Nawalny-Anschlag: Verwirrende Wege der Nowitschok-Flasche

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Wurde Nawalny bereits im Hotel vergiftet? Sind die Nowitschok-Spuren auf der Flasche Grundlage der Analyse des Bundeswehrlabors? Höchste Zeit für die Bundesregierung, für Klarheit zu sorgen

Der Anschlag auf den russischen Oppositionskritiker und Korruptionsaufklärer Alexei Nawalny nimmt immer abstrusere Züge an. Wir berichten darüber so ausführlich, weil der Fall ein weiteres Beispiel für die nebulösen Schachzüge im neuen Kalten Krieg zwischen der Nato und Russland ist. Dazu gehören beispielsweise der Magnitski-Fall, der Abschuss der MH17, der Giftgasanschlag in Duma, die Hackerangriffe während des US-Präsidentschaftswahlkampfs 2016 oder der Nowitschok-Anschlag auf die Skripals. Erwähnen könnte man auch den Giftanschlag auf den russischen Oppositionspolitiker Kara-Mursa 2017, der in einem russischen Krankenhaus behandelt wurde und überlebte. Seine Frauen hatte Proben in die USA schicken können, die vom FBI analysiert wurden, das Ergebnis wurde jedoch als geheim klassifiziert (Hintergründe zu Nowitschok und Giftanschlägen auf russische Oppositionelle). Wie auch Mainstream- oder Qualitätsmedien - seltsame Bezeichnungen - mitsamt der Politik funktionieren, lässt sich auch hier ganz gut erkennen: Von der Superspreaderin, die keine Superspreaderin war.

Nachdem lange Zeit die Vermutung verbreitet worden war, Nawalny sei vermutlich mit dem Tee, den er im Flughafen Tomsk vor dem Abflug getrunken hatte, vergiftet worden, brachten Spiegel und Zeit aufgrund von unbekannten Quellen eine Wasserflasche ins Spiel, auf der Nowitschok-Spuren vom Bundeswehrlabor gefunden worden seien, was bedeuten würde, er hätte das Gift nicht getrunken, sondern über die Haut aufgenommen.

Die Flasche und die Identifizierung einer Nowitschok-Verbindung

Gestern veröffentlichte das FBK-Team von Nawalny nun ein Video, das am 20. August aufgenommen worden sein soll. Es soll zeigen, wie Mitarbeiter des Opfers eine Stunde nach dessen Kollaps im Flugzeug sein Hotelzimmer in Omsk durchsucht, dabei u.a. drei fast leere Wasserflaschen des Hotels gefunden und diese nach Berlin geschickt haben. Was damit bezweckt werden soll, schrieben sie auch deutlich: Nawalny sei schon im Hotelzimmer vergiftet worden, nicht erst im Flughafen (Nach seinem Team wurde Nawalny im Hotel in Tomsk vergiftet).

Dann allerdings retweetete Kira Jarmisch, die Sprecherin von Nawalny, einen Tweet von Sobol Lubov, ebenfalls aus dem Team, der dann doch wieder alles offen lassen soll: "Es ist wichtig zu verstehen: "Es gab Spuren von Nowitschok auf der Flasche im Hotel, aber das bedeutet nicht, dass Navalny durch eine Flasche Wasser vergiftet wurde." Das Wasser selbst soll, so Jarmisch, kein Gift enthalten haben. Überhaupt ist die Frage, wenn nur eine Flasche kontaminiert worden sein wollte, wie die Täter wissen konnten, dass sie Nawalny verwenden wird? Es waren mehr Flaschen im Zimmer. Warum gab es keine weiteren Vergiftungen?

Die Frage ist deswegen wichtig, weil zweifelhaft ist, ob Nowitschok in den Blut-, Urin- und Hautproben von Nawalny direkt entdeckt werden konnte, worauf auch ein kremlkritisches Medium hinweist. Nach einem britischen Experten dürfte dies kaum möglich sein, da im Körper der Giftstoff zersetzt wird und höchsten noch Metabolite gefunden werden können, die aber nicht eindeutig mit dem ursprünglichen Gift identifiziert werden können. Insofern könnten Spuren auf einer oder mehreren Flaschen gefunden worden, mit denen die Ausgangsverbindung identifiziert werden kann, so dass sich dann auch die entsprechenden Metaboliten finden lassen könnten.

Wir wissen nicht, wie das Bundeswehrlabor und die beiden weiteren Militärlabore aus Schweden und Frankreich Nowitschok identifiziert haben, der Öffentlichkeit wurde auch nicht mitgeteilt, um welches Nowitschok es sich handelt, was auch eine Rolle spielt, denn nur wenige Verbindungen werden in der OPCW-Liste als verbotene Kampfstoffe aufgeführt (Wie hat das Bundeswehrlabor die Nowitschok-Vergiftung nachgewiesen?).

