Nawalny: Ein Spiegel-Bericht über das Ergebnis des Bundeswehrlabors und offene Fragen

Und als ominöses Geschenk von Lukaschenko an den Kreml ein angeblich abgehörtes Telefongespräch zwischen Berlin und Warschau

Der Spiegel berichtet, dass das Bundeswehrlabor, das die Charité eingeschaltet hat, nachdem man festgestellt hatte, dass bei dem russischen Oppositionspolitiker Nawalny eine Vergiftung vorliegt, aber man das Gift nicht identifizieren konnte, zu dem Ergebnis gekommen sei, dass Nawalny mit einem Gift aus der Nowitschok-Gruppe in Kontakt gekommen sei. Man habe nur minimale Spuren in Haut-, Blut- und Urinproben gefunden, aber der Nachweis sei "vertrauenswürdig".

Ein Stabsoberarzt des Bundeswehrinstituts für Pharmakologie und Toxikologie habe der Bundeskanzlerin und den sechs Ministern am Mittwoch das Ergebnis erklärt. Ohne Zweifel soll es sich um ein Nervengift aus der Nowitschok-Gruppe gehandelt haben, was die Regierung aufgriff und von "zweifelsfrei" sprach. Spuren habe man nicht nur im Blut und Urin sowie auf der Haut gefunden, sondern auch "an" einer Flasche, die "Angehörige" Nawalnys nach dem Zusammenbruch im Flugzeug aufgehoben und der Charité übergeben hätten.

Weiter heißt es beim Spiegel, wobei unklar ist, wer diese Schlussfolgerung zog: "Vermutlich hatte Nawalny aus der Flasche getrunken, als er bereits vergiftet war, und so die Spuren des Giftes dort hinterlassen." Dann müsste Nawalny eine Bedrohung für alle Anwesenden gewesen sein und auch für "Angehörige", die die Flasche berührten, sofern sie keine Schutzhandschuhe getragen haben. Aus der Formulierung muss man schließen, dass die Spuren auf den Händen und außen auf der Flasche gefunden wurden. Tatsächlich wirken bei Nowitschok, wie es heißt, geringe Mengen. Es ist bereits von Experten verwundert bemerkt worden, dass niemand sonst vergiftet worden ist.

Es fehlt bislang auch eine Erklärung dafür, warum Nawalny nicht von dem angeblich tödlichsten chemischen Kampfstoff getötet wurde. Haben die russischen Ärzte womöglich Nawalny intuitiv oder aus Wissen um eine Nowitschok-Vergiftung richtig behandelt und gerettet? Kam Nawalny mit zu geringen Mengen in Kontakt? Die russischen Ärzte hatten erklärt, sie hätten kein Gift in den Proben von Nawalny und seiner Kleidung gefunden. Haben sie vielleicht nicht die Möglichkeit gehabt, Nowitschok zu entdecken, oder sind nicht auf die Idee gekommen, nach Nowitschok zu suchen?

Und wenn es ein im Kreml ausgeheckter Anschlag war, der auch die Ärzte involvierte, die angeblich Nawalny fälschlich als transportunfähig erklärten und eine Vergiftung ausschlossen, bleibt die Frage, warum man Nawalny trotzdem mit dem von der Organisation Cinema for Peace Foundation gecharterten Rettungsflugzeug nach Berlin fliegen ließ, wenn Nowitschok noch viele Tage später nachweisbar ist?

Cinema for Peace Foundation verfügt offenbar über reichlich Ressourcen, sie soll ganz unabhängig durch Spenden finanziert sein, auf der Website findet man aber nicht wie üblich eine Liste der größeren Spender (Wer hier Näheres dazu sagen kann, bitte bei der Redaktion melden: tpred@heise.de, wir haben die Organisation gebeten, uns eine Liste der Großspender zukommen zu lassen, um zu zeigen, dass man transparent sein will).

