"Negative Langzeitkonsequenzen bis in die neuronalen Strukturen hinein"

"Die Hightech-Bereiche sind von einer Peripherie sogenannter einfacher Arbeit umstellt"

Dennoch wird von der Wirtschaft und der Politik von der Notwenigkeit qualifizierter Ausbildung gesprochen.
Werner Seppmann: Zweifellos wird sie auch benötigt, weil auch neue qualifizierte Arbeitsplätze entstehen werden. Sie sind für Informatiker beispielsweise ja auch schon in den letzten beiden Jahrzehnten vermehrt entstanden. Aber weiter ausdehnen werden sich die Zonen unqualifizierter und prekärer Arbeit. Denn dass Automatisierung, Rationalisierung und technologische Aufrüstung zu einer prinzipiellen Höherqualifizierung der Arbeitenden auch im Industriesektor führen würden, hat sich in der Vergangenheit als Illusion erwiesen. Neue qualifizierte Arbeitsplätze sind in den letzten Dekaden zwar entstanden, jedoch nur für eine, wenn auch umfängliche Minderheit.
Die High-Tech-Bereiche sind von einer Peripherie sogenannter einfacher Arbeit umstellt. Und diese Zonen werden sich weiter ausdehnen. Hinzu kommt, dass durch die Digitalisierung es noch einfacher möglich sein wird, Bereiche auszulagern und auch die Beschäftigten gegeneinander auszuspielen.
Können Sie für diese Dequalifizierungsprozesse ein Beispiel anführen?
Werner Seppmann: Ja, ein sehr naheliegendes: Das Zukunftsmodell prekärer Arbeit ist schon heute gerade in Unternehmen Realität, die als Inbegriff einer "Digitalen Ökonomie" gelten. Zum Beispiel Amazon: Einige tausend Beschäftige mit qualifiziertem Ausbildungs- und Anforderungsprofil stehen den 100.000 Lagerarbeitern und Hilfskräften (deren Tätigkeit statistisch und tarifvertraglich in Deutschland als "einfache Dienstleistung" kategorisiert wird) gegenüber, die bei diesem prosperierenden Internet-Händler global tätig sind.
Das Heer der bei anderen Unternehmen tätigen Logistikarbeitern, die mit Zuliefertätigkeiten beschäftigt sind, aber dem Gesamtsystem Amazon, ebenso wie die Vielzahl der Auslieferungsfahrer (von denen ein großer Teil als Scheinselbstständige einem besonders hohen Existenz- und Leistungsdruck ausgesetzt sind) zugerechnet werden müssen, ist bei diesen Zahlen noch gar nicht berücksichtigt. Schätzungen gehen davon aus, dass zu diesen Beschäftigtensegmenten noch ein Heer von 500.000 digitalen Tagelöhnern, von sogenannten Click-Workern hinzu kommt, die nur temporär, je nach Arbeits- und Aufgabenanfall (oft zu Elendslöhnen), beschäftigt werden.
Gleichfalls typischer für die digitale Arbeitswelt als Informatikertätigkeiten sind auch die Zustände in den prosperierenden Callcentern, in denen in der BRD eine halbe Millionen Menschen beschäftigt sind. Und in diesem Bereich (der ja auch einer angeblichen "Neuen Ökonomie" zugerechnet wird) begegnen uns flächendeckende Zustände eines regelrechten Grauens, denn es gibt ein System rigoroser Überwachung und einen ungeheuren Leistungsdruck. Trotzdem können viele Beschäftigte von ihren Einkommen in den Call-Centern nicht leben. Weniger wegen des geringen Stundenlohns, sondern weil es sich meist um Teilarbeitsplätze handelt. Statt 40 Stunden werden sie oft nur 25 Stunden beschäftigt, weil niemand länger den Leistungsdruck, die psychische Anspannung und emotionale Vorausgabung aushält.
