Natoeinsatz in Afghanistan: "Konflikt verschlimmert"

Afghanische Soldaten in Helmand. Foto: U.S. Army photo/Spc.David Gunn; gemeinfrei

Britischer Historiker: Stammesführer nutzen westliche Militärs für Clankämpfe aus

Nach den freudigen bis enthusiastischen Meldungen über die Wahlbeteiligung in Afghanistan, aber es zeichne sich ein "gemischtes Bild" ab, so der Zwischenstand des Afghanistan Analyst Network.

Zwar halte sich die Freude über den robusten Willen der Afghanen zur Wahl zu gehen, aber die Freude trübe sich über die auftauchenden Anzeichen "signifikanter Unregelmäßigkeiten" und altbekannter Muster von Einschüchterungen, Berichte gefälschter Stimmzettel und "Geister-Wahllokale", die man in abgelegenen Gegenden aufgebaut habe. Vier Tage nach der Wahl zeigt sich das die Informationen recht "vage" sind, spärlich, anekdotisch.

Auch dieses Fazit entspricht einem altbekannten Muster, das auch nach mehr als 12 Jahren Präsenz der internationalen Streitkräfte die nach außen vermittelte Kenntnis der Verhältnisse des Landes bestimmt: die Öffentlichkeit weiß nur Vages, Spärliches und Anekdotisches darüber. Eine Geschichte aus Großbritannien erhellt exemplarisch, woran das auch liegt: weil manche Erkenntnisse sich schlecht mit militärischen Vorgaben vertragen.

Der britische Offizier im Captainsrang, Mike Martin, stellt eine Ausnahme dar, denn er spricht fließend Paschtu, was es ihm ermöglicht, mit der Bevölkerung in eine andere Art von Kontakt zu treten als der übliche. Obendrein war Martin am Kings College in London eingeschrieben, dort promovierte er über die Geschichte der afghanischen Provinz Helmand, dem Einsatzort der britischen Armee.

Weswegen er mit der Armee ein spezielles Abkommen hatte: er konnte seine Doktorarbeit über Helmand während seiner Dienstzeit verfertigen, mit Unterstützung der Armee. Der in Oxford ausgebildete Historiker bekam dazu einen offiziellen Auftrag. Was Martin bei seinen Recherchen und Studien herausfand, widerspricht der gängigen Darstellung des Konflikts in Afghanistan grundsätzlich und ebenso fundamental dem Verständnis, das die westliche Allianz über ihren Militäreinsatz verbreitet: dass er das Land sicherer macht und die Demokratisierung unterstützt.

Der Natoeinsatz würde den Konflikt an vielen Stellen verschlimmern, resümiert Martin in seiner Studie. Die Militärs würden die Komplexitäten der Stammeskonflikte in Afghanistan nicht verstehen und würden dadurch von Stammesführern ausgenutzt und manipuliert.

Aus 150 Interviews mit Helmandis habe er das Bild gewonnen, dass die westlichen Außenseiter die Konflikte in der Provinz nicht richtig begriffen hätten und dadurch die Dinge verschärft hätten, wird Martin zitiert - diese Erkenntnis dürfte nicht auf Afghanistan beschränkt sein.

Nicht die Taliban sind laut seiner Studie die hauptsächlichen Antreiber der Gewalt, sondern einzelne Personen, Politiker, Stammesfürsten, Warlords etc. mit ihren ganz persönlichen Motiven und Machtinteressen.

Der Bürgerkrieg, der dort herrsche sei ein Krieg zwischen Clans und nicht zwischen der "guten" afganischen Regierung" und den "bösen" Taliban. Armeeverbände hätten sich da oft als nützliche Instrumente für Machtkämpfe erwiesen, etwa als eine Distriktgouverneur die britische Armee darum bat, etwas gegen die Taliban in einem Dorf zu unternehmen. Die stellten sich allerdings im Nachhinein als Stammesmiliz heraus, die von Anführern gebildet war, um die Distriktpolizei vom Dorf wegzuhalten. Angeblich vergewaltigten die Polizisten Dorfbewohner und beraubten sie.

Das Beispiel ist in einem Zeitungsbericht nachzulesen. Dort ist auch die Rede davon, dass General David Richards, von 2006 bis 2007 Kommandeur der ISAF in Afganistan und mehrere Jahre lang Kommandeur der Britischen Landstreitkräfte sich gewünscht hätte, dass er die Studie seinerzeit zur Verfügung gehabt hätte. Die Armeeführung teilt die Begeisterung nicht unbedingt

Denn als Captain Mike Martin sie nun als Buch (An Intimate War: An Oral History of the Helmand Conflict, 1978 -2012) veröffentlicht wollte, wurde ihm dies untersagt, mit dem Verweis darauf, dass darin Quellen von WikiLeaks verwendet werden, was mit Armeevorgaben nicht zu vereinbaren sei.

Kritiker sehen hinter den Begründungen nur einen Vorwand, der Martin dazu bringen sollte, auf eine Veröffentlichung zu verzichten. Der Captain hat sich jedoch zu einem anderen Schritt entschlossen, er quittierte lieber den Dienst.

Anzeige