Nerd mit Sechs

Wann dürfen sie ran?

In den dicken Mauern einer Wohnung, erbaut im Jahre 1921, herrscht deutlich hörbar jetzt der frische Geist des 21.Jahrhunderts. Sattes Röhren von virtuellen Rennboliden im Kinderzimmer, eine mit R&B-Rhythmen unterlegte Fotoslideshow auf dem Monitor im Wohnzimmer und im Schlafzimmer MTV-Werbespots.

Der Siebenjährige läuft zwischen Papa, Mitbewohner, Besucher und den verschiedenen Bildschirmstationen herum, demonstriert kurz seine Fingerfertigkeit beim "Car-Racing-Game", blättert mit der Maus blitzschnell die Fotos vom Kindergeburtstag durch, bis er das Lieblingsbild gefunden hat, und rennt ins Schlafzimmer, wo er ein paar Hip-Hop-Bewegungen vortanzt. Auf Fragen reagiert der Junge nur einsilbig, schüchtern. Er läuft zurück zum Autorennen. Ich sehe seinen Vater an, der grinst, unverkennbar beglückt über mein Staunen, stolz:

Ich weiß Mediennutzung von Kindern ist kontrovers. Ich halte nichts davon, meinen Sohn vom Computer fernzuhalten, wie es mir andere Eltern raten. Jetzt lernt er am besten, je früher er damit anfängt, umso besser. Der kann schon besser mit den Steuerungen umgehen als ich - und viel schneller. Abhalten kann ihn jetzt eh keiner mehr. Er wird bessere Chancen haben als ich.

Ein Genie

Manuels Vater arbeitet in der IT-Branche. Selten, dass er weniger als zehn Stunden am Tag arbeitet, ein Arbeitszimmer zuhause ist nicht notwendig, der Computer schon. Kein Wunder, dass es nicht lange dauerte, bis sich Manuel dafür zu interessieren begann. Schon bevor er zwei Jahre alt war, begann er mit dem Keyboard auf eine Weise zu spielen, die der Vater fördern wollte. Der Mitbewohner ist beeindruckt, der Junge sei zwar etwas schwierig, weil ziemlich introvertiert, aber ein "Genie": "Wie sensibel, fein und intelligent der steuert und die Spiele kapiert. Unglaublich."

In der Schule hat der Junge ein paar Schwierigkeiten. "Konzentrationsschwäche", meint die Lehrerin, so der Vater. Aber das sei doch normal für Kinder seines Alters. "Die haben anderes im Kopf." Etwas Sorgen macht ihm das doch, der Stolz ist aus seinem Gesicht verschwunden.

"Is that a good thing?"

Es scheint, als ob Kinder in jeder neuen Generation immer früher von Medien penetriert werden, so der amerikanische Journalist, Internet-Kolumnist und Neue-Medien-Experte (vgl. Weblogs und die große Freiheit), Mark Glaser und fragte Anfang März seine Online-Leserschaft: "Is that a good thing?"

Sein dreieinhalbjähriger Sohn würde Emails an die Großeltern schreiben und sei davon "besessen", das Malprogramm für Kinder auszuprobieren und jedes Mal, wenn er seinen Vater am Computer arbeiten sehe, würde er lauthals danach verlangen, die Webseite der Sesam Street zu besuchen. Die Eltern hätten sich darauf geeinigt, die Zeit, die der Zögling vor dem Computer verbringt, auf zwanzig Minuten zu beschränken. Doch Verunsicherungen bleiben:

Ist das die richtige Zeit für ihn, einen Computer zu benutzen? Welches Alter ist das beste und warum? Wie früh sollten Kinder online gehen und Erfahrungen mit dem Internet machen? Wie stehts mit Videogames? Wie beschränken Sie die Zeit, welche die Kinder vor dem Bildschirm verbringen?

Positive Tendenz

Die Antworten der Leser des in den USA bekannten Medienbloggers liefern naturgemäß auch nur anekdotische Einblicke in die Reaktionen der Eltern auf diese neue pädagogische Herausforderung, aber in der großen Mehrheit der veröffentlichten Kommentare zeigt sich - trotz kritischer Einschübe - eine positive Tendenz gegenüber der frühkindlichen Mediennutzung (und der Stolz mancher Eltern auf die Frühbegabung):

My son started watching the iTunes display while the baby sleep folder played as an infant. As soon as he had enough manual dexterity to push a key, less than 6 months I think, he had learned how to change manipulate the colors and shapes a little by hitting several keys on the left side of the keyboard and to change a song he didn't like by hitting the right arrow key.

He also learned to hit the space bar to stop the color show.

Internet sites are even beginning to market to children under 5 years of age (and their parents of course) by attempting to build new brand names using tools such as podcasting... Maybe "listening" to a computer has greater appeal to kids in this age group don't ya' think?

My son began "using" the computer at 4 months old. Now, at 6-months, he loves "typing" and looking at still pictures of babies. I don't have him watching moving pictures with bright colors ans things though. I do fear overstimulation. I think when your child shows interest is when you should let them learn.

