Nemzow-Mord - gibt es eine rechtsradikale Spur?

Trauermarsch am Sonntag in Moskau. Bild: U. Heyden

Mehrere zehntausend Menschen gedachten am Sonntag des Mordes an dem russischen Oppositionspolitiker Boris Nemzow

Ein großer, stiller Trauerzug bewegte sich am Sonntag von der Moskauer Metro-Station Kitai Gorod bis zur Moskworezkij-Brücke vor dem Kreml. Dort war in der Nacht auf Sonnabend der russische Oppositionspolitiker Boris Nemzow von einem Unbekannten erschossen worden. Unter den Demonstranten waren Liberale und harte Putin-Gegner als auch Menschen, die an Boris Nemzow einiges auszusetzen haben, aber erschrocken waren, dass ein bekannter Politiker und ehemaliger Vizepremier nur 200 Meter vom Kreml entfernt erschossen wurde.

Die Demonstration an der nach Angaben der Veranstalter über 50.000 Menschen, nach Angaben der Polizei 20.000 Menschen teilnahmen, verlief erstaunlich ruhig. Die Polizei hatte den Zugang zum Roten Platz abgesperrt. In russischem Fernsehen war vor Ausschreitungen und gar vor dem Beginn eines Bürgerkrieges gewarnt worden. Aber unter den Demonstranten, vorwiegend gut ausgebildete Moskauer, gab es sichtlich keine Gewaltbereitschaft. Die Menschen gingen still und gefasst.

Nur ein kleiner Trupp mit ukrainischen Flaggen und einem Transparent auf dem die Freiheit für die in Russland in Haft sitzende ukrainische Pilotin Nadjeschda Sawtschenko gefordert wurde, versuchte die Demonstranten zum Parolen-Rufen zu animieren, was aber nur teilweise gelang. Es wurde gerufen "Putin ist ein Räuber", "Russland ohne Rasputin", "Kein Krieg", "In Kiew sind Brüder, im Kreml eine Junta", "Nieder mit Putin", "Nieder mit der Macht der Tschekisten".

Bild: U. Heyden

Der Trauermarsch lief insgesamt ruhig. Die Polizei verhaftete jedoch zwanzig Personen, darunter Aleksej Gontscharenko, einen Abgeordneten des ukrainischen Parlaments. Gontscharenko trug ein T-Shirt mit dem Porträt von Nemzow und der Aufschrift "Helden sterben nicht".

Die russischen Sicherheitsbehörden verdächtigen den aus Odessa stammenden Abgeordneten Gontascharenko der Teilnahme an den Angriffen auf das Gewerkschaftshaus in Odessa am 2. Mai 2014 (Gab es Drahtzieher der Tragödie von Odessa?). Rechte Aktivisten hatten damals das Gebäude, in das sich Regierungsgegner geflüchtet hatten, mit Molotow-Cocktails beworfen. Bei dem Brand des Hauses starben mindestens 42, wahrscheinlich aber über 100 Menschen.

Blumen am Tatort. Bild: U. Heyden

Direkt an dem mit Blumen überhäuften Tat-Ort traf ich auf eine Gruppe von Mathematik-Studenten. Wie sie sich fühlten? "Es ist etwas Furchtbares geschehen", meinte einer der Studenten, "und es wird noch schrecklicher." Was er genau befürchtete, sagte der Student nicht.

Schon zu Beginn der Demonstration war ich mit der 29-jährigen Verlagsangestellten Mascha ins Gespräch gekommen. Warum sie demonstriere? "Ich bin heute gekommen zum Gedenken an einen Menschen, der ermordet wurde. Es ist nicht wichtig, was für Ansichten ein Mensch hat. Mord ist unmenschlich." Mascha erzählte, dass sie gewöhnlich nicht zu Protestaktionen der Opposition geht. Warum? "Die Vertreter der Opposition, die es heute in Russland gibt, vertreten nicht meine Ansichten. Sie sind sehr liberal, ganz pro-westlich. Ich habe mehr eine gemäßigte, zentristische Position."

Nicht nur der Mord an Nemzow bewegte die Demonstranten. Im Trauerzug waren auch ukrainische Fahnen und Menschen mit Ansteckern gegen den Krieg in der Ukraine zu sehen.

Psychologin Inna: "Das ist zu grell, zu offen." Bild: U. Heyden

Die 33-jährige Psychologin Inna erklärte: "Ich ärgere mich schon lange über die Politik gegenüber Homosexuellen, die Bildungspolitik und die Sozialpolitik. Ich arbeite als Psychologin mit Kindern, die in sich in einer schwierigen Lage befinden. Bei jeder Wahl hoffe ich, dass nicht Geld in die Rüstung sondern in den Sozialbereich investiert wird." An eine Außenbedrohung Russlands glaubt Inna nicht. Ob Putin an dem Mord schuld ist, wie westliche Medien nahelegen? "Ich mag Putin nicht, aber er ist kein Dummkopf. Ich glaube nicht, dass er dahinter steckt. Ich glaube nicht, dass er das Prestige unseres Landes so aufs Spiel setzt. Das ist zu grell, zu offen."

