Nepal: Von der Schwierigkeit, ein Wasserkraftwerk am Laufen zu halten

Rujidhan und Minister Sharma am Lehmofen. Foto: Gilbert Kolonko

Dörfler müssen nicht nur davon überzeugt werden, ihre Rechnungen zu bezahlen, sondern auch einsehen, dass Rücklagen angelegt und Turbinen gewartet werden müssen

Von der schiefen Holzterrasse des Flughafenhotels in Kolti im Bajura-Distrikt, der einer der ärmsten Nepals ist, kann die Ankunft der selbsternannten Botschafter des Fortschritts beobachtet werden. Gutgenährte Hauptstädter steigen dort am späten Morgen aus den kleinen Flugzeugen. Abends kehren Mitarbeitergruppen von NGOs zu Fuß (und in der Regel völlig demoralisiert) aus abgelegenen Dörfern zurück. In diesen Dörfern waltet seit Jahrhunderten die Natur mit ihrer natürlichen Auslese. Wer diese überlebt, lässt sich nicht in kurzfristig angelegten Projekten eines besseren belehren.

Ich bin hier geboren und noch immer ist der Westen Nepals weit hinter dem Rest des Landes zurück. Um das zu ändern reicht Geld alleine nicht aus. Es braucht kontinuierliche, mühselige Arbeit und es geht nur zusammen mit den Menschen vor Ort.

Das sagt Nepals Energieminister zu mir am Lehmofen im Dorf Lukumgau. Dass etwas auch schnell gehen kann, zeigte er in Zusammenarbeit mit Kul Man Ghising kurz nach seinem Amtsantritt vor ein paar Monaten mit dem "Wunder" von Katmandu, nachdem seine maoistische Partei (CPU-M-Centre) als Juniorpartner ins Regierungslager gewechselt war: Katmandu und der Rest des städtischen Nepals haben plötzlich kaum noch Stromausfälle.

Janardhan Sharma und Ghising deckten damit auf, dass die politische Elite den Strom in Nepal über Jahre künstlich knapp hielt und ihn unter der Hand verkaufte. "Die Namen werde ich erst nennen, wenn ich unser Stromproblem gelöst habe. Ich kann jetzt nicht noch mehr Nebenkampfplätze gebrauchen. Einer von denen macht mir gerade schon wieder Probleme" antwortet mir Sharma auf Nachfrage. Hinter uns kocht das Gemüse. Seitlich von uns sitzt der 85-jährige Vater des Hausherrn im Bett.

Dorfbewohner, Minister und Anhang beim Tanzen. Foto: Gilbert Kolonko

Unser Gastgeber, der 62-jährige Lehrer Rujidhan, legt angespannt eine Fuhre Holz neben uns ab. Vor vier Jahren war es vor allem ihm zu verdanken, dass Lukumgau ein eigenes 85-KW-Wasserkraftwerk bekam. Doch schnell lernten viele der 2800 neuen Strombesitzer wie man den Stromzähler manipuliert. Dazu wurden staatliche Fördermittel nicht ausgezahlt. Rechnungen konnten nicht beglichen werden. Die Baufirma des Kraftwerks lieferte die Blitzableiter nicht - dann schlug der Blitz ein.

Ständig laufen Polizisten, Leibwächter oder Dorfbewohner durchs Bild - auf dem Hof wird unter hörbar reger Teilnahme eine Ziege geschlachtet. Dann sitzt Laxmi, die Frau des Ministers neben mir, während ich Zwiebeln hacke: "2003 habe ich dort wochenlang jeden Tag Wäsche für die Kameraden gewaschen", sagt sie und zeigt mit melancholischen Gesichtsausdruck auf ein nahes Plateau. Damals wurden sie und ihr Mann Terroristen genannt und Sharma trainierte eine maoistische Rebelleneinheit für den Überfall auf das Polizeiausbildungslager in Bhaluwang, bei dem 42 Polizisten getötet wurden.

Drei Jahre später trat König Gyanendra zurück und Nepal wurde eine Demokratie, mit den typischen Geburtswehen die bis heute andauern. Auch wenn es am Ende die Zivilbevölkerung Nepals war, die in einem 23-tägigen Generalstreik das Ende des letzten hinduistischen Königreichs unserer Erde besiegelte: Es waren die maoistischen Rebellen, die in einem 10-jährigen Guerillakrieg das alte System mürbe gemacht hatten. Der Preis waren mehr als 17.000 Tote.

Auf dem Mittel-West-Highway geht es noch meistens zu Fuß. Foto: Gilbert Kolonko

Später sitzen Einheimische mit Roksi, einem selbstgemachten Schnaps, neben dem Lehmofen und diskutieren eifrig wie laut. Alle 10 Minuten kommt der Sicherheitschef des Ministers zu ihnen und bittet um etwas Ruhe, wobei er so tut, als sehe er die Schnapsgläser nicht. Im Gegenzug versucht die fröhliche Gemeinde, so zu tun, als trinke man nur Wasser. Sie erinnern sich der Zeit des maoistischen Aufstandes und haben das damalige Alkoholverbot noch im Hinterkopf. Als die Ruhe gegen 2 Uhr morgens einkehrt, verschaffen sich die bellenden Hunde Gehör, wie in Nepals Dörfern üblich.

