"Negative Langzeitkonsequenzen bis in die neuronalen Strukturen hinein"

"Im Silicon Valley wächst die Armut in unvorstellbarem Ausmaß"

Inwiefern stellt für Sie die technologische Rationalität, von der Sie in Ihrem Buch sprechen, eine Art Ideologie dar?
Werner Seppmann: Vorrangig, weil die vorherrschende Form der Digitalisierung in der Regel nicht nur von den Computer-Ideologen als "alternativlos" dargestellt wird, sondern auch von den Nutzern so erlebt wird. Seinen prägenden Ausdruck findet diese avancierte Form eines technologisch-reduktionistischen Denkens in den erbaulichen Geschichten aus den Kommandozentralen des IT-Kapitals, dass mit Hilfe von Computer und Internet alle globalen Probleme gelöst werden können - und zwar auf rein technologischer Grundlage.
Nur fragt es sich, warum mit der Problembekämpfung nicht vor der eigenen Haustür begonnen wird? Denn während die IT-Milliardäre behaupten, durch ihre technologische Dominanz die Welt zu verbessern, wächst vor ihrer unmittelbaren Haustür im Silicon Valley die Armut in unvorstellbarem Ausmaß. Bei den IT-Multis hat sich ein Beschäftigungssystem etabliert, in dem das technologische Fachpersonal Spitzeneinkommen erzielt, während ein Wachmann oder Handy-Verkäufer nicht in Würde und ohne Existenzängste existieren kann. Denn mit den gezahlten Löhnen für dieses "Fußvolk" ist es unmöglich, die exorbitanten Mieten und Lebensunterhaltskosten in den High-Tech-Zentren zu zahlen. Menschen, die fast überall sonst zum Mittelstand gehören würden, kämpfen im Silicon Valley ums Überleben.
Eine Viertelmillion Menschen steht in Kalifornien monatlich an den karitativen Essensausgaben Schlange und Zehntausende leben in Kalifornien in ihren Autos, in Garagen oder ganz auf der Straße, weil sie obdachlos sind, obwohl sie einen regulären Job (und oft auch mehrere) haben - und jedes dritte Kind ist in diesem "Wohlstandsgürtel" der USA ist vom Hunger bedroht.
Welche Folgen wird die Computertechnologie auf die Arbeitswelt und die Beschäftigungszahlen Ihrer Einschätzung nach haben?
Werner Seppmann: Höchstwahrscheinlich nicht jene dramatisch negativen, von denen (um der auflagesteigernden Sensation willen) mit maßloser medialer Übertreibung gesprochen wird. Es gibt viele Gründe dafür, dass die Digitalisierung nicht zu der gegenwärtig befürchteten und beschworenen Massenarbeitslosigkeit führen wird. Verlässliche Prognosen sind zwar letztlich kaum möglich, jedoch scheinen die im Umlauf befindlichen Zahlen über eine epochale Arbeitslosigkeit schon alleine deshalb unzuverlässig, ja geradezu unseriös und absurd zu sein, weil selbst die elementarsten Gesichtspunkte ignoriert werden.
Im Extrem ist ja davon die Rede, dass durch die computergesteuerte Automatisierung in der Bundesrepublik in den nächsten 2 Jahrzehnten 18 Millionen aller Arbeitsplätze wegfallen und eine Phase bisher nicht gekannter Massenarbeitslosigkeit anbrechen könnte. Aber schon die Kleinigkeit wird von den Kolporteuren ignoriert, dass die Autoren selbst nur darüber sprechen, dass sie sich an den prinzipiellen Automatisierungsmöglichkeiten orientieren. Systematisch ignoriert wird auch, dass nicht alle technischen Mechanisierungs- und Computerisierugsmöglichkeiten auch betriebswirtschaftlich einen Sinn ergeben.
Beispielsweise gelten 70 Prozent aller logistischen Abläufe als so komplex, dass sie ökonomisch sinnvoll als nicht automatisierbar gelten. Schon lange experimentiert Amazon mit der Vollautomatisierung seiner Lagerhaltung - bisher vergeblich. Einem dramatischen Anstieg der Arbeitslosigkeit steht übrigens schon die Tatsache entgegen, dass aufgrund der demographischen Entwicklung nach aktuellen Berechnungen bis zur Jahrhundertmitte die Zahl der Menschen in Deutschland im erwerbsfähigen Alter auf unter 29 Millionen absinken wird! Gegenwärtig sind es über 60 Millionen.