Wladimir ein junger Geschäftsmann, der Internet-Projekte betreut, erklärte, Russland drohe keine Gefahr von außen. "Anstatt sich mit unseren inneren Problemen zu beschäftigen, kämpfen wir in der Ukraine. Der äußere Feind ist ein Mittel, das Rating zu erhöhen." Und die Angriffe auf die Wohnviertel in Donezk? Könne man die russische Besorgnis nicht verstehen? "Russland hat zwei Tschetschenienkriege geführt. Wir haben die Region dort dem Erdboden gleichgemacht." Nein, er habe das damals nicht kritisiert. "Ich bin der Meinung, dass man für die Souveränität eines Landes kämpfen muss."

Plakat "Propaganda tötet". Bild: U. Heyden

Das staatliche russische Ermittlungskomitee, Moskauer Medien und russische Kommentatoren nennen mehrere mögliche Hintergründe für den Mord an dem Oppositionspolitiker. An erster Stelle rangiert die These, dass bestimmte Kräfte die Situation in Russland destabilisieren wollen. Manche halten es für möglich, dass der ukrainische Rechte Sektor in den Mord verwickelt ist. Belege für diese These gibt es allerdings nicht.

Als weitere mögliche Hintergründe der Tat genannt wurden, die von Nemzow öffentlich bekundete Solidarität mit dem französischen Satire-Magazin Charlie Hebdo. Diese wenig wahrscheinliche Version würde auf eine Tat von radikalen Islamisten hindeuten. Wenig wahrscheinlich ist auch die dritte Version, nach der Nemzow aufgrund eines innerukrainischen Konfliktes getötet wurde. Nemzow war während nach der Orangenen Revolution (2004) Berater des ukrainischen Präsidenten Viktor Juschtschenko und war auch in letzter Zeit häufig in Kiew.

Schon wahrscheinlicher ist die vierte Version, nach welcher der Oppositionspolitiker wegen eines Konflikts mit Geschäftspartnern erschossen wurde. Nemzow arbeitete 2004/2005 im Konzern Neftjanoj und soll noch in weiteren Unternehmen tätig gewesen sein.

Der Ort und der Zeitpunkt des Mordes deuten auf einen politischen Mord hin. Nemzow wurde zwei Tage vor der schon länger geplanten Oppositions-Demonstration "Wesna" (Frühling) erschossen. Die Kugeln trafen den Oppositionspolitiker nur 200 Meter vom Kreml entfernt.

Der russische Fernsehkanal NTW deutete an, Nemzow sei von möglicherweise in eine Falle geraten. Er habe mit Anna Durizkaja, einem 26 Jahre alten Fotomodell aus Kiew, im Warenhaus GUM zu Abend gegessen. Dann sei er mit der jungen Dame zu Fuß über die Brücke gegangen, in Richtung seiner Wohnung, die auf der anderen Seite der Moskwa liegt. Direkt auf der Brücke wurde er dann niedergeschossen.

In einer NTW-Talk-Show am Sonnabendabend stellte der russische Ultra-Nationalist Wladimir Schirinowski die These auf, das Fotomodell, welches Nemzow vor drei Jahren in Kiew kennengelernt haben soll, habe ihn im Auftrag des ukrainischen Geheimdienstes, SBU, zu einem Spaziergang über die Brücke überredet. Ein NTW-Nachrichtensprecher erklärte, es sei höchst auffällig, dass die Dame von keiner der insgesamt sieben Kugeln getroffen wurde.

Offenbar um die Emotionen nicht anzuheizen, nahm der Fernsehkanal NTW am Sonntagabend-Programm den Film "Anatomia-Protesta 4" aus seinem Programm. Die Fernsehserie im Dokumentations-Stil versucht zu beweisen, wie die Oppositionsbewegung in Russland von den USA gesteuert wird. Die Serie startete unmittelbar nach den Protesten auf dem Bolotnaja-Platz, auf dem beginnend im Dezember 2011 Großdemonstrationen für faire Wahlen stattfanden.

