Neben der Fundamentalkritik an Medien gibt es viele konstruktive Skeptiker

Der Kommunikationswissenschaftler Fabian Prochazka zu seiner Studie "Medienkritik Online" und die Diskussionskultur im Internet

Manche Medien sind dazu übergegangen, die Kommentarspalten auf ihren Online-Plattformen zu schließen, andere versuchen sich an alternativen Räumen, um mit ihren Lesern zu diskutieren. Medien, die die Foren bereitstellen, beklagen seit geraumer Zeit einen Verlust der Diskussionskultur und einen rüden bis beleidigenden Ton, den die Leser veranschlagen.

Nun haben sich die Kommunikationswissenschaftler der Universität Hohenheim, Fabian Prochazka und Wolfgang Schweiger, in der Studie "Medienkritik Online" die Kommentare, die Kritik an den Medien äußern, genauer angeschaut. Herausgekommen ist dabei eine differenzierte Betrachtung, die zeigt: Licht und Schatten liegen in den Kommentarspalten der großen Medien nah beieinander.

Neben einer Medienkritik, die pauschal auf den Vorwurf "Lügenpresse" setzt, finden sich unter den Foristen auch "konstruktive Skeptiker", denen etwas an den Medien liegt. "Sie mischen sich ein, weisen auf Fehler hin und wollen die Dinge besser machen. Genau so sollte es in einer Demokratie auch sein", sagt Prochazka im Interview mit Telepolis.