Selbstverständlich achten alle Eltern, die Glaser geschrieben haben, darauf, dass die Kinder nur eine begrenzte Zeit vor dem Bildschirm sitzen, dass sie beaufsichtigt werden und dass darüber gesprochen wird, schließlich wird Glasers Blog ja von Menschen gelesen, die sich mit Medien auskennen. Neun Tage nach der Umfrage ist für Glaser zumindest klar:

Das Engagement der Eltern ist der Schlüssel. Lassen Sie Ihr Kind nicht alleine online gehen und herumsurfen. Wenn sie online gehen, ist es verblüffend zu sehen, wie viele Quellen es jetzt schon für sie gibt, damit sie den Jargon der Online-Welt lernen.

Die tägliche DVD

Ellen Wartella ist Leiterin des College of Communication an der University of Texas, Austin und Mitautorin der "bahnbrechenden Studie" von 1993 "Zero to Six: Electronic Media in the Lives of Infants, Toddlers and Preschoolers". Demnächst soll nun eine neue ebenso bahnbrechende Studie, an der sie mitgearbeitet hat erscheinen: Babys in Media Land.

War man 1993 noch davon Überrascht, dass Kinder unter sechs Jahren täglich im Durchschnitt zwei Stunden vor einem Bildschirm verbringen, ist die frühkindliche Nutzung neuer Medien in der neuen Studie schon quasi Grundannahme:

Noch vor einer Generation wurden Kinder wahrscheinlich durch Bücher oder das Lesen von Comics auf dem Schoß ihrer Eltern in die Medien eingeführt. Das ist nicht mehr der Fall. Heutzutage werden Kinder in sehr frühem Alter durch elektronische Medien in alle Arten der Mediennutzung eingeführt.

Ellen Wartella

Nach den Vorabergebnissen der neuen Studie schauen etwa 42% der amerikanischen Kinder unter zwei Jahren Video oder DVD - "on any given day". Am meisten hat Wartella Überrascht, dass die Studie herausgefunden hat, dass 26 Prozent aller Kinder unter zwei Jahren einen eigenen Fernseher in ihrem Zimmer ("bedroom") haben (vgl. Fernsehen: Angriff auf das Gehirn?).

In einem Email an Glaser schreibt Wartella, dass die Daten der Studie aber keinen Hinweis darauf geben, dass die "Screen time" für jüngere Kinder schädlich sei. Dafür sei das Thema nicht detailliert genug bearbeitet worden. Allerdings würden die Ergebnisse von einer Serie von Untersuchungen, die andernorts gemacht wurden, nahe legen, dass Kinder erst mit zwei Jahren "screen literacy" entwickeln würden. Was und wie sie von Bildschirm-Medien vor diesem Alter lernen können, sei unklar.

Keine Ahnung

Ähnlich vage auch das Vorabergebnis der neuen Studie. Zwar würden Pädagogen empfehlen, Kinder unter zwei Jahren - in Deutschland werden die Grenzen gemeinhin noch deutlich höher gesetzt - nicht vor einen Fernseh-Bildschirm zu setzen, weil Kinder Interaktion nötig haben, um ein "gesundes Gehirn" zu entwickeln. Doch werde von keinen Untersuchungsdaten gedeckt, wie sich Fernsehen auf das Wachstum des Gehirns auswirke. Forscher hätten dazu keine Daten.

Eine Untersuchung, die Mitte Dezember letzten Jahres veröffentlicht wurde, brachte ebenfalls ans Licht, dass die Forscher keine genauen Anhaltspunkte dafür hatten, wie die neuen Medien sich auf Kleinkinder auswirken, was aber auch heißt, das keine Forschung bestätigen konnte, was die Hersteller von "Baby Einstein" (vgl. Burnout mit Fünf) und "Brainy Baby" behaupten, nämlich dass diese neuen "Tools" irgendeinen erzieherischen Wert hätten.

Die Wahrheit sei, dass wir von Medien überschwemmt würden, aber "nicht wissen, was das für Kinder bedeutet". Man wisse auch nicht genau, warum die Eltern sich so oder so entscheiden würden. Bis dato würden sich die Forscher noch immer nach Anekdoten ausrichten.

Wir sitzen in der Küche. Plötzlich Explosionen und laute Schusssalven aus dem Wohnzimmer. Manuels Vater steht abrupt auf, läuft ins Wohnzimmer, wir hören jetzt Kommandos lauter als der Schusswechsel: "Mach das sofort aus. Wie oft hab ich dir gesagt, dass du dieses Spiel nicht spielen darfst." Mit einem Lächeln im geröteten Gesicht, das den Vaterstolz über den Lausejungen nicht ganz verbergen kann und die Spur Peinlichkeit, die trotz allem entstanden ist, wiedergibt, setzt sich Manuels Vater wieder: "Mediennutzung ist kontrovers, ich weiß schon." (Thomas Pany)