"Nationalismus wird uns immer ins Elend führen"

Konstantin Wecker. Bild: Monster4711/public domain

Ein Gespräch mit Konstantin Wecker über Kunst, Politik und linken Populismus oder Nationalismus

Vereinfacht gesagt führen die "äußeren" Vorgaben durch die Politik oft ins Elend ideologischer Einschnürungen. Dementgegen sollte man es ruhig einmal "innerlich" versuchen mit etwas, das Wecker eine spirituelle Revolution nennt. Letztlich könne einzig die Poesie das Individuum stärken und dazu verhelfen, Haltung zu bewahren.

Herr Wecker, ich habe ja das Gefühl, dass unser Gespräch heute sehr politisch wird.
Konstantin Wecker: (lacht): Ja, das könnte angesichts der Weltlage so sein.
Deswegen sollten wir bewusst mit einer ästhetischen Frage beginnen: Warum ist schöne Musik immer ein wenig traurig?
Konstantin Wecker: Ehrlich gesagt, ich habe das nie so gesehen. Ich bin großgeworden mit Verdi, Puccini, Mozart und Schubert durch meinen Vater, der Opernsänger war, und durch die Schellackplatten, die wir zu Hause hatten. Vielleicht kommt es daher, dass Leute, die mit klassischer Musik nicht so viel anfangen können, jede Musik, die nicht tanzbar ist, als etwas traurig empfinden. So wie manche sagen, gute Literatur sei traurig, weil es anstrengender ist, sich in sie hineinzuversetzen.
Musik und Poesie - und ich nehme hier Poesie als Überbegriff, der für bildende Kunst genauso gilt wie für Musik und Literatur - lockt etwas im Herzen. Das Namenlose, das Unbenennbare. In meinem Lied "Auf der Suche nach dem Wunderbaren" habe ich es das Wunderbare genannt. Das ist etwas, das einen, wenn man es nicht zulassen will, auch traurig machen kann. Oder sogar ärgerlich.
Deswegen meine ich: Poesie ist Widerstand. Weil Poesie den Herrschenden widersteht, die ihre Empathie - wie sich heute so schrecklich zeigt - gerade einmal zulassen, wenn es um thailändische Jungen geht, was natürlich gut nachvollziehbar ist. Aber sie können sofort abschalten, wenn es um Flüchtlinge auf hoher See geht. Das ist pervers, oder?
Ja, das ist es.
Konstantin Wecker: Mitgefühl wird aufgeteilt in bessere, richtigere Menschen und solche, die uns schaden. Mitgefühl gilt plötzlich nicht für alle Menschen und nicht für alle Wesen.
Zurückkommend auf die Poesie zeigt sich folgendes: Du kannst mit einem Machthaber wunderbar über Krieg reden, über Kriegslogistik, über Militarisierung, über Finanzierung und dergleichen, aber Poesie macht ihm Angst. Weil da etwas aufbrechen könnte, was er verschließen muss, um sein Machtspiel weiter zu treiben.
Robert Musil hat einmal gesagt: Wenn man ein Gedicht vorliest in einer Vorstandsetage eines großen Konzerns, dann ist das Gedicht sinnlos, aber der Konzernvorstand wird es auch.
Konstantin Wecker: (lacht) Das hat Musil gesagt? Großartig. Das gefällt mir gut. Das ist eine schöne Antwort auf diesen Standardspruch: Sing doch mal Deine Lieder beim AfD-Parteitag! Klar, es ist sinnlos und mein Lied ist dort sinnlos, aber der AfD-Parteitag wird es auch.
Hannes Wader hat ja das gleiche Problem. Die Leute sagen zu ihm: Seit vierzig Jahren singst Du für eine gerechtere Welt und jetzt schau Dir die Welt an! War es nicht sinnlos, was Du gemacht hast? Und Wader hat gesagt: Die Frage ist nicht richtig gestellt. Man müsste fragen, wie sähe die Welt ohne diese kleinen Mosaiksteinchen aus? Mosaiksteinchen, die wir sind, die engagierte Menschen sind.
Ja, und ich möchte weitergehen und sagen, wie viel schrecklicher sähe die Welt aus ohne die Kunst überhaupt, ohne die Poesie? Deswegen zeigt sich auch, dass in allen angehenden Diktaturen sofort die Kultur beschnitten wird, die Poeten des Landes verwiesen und die Bücher verbrannt werden. Die AfD greift aktuell das Regietheater an, das schafft sie aktuell noch nicht und hoffentlich nie. Die AfD will den Schiller so sehen, dass 1000 Jahre glorreiche deutsche Geschichte dadurch zum Tragen kommt. (lacht) Was immer die mit Schiller wollen, die haben einfach keine Ahnung. Sie haben keine Ahnung, und deshalb haben sie Angst vor der Kunst.
Kommen wir nun doch noch einmal kurz zurück zur traurigen Wirkung der Kunst. Schubert war es ja, der gesagt hat, dass ihn alle Musik ein wenig traurig mache, und eine interessante Vermutung liegt darin anzunehmen, er habe dies deswegen gemeint, weil er die Revolution hat scheitern sehen. Aber es könnte neben diesem politischen noch einen anderen Grund geben. Sie haben vor kurzem gemeint, es sei so merkwürdig, dass man die schönen Augenblicke des Lebens kaum erinnert, aber die tragischen, die traurigen Momente,…
Konstantin Wecker: ... die peinlichen vor allem,...
... die einem so genau in Erinnerung bleiben. Als ob die Melancholie dadurch entstünde, dass etwas innerlich, geistig genau ausgearbeitet wird. Sei es jetzt durch die Erinnerung oder die Kunst.
Konstantin Wecker: Das ist natürlich völlig richtig, die Melancholie gehört immer dazu. Eugen Drewermann hat gesagt, die Schwermut sei die Schwester Deines Glücks.
Das erscheint mir deswegen interessant, weil ich das an mir erst seit kurzem akzeptiere. Ich habe vor 14 Jahren ein Lied über die Schwermut geschrieben. Meine Texte passieren mir ja und ich denke sie mir nicht aus. Und nach diesem Lied wusste ich plötzlich, dass ich immer schon ein schwermütiger Mensch war und mir gerne von außen einreden ließ, ich hätte die Power und sei immer gut drauf. Ohne Schwermut kann man nicht mitfühlend sein. Erst die Schwermut gibt uns die Möglichkeit, tief in uns hineinzugehen, und wir beginnen dort etwas zu verarbeiten.
Die Schwermut ist eine Bedingung der Kunst. Das Glück ist ohne Schwermut gar nicht als solches zu erfassen. Das Erinnern an die schönen Augenblicke wird mir heute im Alter erst viel klarer. Die wirklich schönen Augenblicke sind nicht die, wo man mal kurz gut drauf ist, sondern sind jene der Ich-Losigkeit, wo man einfach nur da ist und aufgehoben ist in allem.
An diese mystischen Erfahrungen kann man sich natürlich nachher nicht erinnern, weil man ja in diesen Erfahrungen mitten drinnen war und ohne Ratio. Ich kann mich nur erinnern, dass da mal was war. Es kann nicht nachempfunden werden und mit dem Verstand zurückgeholt werden. Um es erneut zu empfinden muss es wieder erlebt werden. Das ist gerade das Schöne an diesen Momenten. Sie können auch nicht erarbeitet werden, auch vierzig Jahre Meditation bieten keine Gewähr, dass man in diesen Zustand kommt.
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