Nawalny: Russische Ärzte widersprechen der Charité

Nawalny nach einem Zelyonka-Farbangriff 2017. Bild: Evgeny Feldman/CC BY-SA-4.0

Die Charité spricht von einer Vergiftung durch einen Cholinesterase-Hemmer. Das lässt vielen Vermutungen die Türen offen, so lange die Substanz nicht benannt wird

Ein Ärzteteam der Charité erklärte gestern, Untersuchungen hätten ergeben, dass der russische Oppositionspolitiker Alexej Nawalny Opfer einer Vergiftung wurde. Das Gift sei eine Substanz aus der Wirkstoffgruppe der Cholinesterase-Hemmer. Dazu gehören sowohl Medikamente etwa gegen Alzheimer, als auch viele Nervengifte wie Sarin und auch Nowitschok.

Um welches Gift es sich handelt, konnten - oder wollten - die Ärzte nicht sagen. Das lässt aber noch vieles offen über die Art der Vergiftung, wozu sich die Ärzte nicht äußerten. Cholinesterase-Hemmer können über die Atmung, Hautkontakt oder Einnahme in den Körper gelangen. Nawalny soll vom Geheimdienst auf der sibirischen Reise minutiös überwacht worden, auf dem Flughafen hatte er einen Tee getrunken, im Flugzeug aber nichts mehr zu sich genommen.

Behandelt wird er mit Atropin, eigentlich auch ein giftiges Tropan-Alkaloid, das in geringer Dosierung als Medikament verwendet wird. Cholinesterase baut den Neurotransmitter Acetylcholin im synaptischen Spalt ab. Wird der Abbau durch Cholinesterase-Hemmer unterbunden, spielt das Nervensystem verrückt und kann das Atmungssystem nicht mehr richtig arbeiten, was zu Lähmungen und Krämpfen führt, so wie dies offenbar bei Nawalny der Fall war, der ins Koma fiel und künstlich beatmet werden muss. Atropin hemmt die Muskarinrezeptoren (mACHR) und damit die Aufnahme des Neurotransmitters Acetylcholin.

Wer lügt?

Gestern versicherten allerdings die Ärzte aus der Klinik in Omsk, in der Nawalny zuerst eigeliefert und behandelt wurde, und das zuständige Gesundheitsministerium noch einmal, dass Tests auf eine Vielzahl von synthetischen Substanzen, darunter auch Hemmer, bei Nawalny negativ ausgefallen seien. Bei Einlieferung habe es, sagte der Chef-Toxikologe Alexander Sabaev der Region Omsk, keine klinischen Hinweise auf eine Vergiftung durch Cholinesterase-Hemmer gegeben.

Man sei bereit, Proben von Nawalny an die deutschen Kollegen weiterzugeben. Man wird sehen müssen, ob das aufgegriffen wird bzw. wie ernst das Angebot ist. Zunächst hatten russische Ärzte von einer Vergiftung mit einer halluzinatorischen Substanz gesprochen. Letzte Diagnose war eine Stoffwechselstörung als Auslöser. MRT-Scans sind schon übergeben worden.

Ria Nowosti gibt einige russische Experten wider, die die Behauptungen der deutschen Kollegen in Frage stellen. So sagte der Toxikologe Jewgeni Abulkhanow, dass eine Vergiftung mit Substanzen aus der Gruppe der Cholinesterasehemmer mit Schaum aus dem Mund, einem verlangsamten Puls und schnellem Atmen einhergehe, was bei Nawalny nicht der Fall gewesen sei.

Interfax gegenüber sagte Boris Teplykh, der Leiter der Abteilung für Intensivpflege am Pirogov Center in Moskau, dass die Ärzte in Omsk dem Verdacht der Vergiftung auch nachgegangen seien, aber dass dies nicht bestätigt werden konnte. In Omsk sei Nawalny auch sofort Atropin verabreicht worden. Die deutschen Ärzte würden bislang auch nur über klinische Daten, aber nicht über die Substanz selbst berichten, "die weder wir noch anscheinend sie bislang gefunden haben". Anatoly Kalinichenko, stellvertretender Chefarzt des Notfallkrankenhauses in Omsk sagte, man werde untersuchen, ob sie oder das Labor sich geirrt hätten oder ob dies falsche Informationen seien.

Es ist der mittlerweile schon fast übliche Widerstreit der Aussagen. Die Öffentlichkeit kann nur wissen, was ihr direkt oder vermittels der Medien mitgeteilt wird. Vielleicht wird ja dieses Mal stärker zunächst auf Kooperation gesetzt, was bei MH17 und dem Skripal-Fall vom Westen zwar gefordert, aber nicht wirklich erwünscht war. Warum legen die Charité und das Notfallkrankenhaus in Omsk ihre Befunde beispielsweise nicht einmal öffentlich zur Nachprüfung auf den Tisch und erschweren dadurch die Politisierung des Vorfalls, die bereits auf Hochtouren läuft?

Und welche Hilfe erfährt Julian Assange?

Josep Borrell, der Hohe Vertreter der EU für Außen- und Sicherheitspolitik, sprach von einem Anschlagsversuch auf das Leben von Nawalny und forderte Russland zu einer unabhängigen und transparenten Untersuchung auf. Die Schuldigen müssten zur Rechenschaft gezogen werden. Ähnlich äußerten sich Bundeskanzlerin Merkel und Außenminister Maas in einer gemeinsamen Erklärung: "Angesichts der herausgehobenen Rolle von Herrn Nawalny in der politischen Opposition in Russland sind die dortigen Behörden nun dringlich aufgerufen, diese Tat bis ins Letzte aufzuklären - und das in voller Transparenz. Die Verantwortlichen müssen ermittelt und zur Rechenschaft gezogen werden."

Kritisch kann man anmerken, dass Nawalny, der als Kreml-Kritiker, Korruptionsaufklärer und wichtiger Oppositionspolitiker dargestellt wird, auch seine dunklen Seiten als Populist hat. Er hatte rassistische und nationalistische Tön von sich gegeben, die aber nicht so ernst gemeint, und war auch bei den "Russischen Märschen" mitmarschiert. Aber das sollte natürlich nicht hindern, dass Menschen in Not geholfen wird. Man wird sich aber schon fragen können, warum Nawalny zum Gast der Bundeskanzlerin avancieren kann, während die Bundesregierung Julian Assange im britischen Hochsicherheitsgefängnis langsam zugrunde gehen lässt und keine Hilfe anbietet, seine Auslieferung an die USA zu unterbinden? Das sind die falschen Oppositionellen, denen Hilfe verweigert wird, während den politisch interessanten mit allen Mitteln geholfen wird.

UN-Sonderberichterstatter Nils Melzer sprach von Folter an Julian Assange ("Präzedenzfall für ein repressives Vorgehen gegen investigative Journalisten"). Viele Ärzte und Psychologen haben wiederholt die "andauernde Folter und medizinische Vernachlässigung" kritisiert. (Florian Rötzer)