Neonfarben, Haarsprayfrisuren und Geistiges Eigentum

Der Lieblingsbegriff der Verwerter-Industrie ist ein Produkt der 80er Jahre. Wer hätte das gedacht?

Sprache ist ein Herrschaftsinstrument, dass wissen wir bereits, und Linguisten untersuchen dieses Instrument und seine Wirkungen schon länger. Mit dem Fortschreiten der digitalen Durchdringung unserer Gesellschaft stehen aber weitere Mittel zur Verfügung, die uns zusätzliche Informationen verschaffen können.

So benutzte der notorisch bekannte US-Techblogger Mike Masnick die Stichwortsuche in Google Books ("Books Ngram Viewer") für Aufklärung und Vernunft beim kontroversen Thema der geistigen Nutzungsrechtsbegriffe. Da sich die prozentuale Häufigkeit in gedruckten Veröffentlichungen seit dem späten 18ten Jahrhundert ausgeben lässt, malt Google auch hier auf Wunsch farbkräftige Kurven und erzeugt damit ein klares, sofort überzeugend wirkendes Bild.

Patente sind keine Modeerscheinung, sondern ein seit Beginn des Darstellungszeitraums (etwa 1780) heftig diskutierter Begriff. Besonders stark in jener Ära des industriellen Aufbruchs, sowie im Wirtschaftswunderblütenmeer der 1950er Jahre; nicht so sehr dagegen in den letzten Dekaden. Anders das Copyright, die käufliche Schwester unseres kontinental-wertkonservativen Urheberrechts. Seit dem Jahr 1800 nimmt die Verwendung und Bedeutung des Konzepts einer frei handelbaren Verwertbarkeit von Text, Ton oder Bild mehr oder minder linear zu und stellt heute den meist verwendeten Term des Genres. Der mitunter irrtümlich im selben Topf zu findende Markenrechtsbegriff ("trademark") ist kaum vor dem Ende des Ersten Weltkriegs 1918 in Druckwerken zu finden und nimmt an Beliebtheit seither nur langsam zu.

Der Überraschungsgast der Statistikparty ist aber das "Geistige Eigentum" ("intellectual property"), welches vor dem Jahr 1980 nicht zu nennenswerter Beachtung gelangte. Ist dieser gern missbrauchte Kampfbegriff also ein neonschillerndes Produkt des New Wave, die ehemals neue geistige Welle des industriellen Besitzanspruchs? Das kann hier nicht mit wissenschaftlicher Genauigkeit festgestellt werden. Welche Begriffe von der Ölindustrie des 21. Jahrhunderts zu welchen Zwecken erfunden oder eingesetzt wurden, ist allerdings Gegenstand kommender Sprachforschung, gerne auch unter Verwendung der Google Stichwortsuche. Ein deutlicher Hinweis auf bestehenden Forschungs- und Diskussionsbedarf ist die abgebildete Grafik allemal. (Fritz Effenberger)

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