Nato probt den hybriden Krieg und den Cyberwar

Trident Juncture 2015. Bild: Nato

Ende September beginnt mit Trident Juncture 2015 die größte Nato-Militärübung seit langem

Von Ende September bis 6. November findet mit der Nato-Übung Trident Juncture 2015 in Spanien, Portugal und Italien eine der größten Militärübungen seit längerer Zeit statt. Nach Angaben der Bundeswehr ist es die größte seit 10 Jahren. Sie wird sich auch auf den Atlantik und das Mittelmeer sowie Kanada, Norwegen, Deutschland, Belgien und die Niederlande erstrecken.

Vorgesehen sind zwei Teile. Zunächst findet eine "computergestützte Rahmenübung" (CAX/CPX), anschließend eine Übung mit Volltruppe (LIVEX) statt. Trainiert werden soll die NATO Response Force, die "schnelle Eingreiftruppe für weltweite Einsätze", bei denen "Land-, Luft-, See- und Spezialkräfte", wie es heißt, "historisch komplex" und weiträumig agieren. Aber es geht auch um die "Nato-Speerspitze", die gegen Russland gerichtet ist, was auch klar machen dürfte, auf was sich die Nato im Südwesten Europas vorbereiten und wen sie beeindrucken will - oder sollte man von Machtdemonstration und Provokation sprechen?

An der Übung werden 36.000 Soldaten mit 140 Flugzeugen sowie 60 Schiffen und U-Booten aus den Nato-Mitgliedsländern und sieben weiteren Ländern teilnehmen, Deutschland ist mit 3000 Soldaten beteiligt, stellt also fast 10 Prozent des Personals. Nach der Nato stellt die Übung einen Höhepunkt einer Serie von "dynamischen" Übungen dar, es sei die "ehrgeizigste Übung der modernen Nato-Geschichte". Nach der Bundeswehr soll es um einen Konflikt in Afrika gehen:

Das Krisenszenario dieser Übung spielt in Afrika. In einer Auseinandersetzung zwischen Staaten geht es um den Zugang zu Wasser, einer der wichtigsten Ressourcen unserer Menschheit. In dieser Region gibt es Streit, bis hin zu Krieg ums Wasser. Die NATO wird zur Hilfe gerufen, um für Ruhe und Ordnung zu sorgen.

Generalleutnant Richard Roßmanith

Geübt wird offensichtlich für hybride Kriegseinsätze, ein Szenario, das nicht neu ist, das auch von den USA selbst lange schon bei militärischen Interventionen zum Einsatz kam, mit dem aber seit der schnellen Übernahme der Krim und die Lage in der Ostukraine die Gefährlichkeit Russlands durch die Nato herausgestellt wird. Simuliert werden Konfliktszenarien, die während der letzten 10 Jahre aufkamen, darunter auch Cyberangriffe als Vorstufe eines Cyberwar, Raketenabwehr oder humanitäre Krisen, da man in dieser Zeit vor allem mit der Bekämpfung von Aufständischen und islamistischen Terroristen in Afghanistan und im Irak mittels großer Bodenoffensiven in asymmetrischen Kriegen beschäftigt war.

Wichtig sei, so Palomeros, die digitale Infrastruktur resilienter gegen Angriffe zu machen. Soziale Netzwerke "mit fiktiven Gegnern, aber wahrscheinlich auch mit realen" seien Teil der Übung: "Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir nicht ein paar Besuche auf unseren Internetseiten haben", sagte der General.

Jetzt will man mit hybriden Szenarien wieder in der Lage sein, auch Manöver gegen hochgerüstete Armeen wie Russland ausführen zu können, wie der französische Luftwaffengeneral Jean-Paul Paloméros, zuständig für Nato-Übungen, erklärte. An einer hybriden Kriegsführung sind konventionelle Streitkräfte mit schweren Waffen neben Spezialeinheiten und anderen, nicht-staatlichen Militanten beteiligt, dazu kommen Propagandaoffensiven. Den hybriden Krieg nennt man auch gerne "High-end War", weil es nicht darum geht, massenhaft Soldaten in den Kampf zu schicken, sondern kleine, hochgerüstete Einheiten. Die Schnelle Eingreiftruppe ist als eine solche High-end-Truppe geplant, sie hat ganz offensichtlich nicht nur defensive Aufgaben wie den Schutz der baltischen und osteuropäischen Länder vor der "russischen Aggression", sondern ist auch für militärische Interventionen konzipiert. Alle 3 Jahre sollen nun solche Übungen wie Trident Juncture durchgeführt werden, die nächste ist in Nordeuropa und damit in der Nähe Russlands geplant und soll ein Szenario nach Artikel 5 beinhalten, also die Antwort auf einen Angriff auf ein Nato-Land.

Paloméros will allerdings nicht Russland alleine als möglichen Gegner herausstellen und versicherte, die Übung sei schon 2012 beschlossen worden. Es gebe Bedrohungen fast auf der ganzen Welt, viele Ländern würden viel Geld in die Aufrüstung ihrer Streitkräfte stecken: "Wir müssen das in der Nato-Gleichung berücksichtigen", was letztlich heißt, die Rüstungs- und Drohspirale heraufzuschrauben. Nach Palomeros ist "der Süden" der Nato wichtig geworden. Auch Generalleutnant Roßmannith betont, die Übung sei nicht gegen Russland gerichtet, fährt aber fort: "Es ist kein Geheimnis, dass Russland schon jetzt die Vorbereitungen auf Trident Juncture intensiv beobachtet und sich damit in seinen Medien befasst - auch unter Aspekten der Propaganda. Aber gewiss auch im Blick auf unsere Fähigkeiten. Doch ich will weiter deutlich sagen: Die NATO blickt mit diesem Manöver natürlich auch nach Süden, aufs Mittelmeer, nach Afrika und in den Nahen Osten. Die Allianz ist nach wie vor auf 360 Grad orientiert." Andere Nato-Sprecher stellen freilich die Übung direkt in Kontext mit Russland.

Zudem wurde gerade ein Ausbildungszentrum der Nato in Georgien eröffnet, nach dem polnischen Verteidigungsminister könnten bereits nächstes Jahr schwere US-Waffen auf polnische Stützpunkten verlegt werden und die US-Luftwaffe hat erstmals vier F-22s, das modernste Kampfflugzeug, auf die US-Luftwaffenbasis in Spangdahlem in der Eifel verlegt, um im Rahmen der European Reassurance Initiative mit den alliierten Streitkräften zu üben, was der Sicherheit der "Nato-Alliierten und -Partner" dienen soll (US-Luftwaffe entsendet F-22 nach Europa). (Florian Rötzer)

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