Warum das Bundeswehrlabor nicht die konkrete Substanz benennt, die gefunden wurde, bleibt vorerst Geheimnis der Bundeswehr und der Bundesregierung. Das wäre nicht nur wichtig, um die mögliche Herkunft des Gifts nachverfolgen zu können - Kenntnisse über und auch Vorräte von Substanzen aus der Nowitschok-Gruppe haben seit den 1990er Jahren viele Militärlabors -, sondern auch, um die OPCW einschalten zu können.

Nach dem Skripal-Anschlag haben die 192 OPCW-Mitglieder, Russland eingeschlossen, Ende 2019 einstimmig auf Antrag von Kanada, den Niederlanden und der USA (2 Nowitschok-Familien) sowie von Russland (vier Nowitschok-Familien) (!) beschlossen, einige "Familien" der Nowitschok-Gruppe auf die Liste der verbotenen chemischen Kampfstoffe zu setzen. In Kraft getreten ist dies im Juni 2020.

Bei diesen Substanzen kann die OPCW-Inspektoren in jedes Unterzeichnerland senden, um zu überprüfen, ob hier die verbotenen Substanzen hergestellt werden. Sollte der Kreml womöglich den Anschlag auf Nawalny mit einer der selbst vorgeschlagenen Substanzen zwei Monate nach Inkrafttreten der erweiterten Liste ausgeübt haben, wäre dies schon sehr erstaunlich.

Die Hilfe von Lukaschenko

Dem "letzten europäischen Diktator" Lukaschenko wird man wenig Glauben entgegenbringen. Wahrscheinlich auch nicht dem belarussischen Geheimdienst, wenn man überhaupt irgendwelchen Geheimdiensten vertrauen will. Am Donnerstag machte jedenfalls eine Äußerung von Lukaschenko gegenüber dem russischen Premierminister Michail Mischustin die Runde vor allem in russischen Medien, dass der belarussische Geheimdienst ein Telefongespräch "zwischen Warschau und Berlin" abgehört habe. Das sei vor der Erklärung der deutschen Bundesregierung gewesen und beweise, dass es keine Vergiftung gegeben habe. Das klingt danach, dass sich Lukaschenko dem Kreml behilflich erweisen will, der ihm angesichts der Proteste Unterstützung zugesagt hatte.

Die Aufzeichnung des angeblich abgehörten Gesprächs habe Lukaschenko dem russischen Geheimdienst FSB zur Prüfung übergeben. Der Pro-Regime-Telegram-Channel Pul Pervogo hat nun das Gespräch veröffentlicht, ebenso die staatliche Nachrichtenagentur Belta, die derzeit nicht erreichbar ist, so dass dies nur aus dem VK-Channel erkennbar ist. Das Kreml kritische Meduza hat das Gespräch übersetzt. Unklar bleibt, wer da überhaupt gesprochen haben soll und natürlich auch, ob es ein Fake ist. Das sollte eigentlich schnell vom BND oder anderen Geheimdiensten entlarvt werden können.

Der Sprecher aus Warschau fragt, ob die Vergiftung endgültig bestätigt sei, der Sprecher aus Berlin meint, das sei in dem Fall nicht so wichtig. Es gehe ein Krieg vor sich und in einem Krieg seien alle Methoden gut.

Warsaw: Is the poisoning definitely confirmed?

Berlin: Listen, Mike, in this case that’s not so important...There’s a war going on...And during war all methods are good.

Warsaw: I agree, we need to discourage Putin from poking his nose into Belarus’ affairs...The most effective way is to drown him in Russia’s problems, and there are many of them! Moreover, they’ll have elections in the near future, voting day in Russia’s regions.

Berlin: That’s what we’re doing. How are things in Belarus in general?

Warsaw: To be honest, not so good. President Lukashenko turned out to be a tough nut to crack. They’re professional and organized. It’s clear that Russia supports them. The officials and the military are loyal to the president. [We’ll discuss] the rest during the meeting, not by phone.

Berlin: Yes, yes, I understand, then I’ll see you later, bye.

Warsaw: Bye.

(Florian Rötzer)