Herr Prochazka, findet in der Leserforen eine Art Rebellion gegen den von den großen Medien gelieferten Journalismus statt?
Fabian Prochazka: Der Journalismus wird in den vergangenen Jahren tatsächlich mit einer Welle der Kritik konfrontiert, die ihm vor allem in Nutzerkommentaren auf Nachrichtenseiten und in Sozialen Medien entgegenschlägt. Diese Kritik hat eine neue Quantität und Qualität. Zu einigen Themen werden sehr viele, auch medienkritische Kommentare abgegeben. Aktuell ist das vor allem die Flüchtlingspolitik, vorher stand vor allem die Berichterstattung zum Ukrainekonflikt im Mittelpunkt der Kritik. Gerade für kleinere Redaktionen ist dieses hohe Kommentaraufkommen teilweise nur noch schwierig zu moderieren. Zum anderen hat sich aber auch die Qualität der Medienkritik geändert.
Was meinen Sie damit?
Fabian Prochazka: Hier beobachten wir seit einiger Zeit eine Zunahme von Vorwürfen, die sich nicht mehr mit konkreten journalistischen Fehlern beschäftigen. Stattdessen wird den Medien pauschal vorgeworfen, gekauft, gesteuert und moralisch verkommen zu sein. Damit einher geht eine zunehmende Verrohung des Diskurses, wenn etwa die Journalistinnen Dunja Hayali und Anja Reschke Mord- und Vergewaltigungsdrohungen erhalten, weil sie sich öffentlich für eine menschenwürdige Flüchtlingspolitik einsetzen. Aber auch weniger prominente Journalistinnen und Journalisten sehen sich teilweise Drohungen gegen Leib und Leben ausgesetzt.
Eine Rebellion würde ich es also nicht unbedingt nennen, aber wir haben auf jeden Fall eine Gruppe von Nutzern, die Medien sehr intensiv kritisieren und davon wieder einen kleinen, aber sehr besorgniserregenden Teil, der auch vor Gewaltaufrufen gegen Journalisten nicht zurückschreckt.
Sie haben zusammen mit Professor Wolfgang Schweiger Foreneinträge systematisch untersucht und wollten wissen, was die kommentierenden Nutzer da eigentlich genau am Journalismus kritisieren. In Ihrer Studie heißt es, dass die Kritik sich vor allem an klassischen journalistischen Qualitätskriterien ausrichtet. Was heißt das? Was stört die Mediennutzer?
Fabian Prochazka: Wir haben in unserer Untersuchung festgestellt, dass sich die Kritik in Leserkommentaren vor allem auf Kernaufgaben des Journalismus in demokratischen Gesellschaften konzentriert: Möglichst wahrheitsgetreu, unabhängig und vollständig über relevante Themen zu berichten. Konkret werfen die Kommentierenden den Medien vor, häufig nicht die Wahrheit zu sagen, zu einseitig zu berichten und Partei zu ergreifen, dafür auch Dinge wegzulassen und nicht alle Seiten zu Wort kommen zu lassen. Das sind sehr grob die Hauptkritikpunkte. Wir haben daraus vier "Typen" von Vorwürfen extrahiert.
Nämlich?
Fabian Prochazka: Der "gesteuerte Medien-Vorwurf" unterstellt vor allem Parteilichkeit, mangelnde Vielfalt und Falschinformationen, die mit einer wahrgenommenen Abhängigkeit von politischen und wirtschaftlichen Eliten begründet werden. Dieser Typ ist mit etwa einem Drittel der Kommentare auch verhältnismäßig am stärksten vertreten. Die zweitmeisten Kommentare entfallen auf den "Sensationsjournalismus-Vorwurf", er unterstellt vor allem mangelnde Relevanz der Themen, eine Tendenz zur Boulevardisierung und ethische Verstöße. Der "Lügenpresse-Vorwurf" besteht vor allem aus der pauschalen Unterstellung, die Unwahrheit zu sagen - Kommentare dieses Typs sind allerdings nur sehr selten mit Argumenten oder Begründungen für die Anschuldigungen versehen. Der vierte und letzte Typ umfasst den "Unfähigkeits-Vorwurf", hier prangern die Kommentierenden vor allem eine unvollständige Berichterstattung an, die sie mit mangelnder journalistischer Kompetenz begründen.
Bevor wir weiter auf die Ergebnisse Ihrer Studie eingehen: Können Sie unseren Lesern zunächst einmal erklären, wie Sie vorgegangen sind?
Fabian Prochazka: Wir wollten ja explizit Medienkritik untersuchen, deshalb haben wir Kommentare zu Artikeln untersucht, die sich mit Medienthemen beschäftigen. Dazu haben wir die neun reichweitenstärksten deutschen Nachrichtenseiten herangezogen, die auch eine Kommentarfunktion anbieten. Das sind Bild, Spiegel, Focus, Die Welt, Die Zeit, Handelsblatt, RP Online, der Westen und die Huffington Post.
Auf deren Seiten haben wir in der jeweiligen Suchfunktion mit bestimmten Suchketten nach Artikeln gesucht, zum Beispiel zu "Journalismus Vertrauen", "Medien Glaubwürdigkeit", "Lügenpresse", "Medienkritik", usw. Aus den Trefferlisten haben wir die Artikel ausgesucht, die sich mit journalistischer Qualität oder mit dem Bild des Journalismus beim Publikum beschäftigen, also etwa Artikel zu Meinungsumfragen zum Journalismus, zu Verfehlungen in den Medien oder zu Preisen, die Journalisten erhalten haben. Das waren insgesamt 239 Artikel im Zeitraum zwischen 1. Januar 2014 und 1. Mai 2015. Jeden dieser Artikel haben wir inklusive Kommentaren abgespeichert und die ersten 30 Kommentare codiert, ihnen also bestimmte Kriterien zugeordnet - etwa welche Kritikpunkte geäußert werden und wie sie begründet werden. Daraus entstand dann ein Datensatz von etwa 3000 Kommentaren, den man statistisch auswerten kann.