"Keine Worte". Bild: U. Heyden

Der Internet-Fernseh-Kanal Lifenews.ru, der über gute Beziehungen zur Polizei verfügt, berichtete, Nemzow sei mit einer Makarow-Pistole umgebracht worden. Am Tatort wurden sechs 9-Millimeter-Patronen-Hülsen unterschiedlicher Hersteller gefunden. Der Polizei lägen aufgrund von Zeugenaussagen eine Beschreibung des Täters vor. Der Zeuge Viktor M., der während des Mordes 80 Meter hinter Nemzow und seiner Begleiterin ging, soll berichtet haben, dass der Täter 170 bis 175 Zentimeter groß ist und kurze, schwarze Haare hat. Während der Tat habe er eine blaue Jeans und einen braunen Pullover getragen. Viktor M. berichtete, Nemzow sei in seinen Armen gestorben.

Die Hauptzeugin, Anna Durizkaja, welche Nemzow begleitet hatte, erklärte den Ermittlern, sie könne sich an nichts erinnern, weil sie sich in einem Schockzustand befunden habe. Durizkaja lebt jetzt in einer Wohnung eines Nemzow-Anhängers. Nach Angaben der Internetzeitung newsru.com wird sie von Sicherheitskräften bewacht und nirgendwo hingelassen. Der ukrainische Konsul habe sich mit der Hauptzeugin getroffen. Einzelheiten der Unterhaltung wurden nicht bekannt.

Für Überraschung sorgte ein Video, welches am Sonnabendabend vom Fernsehkanal TV-Zentr veröffentlicht wurde. Bei dem Video handelt es sich um die Aufnahme einer Überwachungskamera. Obwohl die Kamera in einigem Abstand von dem Ort des Mordes installiert ist und die Personen und Autos, welche zur Tatzeit die Brücke passierten nicht deutlich zu erkennen sind, lässt sich erkennen, dass die Schüsse nicht wie bisher angenommen aus einem vorbeifahrenden Auto abgegeben wurden. Der Attentäter geht auf Boris Nemzow zu, schießt und flüchtet dann in ein Auto. Außerdem sind auf dem Video viele andere Personen und stoppende Autos zu sehen. Viele Fragen, was am Tatort genau passierte, sind also noch offen.

Wie die Nachrichtenagentur Ria Novosti berichtete, werden die Untersuchungen im Mordfall Nemzow von dem Ermittler Igor Krasnow geleitet. Dieser hatte den von russischen Faschisten verübten Doppelmord an dem linken Anwalt Stanislaw Markelow und der Journalistin Anastasia Baburowa (verübt 2009) sowie den Anschlag auf den russischen Spitzenbeamten und ehemaligen Chef-Reformer Anatoli Tschubais (verübt 2005) geleitet. In allen drei Mordfällen wurden die Täter ermittelt und hinter Gitter gebracht.

Nach Angaben des Internet-Kanals Lifenews.ru flüchtete der Täter mit einem Lada VAS-21102 silberner Farbe. Das Auto stammt laut Kennzeichen aus der nordkaukasischen Region Ossetien. Russische Kommentatoren halten es jedoch für möglich, dass sowohl das Auto-Kennzeichen als auch die unterschiedlichen Patronen den Verdacht in eine falsche Richtung lenken sollen.

Das russische Ermittlungskomitee setzte drei Millionen Rubel (44.000 Euro) für "wertvolle Informationen für die Ermittlungen" aus. Augenzeugen der Tat wurden aufgerufen, sich über ein Telefon des Vertrauens an die Polizei zu wenden.

Westliche Medien behaupteten, Nemzow habe eine Enthüllung über eine Beteiligung Russlands am Ukraine-Krieg geplant. Auch wurde behauptet, Nemzow sei der führende russischen Oppositions-Politiker und Anti-Korruptions-Kämpfer Russlands gewesen. Tatsache ist jedoch, dass die politische Karriere des Ermordeten schon 1998 endete, als er im Zuge der russischen Finanzkrise seinen Posten als Vizeministerpräsident verlor. 2008 war das Jahr, in dem die westlich orientierten Reformer in der russischen Regierung endgültig das Vertrauen der Bevölkerung verloren, wovon Putin bis heute profitiert.

Die von Nemzow geführt Partei der Rechten Kräften (SPS) scheiterte bei den Duma-Wahlen 2003 an der Fünf-Prozent-Hürde. Allerdings wurde Nemzow im September 2013 als Abgeordneter der liberalen Klein-Partei RPR-Parnas im Gebietsparlament von Jaroslawl - einer Region im Norden von Moskau - gewählt.

Auf den Demonstrationen gegen die Wahlfälschungen im Dezember 2011 und Frühling 2012 war Nemzow nicht der wichtigste Sprecher. Die Protestbewegung wurde von neuen, unverbrauchten Personen wie dem Rechtsliberalen Aleksej Nawalni ("Spezialoperation" Nawalny) und dem Linksradikalen Sergej Udalzow ("Der Putin-Clan schöpft die ganze Sahne ab")angeführt. Beide stehen jetzt unter Hausarrest.

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