Ein paar Stunden später sitzt Sharma mit den Dorfältesten auf der Terrasse und hört zu. Die angesprochenen Probleme sind zahllos. Rujidhan erwähnt die umgerechnet 40.000 Euro Schulden, auf denen das Dorf wegen des Wasserkraftwerks sitzt, aber erinnert auch daran, wie wichtig es ist, dass die 500 Familien nun dauerhaft ihre monatlichen 100 Rupien (etwa 90 Eurocent) für den Strom bezahlen. Als der Minister das Wort ergreift, gibt es nicht die gewöhnlichen Versprechungen asiatischer Politiker zu hören, alles schnell in Ordnung zu bringen. Der Minister erklärt, dass er kein Zauberer und seine finanziellen Mittel begrenzt seien - und wird dann gegen sein bisheriges Auftreten emotional: "Wenn ihr mir nicht helft, wird hier gar nichts voran gehen."

100 Meter unterhalb des Dorfes am Kraftwerk spreche ich mit Surendra Mohad, einem jungen Ingenieur: "Ich hatte für die Firma gearbeitet, die im hiesigen Rukum-Distrikt 18 Wasserkraftwerke aufgestellt hat, aber schon nach zwei Monaten sah ich, das hier nichts mehr zu retten war. Herr Pant, der Chef, ist kein schlechter Mensch, aber er ist im Straßenbau tätig und hat keine Ahnung von Wasserkraftwerken. Die Dorfbewohner wollten dazu nicht verstehen, dass es nicht damit getan ist, ein Wasserkraftwerk zu besitzen. Es muss gepflegt werden, finanzielle Reserven angelegt und Ersatzteile gekauft werden, dass sie parat sind, wenn unvermeidliches passiert. So kündigte ich.

Doch dann bekam ich einen Anruf von Sharma und er eröffnete mir seinen Plan die Wasserkraftwerke zu retten." Dann antwortet er schmunzelnd: "Nein, er hat mich nicht eingestellt. Das wenige Geld, das Sharma zur Verfügung hat, wurde benötigt, um finanzielle Löcher zu stopfen. Ich arbeite seit ein eineinhalb Jahren ehrenamtlich. Immer wenn etwas Geld hinein kommt, fragt mich H. Pant ob ich etwas brauche … "

Dann wird Surendra ernster. "Ich habe das getan, weil ich das Prinzip von Sharma verstanden habe. So habe ich auch ein paar fähige Menschen aufgetrieben und die Dorfbewohner mit der Hilfe von Rujidhan überredet, diese monatlich zu bezahlen, damit sie die Kraftwerke instandhalten. Rujidhan hat weitsichtig auf 85 KW gesetzt, obwohl man aktuell nur 20 KW verbraucht. Der Mittel-Hill-Highway unterhalb des Dorfes wird bald ausgebaut und der restliche Strom kann an die Straßenbaufirmen verkauft werden. Später werden auch die Dorfbewohner mehr Strom benötigen. Im Juli werde ich meine Arbeit beendet haben und wie es aussieht, können wir den Weiterbetrieb von 17 der 18 Wasserkraftwerke sichern."

Die Schamanen im Gleichschritt. Foto: Gilbert Kolonko

Eine Stunde später ist Lukumgau wieder Mittelalter mit Strom und die Eröffnungsfeierlichkeiten im vollen Gang. Solange die lokalen Ärzte, die Schamanen, vor der Ehrenloge tanzen, ist die Stimmung prächtig - vor allem, wenn einer von ihnen wegen zu viel Roksi das Gleichgewicht verliert. Kurzeitig tanzt sogar alles, inklusive Minister und Anhang. Doch als Sharma ans Mikrophon tritt, lässt der Unternehmer H. Pant seinen Hubschrauber anwerfen - ab und zu tapfer schmunzelnd bringt der Minister seine Rede vor ein paar Dutzend Dorfbewohnern, die entweder höflich sind oder einfach zu alt um hochzukommen, über die Bühne.

Noch immer geht jedes Jahr eine halbe Million nepalesischer Männer der Arbeit wegen ins Ausland - vorwiegend in die Golfstaaten und Malaysia. Dort sorgen diese Männer mit ihren Überweisungen für ein Drittel des nepalesischen BIP. Noch immer sind es internationale Hilfsgelder, die ein weiteres Drittel ausmachen. Noch immer ist von einem eigenen Wirtschaftsleben nicht zu sprechen. Dazu ist die neue Verfassung immer noch nicht in Kraft, weil sich die Eliten aus den Mittelgebirgsregionen und die des Flachlandes um die Pfründe streiten. Aber im Gegensatz zum Nachbarn Pakistan, wo Hoffnungsträger wie Imran Khan glauben, Macht allein würde alle Probleme lösen, gibt es in Nepal Fortschritt, der Hoffnung macht. (Gilbert Kolonko)

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