Sie haben herausgefunden, dass 73 Prozent der für Ihre Studie relevanten Kommentare negativ waren, also den gebotenen Journalismus kritisiert haben. Erstaunt Sie die große Zahl?
Fabian Prochazka: Nein, ein solches Verhältnis war in etwa zu erwarten. Das kennen wir auch aus anderen Studien so.
Können Sie die Zahl näher einordnen? Sie erwähnen in der Studie ja, dass man berücksichtigen muss, wer da kommentiert.
Fabian Prochazka: Ja, das ist ein sehr wichtiger Punkt. Wir wissen aus einer Reihe von Befragungsstudien, dass nur ein sehr kleiner Teil der Online-Nutzer überhaupt regelmäßig Artikel kommentiert, etwa zehn Prozent. Außerdem wissen wir, dass diese Personen sehr weit weg vom Bevölkerungsdurchschnitt sind: Sie sind tendenziell männlich, älter, überdurchschnittlich stark an aktuellen Ereignissen interessiert und extrovertierter. Die wesentliche Motivation zu kommentieren ist, etwas Neues beizutragen, einer Darstellung zu widersprechen und seine Meinung zu äußern. Deshalb verwundert es nicht, dass sich hier hauptsächlich Personen äußern, die mit den Medien unzufrieden sind. Man sollte also nicht den Fehler machen, die Meinungen in Nutzerkommentaren eins zu eins als Bevölkerungsmeinung zu interpretieren.
Sie führen auch andere Studien an und stellen heraus, dass schon seit den 90er Jahren das Vertrauen in die Medien alles andere als hoch ist und, je nach Studie, etwa 50-60 Prozent der Bevölkerung journalistischen Medien "wenig vertrauen". Hinzu kommen dann noch etwa 10-15 Prozent, die zu den "starken Medienskeptiker" zu zählen seien. Wie erklären Sie sich diese Zahlen? Leiden all diese Leute unter einer verzerrten Wahrnehmung oder gibt es tatsächlich Probleme im Journalismus?
Fabian Prochazka: Langzeituntersuchungen in Deutschland zeigen in der Tat den wenig spektakulären Befund, dass das Medienvertrauen seit den 1990er Jahren relativ stabil, aber eher gering geblieben ist. Gesunken ist aber das Ansehen des Berufs des Journalisten. Die genannten Zahlen zum Medienvertrauen finde ich nicht per se beunruhigend: Oftmals wird den Befragten in solchen Studien keine Mittelkategorie angeboten, so dass sie sich für "mehr" oder "weniger" Vertrauen entscheiden müssen.
Darüber hinaus ist es ja auch wichtig, dass die Bevölkerung den Medien nicht blind vertraut. Aus vielen weiteren Studien und unseren eigenen qualitativen Arbeiten zu Medienvertrauen wissen wir, dass hinter diesen Angaben auch zum größten Teil eine solche gesunde Skepsis steht und die etablierten journalistischen Medien in Deutschland im Großen und Ganzen einen guten Ruf genießen. Das ist übrigens auch im internationalen Vergleich so, wobei das Niveau des Medienvertrauens in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern im oberen Mittelfeld anzusiedeln ist.
Aber es gibt etwas, das Sie beunruhigend finden?
Fabian Prochazka: Ja, beunruhigender finde ich neuere Tendenzen zur Polarisierung, die eine Studie der Uni Mainz kürzlich festgestellt hat.
Tendenzen zur Polarisierung?
Fabian Prochazka: Es gibt eine wachsende Zahl von Personen, die sehr hohes Vertrauen in die Medien haben, gleichzeitig steigt die Zahl derer, die sehr niedriges Vertrauen haben. Sollte sich diese Entwicklung bestätigen, wäre das wirklich Grund zur Besorgnis, denn es würde bedeuten, dass die Mitte verschwindet und wir auf eine Situation zugehen, in der sich zwei getrennte Lager gegenüberstehen.
Welche Gefahr bringt diese Entwicklung mit sich?
Fabian Prochazka: Wir laufen damit Gefahr, einen Teil der Bevölkerung für journalistische Medien und damit für eine gemeinsame Öffentlichkeit zu verlieren. Solche Polarisierungen beobachten wir auch bei anderen Themen in der Gesellschaft, wo die gemäßigten Zwischentöne häufig verloren gehen. Das hängt natürlich auch teilweise mit der Medienberichterstattung zusammen.
Und damit komme ich auch zu Ihrer eigentlichen Frage: Natürlich gibt es Probleme im Journalismus! Websites wie das Bildblog oder Übermedien berichten unermüdlich darüber. Auch im Journalismus arbeiten Menschen, die Fehler machen und auch dort gibt es strukturelle Probleme. Den eben angesprochenen Verlust an Zwischentönen beobachte ich etwa durchaus in der Berichterstattung. Dazu kommen Qualitätsprobleme, die auch mit dem Online-Journalismus zusammenhängen, zum Beispiel als Folge der Erfolgsmessung online: Polarisierende Artikel und Meinungsartikel werden gut geklickt, geteilt und kommentiert und sind damit etwa in den Facebook-Newsfeeds sehr präsent. Gleichzeitig tragen sie zu dem Eindruck bei, es würde nur noch Meinungsjournalismus betrieben. Ein Vorwurf, den wir ja auch in den Kommentaren wiederfinden.
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