nicht erheblich. Am höchsten ist das Wissen bei den Russen, danach kommen Briten, Franzosen und Deutsche. Die größten Unterschiede gab es zu den Japanern und Chinesen. Sie wissen zwar ähnlich gut Bescheid über die Geschehnisse im Pazifik, aber deutlich weniger über die in Europa.

Was den Beitrag zum Sieg betrifft, so sehen die Russen den Anteil mit 75 Prozent weit über der Hälfte, bei den Amerikanern liegt der geschätzte Anteil bei 54 Prozent und bei den Briten bei 51 Prozent. Relativiert werden die Angaben, wenn der Anteil im Verhältnis zu den anderen Alliierten angegeben werden soll. Den sehen die Russen aber immer noch bei 67 Prozent, die Amerikaner bei 37 Prozent und die Briten bei 19 Prozent.

Der Durchschnitt bei den jeweils 10 übrigen Staaten (Alliierte und Achsenmächte) sieht dann noch einmal erheblich niedriger aus. Hier wird der Anteil Russlands (bzw. der damaligen Sowjetunion) mit 20 Prozent nur wenig höher als der Großbritanniens gesehen, während den USA mit 27 Prozent der größte Beitrag zugeschrieben wird. Insgesamt überschätzen die Menschen aus den Alliiertenstaaten die Beiträge und kommen anstatt auf 100, auf 309 Prozent, obgleich viele Staaten gar nicht eingeschlossen wurden.

Die Wissenschaftler haben nicht direkt gefragt, welchen Anteil ein Land der Achsenmächte an der Niederlage hatte, sondern dies in der Frage impliziert, welchen Anteil es am Krieg hatte. Die Deutschen sehen ihr Land mit 64 Prozent ihr Land am stärksten an der Niederlage beteiligt, die Japaner gehen von 47 Prozent und die Italiener von einem Anteil von 29 Prozent aus. Selbst bei der Ursache für die Niederlage und bei nur drei Staaten überschätzen die Menschen den Beitrag ähnlich wie die anderen den ihrer Länder für den Sieg. Ähnlich fiel der nationale Narzissmus bei der Einschätzung der Beiträge der Achsenmächte aus, wenn Menschen nicht, wie bei der ersten Umfrage durch eine amerikanische Universität online befragt wurden, sondern Studenten in ihrer Sprache und auf Papier.

Einseitige Narrative

Dass die Russen am besten die Fragen über den Zweiten Weltkrieg beantworten konnten und den Beitrag der Sowjetunion so hoch einschätzten, dürfte daran liegen, so die Wissenschaftler, dass der Große Patriotische Krieg eine so große Rolle für den Nationalstolz spielt. Dagegen sehen die Menschen aus den 10 anderen Ländern den Anteil Russlands als deutlich geringer und auch als geringer als den der USA an. Das könnte eine Folge der westlichen Populärkultur in Filmen, Fernsehsendungen, Büchern etc. sein, die viel stärkeres Gewicht auf die Ereignisse an der Westfront als auf die an der Ostfront legen.

Die Wissenschaftler erinnern daran, dass die Sowjetunion bei einer Schlacht, beim Kampf um Stalingrad, mit 1,1 Millionen 2,4 Mal mehr Soldaten verlor als die USA im gesamten Krieg (416.000). Zudem würden die meisten Historiker die Schlacht um Stalingrad als den Wendepunkt des Krieges mit der ersten großen Niederlage von Hitlers Streitkräften sehen. Die Schlacht um Kursk sei 1943 eine weitere entscheidende Niederlage für Hitler gewesen, von der aber kaum jemand außerhalb der früheren Sowjetunion wisse. Es sei daher nicht verwunderlich, wenn die Russen sagen, die Sowjetunion habe für den Sieg der Alliierten vor allem in Europa eine entscheidende Rolle gespielt.

Die Ergebnisse der Studie sehen die Wissenschaftler als Bestätigung des Begriffs des "nationalen Narzissmus". Zwar wurde er in der Psychologie für eine Persönlichkeitsstörung eines Menschen geprägt, aber er passe sowohl im Hinblick auf Glorifizierung des Selbst als auch auf das Aufzwingen der eigenen Werte und Traditionen auf andere Nationen. Zu diesem nationalen Narzissmus trage wahrscheinlich bei, dass die Menschen von ihrem Land mehr wissen und dessen Beitrag überschätzen, man könnte hinzufügen, es auch für positiver und wichtiger als Menschen anderer Länder halten. Der Ethnozentrimus könnte aber auch dadurch bedingt sein, dass man sich und sein Land als überlegen sieht.

Warum aber offensichtlich der Beitrag der Sowjetunion für den Ausgang des Zweiten Weltkriegs offenbar von vielen Menschen zu gering eingeschätzt wird, wäre doch interessant gewesen. Zumal Russland zumindest aus westlicher Sicht derzeit für viele ein gefährlicher Außenseiter ist und der Bruch zwischen den Siegermächten nach dem Krieg in Europa schnell eintrat. Das könnte ebenso mit nationalen Narzissmen und solchen zwischen Alliierten zu tun haben wie das Narrativ der USA als entscheidender Befreiungs- und Siegermacht, die deswegen auch weiter Beansprucht, Führungsmacht zu sein.