Vor allem die beiden letzten Belastungsmomente sind groß, weil die Call-Center-Mitarbeiter beispielsweise als Telefonverkäufer systematisch die Menschen, mit denen sie sprechen, hinters Licht führen, sie bei Verkaufsgesprächen belügen und betrügen müssen. Weil die Beschäftigten in den Call-Centern von ihrem 25- oder 30-Stundeneinsatz nicht leben können, sind sie gezwungen, sich Zweit- und Drittjobs zu suchen. Es gibt also viele schlechte Gründe, besorgt in die Zukunft zu blicken - auch wenn "uns" die Arbeit nicht ausgeht.
Aber gibt es nicht Bereiche in der Arbeitswelt, in der die Digitalisierung Vorteile für die Beschäftigten liefert?
Werner Seppmann: Die gibt es sicherlich, aber es sind nur Reservate und Randbereiche. Ich frage jeden, der von einer "Digitalisierungsdividende" für die Belegschaften spricht und sich in der Arbeitswelt auskennt, wo denn davon etwas zu sehen ist. Ich habe wirklich viele gefragt, aber kaum überzeugende Antworten erhalten. Meist erwecken Gewerkschafter aus den Führungsetagen auch den Eindruck, dass die Digitalisierung erst noch kommen würde, also ein Zukunftsprojekt wäre. Aber in vielen Bereichen der Arbeitswelt ist sie schon bittere Realität.
Bittere Realität deshalb, weil der Computer auch als Kontrollinstanz und Leistungsstimulator eingesetzt wird: Zu den Beispielen einer intensivierten Lenkung der Beschäftigten durch den Computereinsatz gehört z. B. die umfassende Kontrolle und digitale Steuerung von Lagerarbeitern, die einen Computer am Körper tragen, der ihnen jeden Arbeitsschritt vorschreibt. Jedoch von zunehmender Bedeutung ist auch die digitale Organisation von Administrationsarbeit. Dass trotz allem Partizipationsgeredes in der Arbeitswelt das Streben nach Kontrolle und Verfügung, ebenso wie ein digital stimulierter Leistungsdruck dominiert, bestätigt die schon jahrzehntealte Charakterisierung des Computers durch den Kybernetik-Pionier Norbert Wiener als "Kommando-und Kontrolltechnologie".
Wie reagieren die Betroffenen drauf?
Werner Seppmann: Nicht ohne Grund macht sich in den Belegschaften und bei den Betriebsräten vor Ort, in Gegensatz zu den gewerkschaftlichen Leitungsebenen, zunehmend Skepsis breit. Die Stimmung in den Betrieben ist aufgrund der Erfahrung mit der Digitalisierung in kürzester Zeit umgeschlagen. Kaum zwei Jahre ist es her, dass sich die Hälfte der Lohnabhängigen vom verstärkten Computereinsatz auf ihrem Arbeitsplatz positive Konsequenzen erhofften. Aber mittlerweile hat sich das Stimmungsbild gewandelt, ist der Anteil der prinzipiell optimistisch gestimmten Beschäftigten auf ein Drittel gefallen. Während das Management von "neuen Gestaltungsspielräumen für die Mitarbeiter" spricht, macht sich eine fundamantale Skepsis breit, weil von den propagierten positiven Effekten des fortschreitenden Einsatzes der Mikroelektronik im Arbeitsalltag nicht viel zu sehen ist.
In einer aktuellen DGB-Umfrage betonen 91 Prozent der Befragten, dass durch die Digitalisierung ihre Arbeitsbelastung größer geworden oder bestenfalls gleich geblieben ist. Fast die Hälfte (46 Prozent) spricht konkret von gestiegenen Anforderungen und einem größeren Leistungsdruck.

In Teil 3 des Gesprächs äußert sich Werner Seppmann zum Einfluss Friedrich Nietzsches auf die "Kalifornische Ideologie" und ihre seiner Ansicht nach "faschistoiden Tendenzen".

Zu Teil 1: Der Mann, der vor Computern warnt (Reinhard Jellen)

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