Zu bedenken ist auch, dass sich bisher die Prognosen über einen automatisierungsbedingten Arbeitsplatzverlust immer vor der Realität blamiert haben. Und das schon Jahrzehnten! Es sind zwar tatsächlich in einigen Sektoren (in der letzten Zeit computerbedingt) Arbeitsplätze weggefallen - aber an anderen Stellen wieder neue entstanden. Das ist für die unmittelbar Betroffenen nicht unbedingt ein Trost, aber immerhin waren sowohl weltweit, als auch speziell in der Bundesrepublik noch nie so viele Menschen in das Industriesystem integriert wie heute. Gegenwärtig sind es über 44 Millionen. Das ist ein historischer Höchststand. Als Mitte der 90er Jahre übrigens der Bestsellerautor und Politikberater Jeremy Rifkin "Das Ende der Arbeit" ausrief, erreichte kurze Zeit später die US-Beschäftigtenrate den höchsten Stand aller Zeiten.
Leider ist bei den Wortmeldungen zu diesem Thema viel Dilettantismus und Scharlatanerie im Spiel. Ganz typisch war im Februar 2017 eine Veranstaltung der Rosa-Luxemburg-Stiftung in den Räumen des NRW-Landtags. Als "Expertin" und Hauptrednerin wurde Frau Domscheid-Berg (früher Piraten- heute Links-Partei) aufgeboten, die sich die Schauergeschichten über dramatische Arbeitsplatzverluste zum lukrativen Geschäftsmodell erkoren hatte. Als exemplarisches Beispiel dafür, dass "uns die Arbeit ausgeht", wurde von ihr die Herstellung eines Autos durch einen 3-D Drucker (der dreidimensionale Gegenstände durch ein elektronisch gesteuertes Schichtverfahren herstellt) bemüht, das nur noch aus 49, statt der üblichen 5000 Teilen bestünde.
Diese Meldung ist so tatsächlich vor einigen Monaten als Sensation medial verbreitet worden, ohne dass erwähnt wurde, dass es sich bloß um die Produktion der Chassis-Teile gehandelt hat, die um eine vorgefertigte Auto-Plattform herum montiert wurden - die selbstredend aus den restlichen 4.951 Teilen bestand, aus denen ein Auto auch weiterhin besteht und zu deren konventionelle Herstellung es noch lange keine betriebswirtschaftlich sinnvolle Alternative geben wird. Also pointiert gesagt ist die Grundlage ihrer Sensationsmeldung das Unwissen von Frau Domscheid-Berg darüber, dass ein Auto aus technischen Aggregaten, aus Reifen, elektronischen Bestandteilen, Achsen, Bremsen, Glasscheiben und so weiter besteht.
Es gibt also keinen Grund zur Sorge hinsichtlich der zukünftigen Beschäftigungsentwicklung?
Werner Seppmann: Das bestimmt nicht. Denn es wird durch die Informatisierung zu tiefgreifenden Veränderungen in der Arbeitswelt kommen. In vielen Bereichen wird kein Stein auf dem anderen liegen bleiben. Und es sieht nicht so aus, als ob diese Umwälzungen zum Vorteil der Beschäftigten ausfallen werden. Jedenfalls nicht für deren größten Teil. Selbst wenn es also im günstigsten Fall der Arbeitsplatzverlust durch die Digitalisierung keine katastrophischen Ausmaße annehmen wird, sondern "nur" eine oder zwei Millionen (von denen in seriöseren Untersuchungen für die nächsten 2 bis 3 Jahrzehnten die Rede ist) Arbeitsplätze verloren gehen, wird es einen gravierenden Strukturwandel in der Arbeitswelt und massive Umschichtungen geben.
Und bei denen werden die heute schon prägenden Dequalifizierungstendenzen eine große Rolle spielen. Dadurch werden sich die Spaltungslinien in der Arbeitswelt, die ja auch jetzt zwischen den Stammbelegschaften und den prekär Beschäftigen existieren, verbreitern. Vorrangig deshalb, weil Computerisierung und berufliche Abwertungstendenzen die beiden Seiten der gleichen Medaille sind.
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