Das schwedische Militärlabor erklärte am 15. September - allerdings nicht, warum nicht das Ergebnis der OPCW abgewartet wurde, da es wie das Bundeswehrlabor ein OPCW zertifiziertes Labor ist -, dass man auch eine Nowitschok-Verbindung in Nawalnys Blut gefunden habe. Nicht mitgeteilt wird, wann die Probe genommen wurde, wie die Identifizierung stattfand, also etwa, ob die Spuren auf der Flasche eine Rolle spielten, und auch nicht, um welche Nowitschok-Verbindung es sich handelt. Es wird auch nicht erwähnt, ob es sich um eine nach dem Chemiewaffenverbotsabkommen verbotene Verbindung handelt.

Rolle von Cinema for Peace

Die Bild-Zeitung will nun erfahren haben, dass die im Hotel in Tomsk gefundenen Wasserflaschen mit dem deutschen Rettungsflugzeug am 22. August nach Deutschland gebracht worden seien. Das habe Jaka Bizilj, der Gründer von Cinema for Peace verraten, der auch die Kosten für das Flugzeug mit Personal nach Omsk finanziert hat.

Die Rolle von Cinema for Peace ist bislang unklar: Welche Beziehungen gibt es zur Bundesregierung? Wie finanziert sich die Organisation? Warum konnte so schnell ein Spezialflugzeug mit einem Ärzteteam nach Sibirien geschickt werden? Was hat die Mission gekostet? Und wie wurden die nicht leeren Wasserflaschen in das Flugzeug geschmuggelt, das Nawalny mit seiner Frau Julia und der geheimnisvollen Maria Pevchikh nach Berlin brachte? Wer waren die Ärzte, welche Verbindung haben sie mit Cinema for Peace, was hatten sie beim Besuch von Nawalny im Krankenhaus in Omsk erkennen können und warum waren sie oder die Mitarbeiter von Cinema for Peace bereit, die Flaschen oder auch vielleicht anderes Material als mögliche Beweismittel an den russischen Behörden vorbei nach Berlin zu bringen? Und dann wochenlang nicht davon zu sprechen? Zudem lässt sich bei den großen deutschen Medien und den Behörden/der Regierung ein Aufklärungswille nicht feststellen.

Das Gift soll nicht im Wasser gewesen sein

Das russische Alternativmedium Proekt berichtet, man habe mit den Passagieren des Flugs von Tosmk nach Moskau, mit Crew-Mitgliedern, mit Angestellten des Hotels und FBK-Mitarbeitern von Nawalny gesprochen. Nawalny begleiteten aus dem Xander-Hotel seine Pressesprecherin Kira Jarmisch und seine Assistentin Ilya Pakhomov zum Flughafen. Vier Mitarbeiter blieben in der Stadt: Anwalt Vladlen Los, Kameramann Pavel Zelensky und zwei Hauptermittler der Stiftung, Georgy Alburov und eben Maria Pevchikh.

Um 10 Uhr sei das Flugzeug mit dem kollabierten Nawalny in Omsk gelandet. Die Zurückgebliebenen seien beim Frühstück gewesen und hätten dann alles gesammelt, was als Beweis für eine Vergiftung dienen könnte. Angeblich sei das Zimmer von Nawalny noch nicht gereinigt worden, das würde man in dem Hotel normalerweise zwischen 10 und 11 Uhr machen.

Mag sein, dann wäre man gerade noch schnell in die Zimmer gekommen. Proekt gibt die Ansicht wieder, dass das Gift sich nicht im Wasser befand, weil dann Nawalny sofort Vergiftungssymptome gezeigt hätte. Also wäre die Vergiftung durch ein Berühren der Flasche geschehen. Nur erinnert sich angeblich Nawalny nicht, ob er am Abend oder am Morgen vor dem Abflug Wasser aus einer solchen Flasche getrunken hatte. Alles ist wirr. Angeblich haben die russischen Sicherheitskräfte die Aufnahmen der Überwachungskameras des Hotels konfisziert.

Warum eigentlich hat das Nawalny-Team fast einen Monat gewartet, um das Video von der Durchsuchung des Hotelzimmers bekannt zu machen? John Helmer wundert sich auch, dass der Raum bei der angeblich lückenlosen Beobachtung von Nawalny durch den FSB und die Polizei nicht vor dem Nawalny-Team durchsucht worden ist. Und wenn Nawalny eine der Wasserflaschen berührt oder aus ihr getrunken hat, dauerte es wohl mehr als 5 Stunden, bis er kollabierte. Das spricht für eine langsame Wirkung einer angeblich neuen Nowitschok-Verbindung. So viele offene Fragen. Die Bundesregierung sollte sich aufgefordert sehen, für Klarheit sorgen, wenn sie Moskau wie Außenminister Maas beschuldigt, Nebelkerzen zu werfen. (Florian Rötzer)